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Das Geschäft mit dem Wetter

Hochs und Tiefs lassen die Kassen klingeln. Vor allem private Firmen machen mit ihren
Vorhersagen Geld – sogar an der Börse. - Foto © NDR/Sven Jaax

TV-Doku über Wettervorhersagen

"Das Geschäft mit dem Wetter"

"Am Rand eines umfangreichen Hochdruckgebiets über Russland fließt kältere, teils feuchte Luft nach Deutschland." So kennen wir das. Egal ob TV-Nachrichten, Internetseite oder Smartphone-App: Der Blick aufs Wetter muss sein. Keiner will mehr auf exakte Prognosen verzichten, weder die Bürger noch die meisten Branchen der Wirtschaft. Verständlich, dass es dabei mittlerweile auch um viel Geld geht.

"Die Wettervorhersagen sind längst zu einem einträglichen Geschäft geworden", behauptet NDR-Autor Sven Jaax, der für eine Reportage hinter den Kulissen von Kaltfronten, Luftmassen-Grenzen und Isobarenkarten recherchierte (Mo., 20.4., 22.00 Uhr, NDR, s. auch TV-Tipps rechts und in unserem TV-Programm). "Das sieht man allerdings nicht immer auf den ersten Blick."

Ein Hoch auf die Technik

Während wir gespannt auf die Aussichten fürs Wochenende warten, läuft im Hintergrund eine gigantische Wettermaschinerie. Jaax: "Kaum jemand weiß, dass hinter fast allen Vorhersagen, egal wo man sie auch sieht, der Deutsche Wetterdienst steckt." Die Meteorologen aus Offenbach am Main liefern die Grunddaten. 310 Millionen Euro beträgt ihr Etat für 2015, davon stammen 260 Millionen Euro aus Steuergeldern. Denn der Deutsche Wetterdienst (DWD) ist eine staatliche Behörde. Damit rund um die Uhr verlässliche Daten gesammelt werden können, steht ein dichtes Messnetz bereit: 183 hauptamtliche und 1795 nebenamtliche Wetterwarten, 580 Meldestellen auf Handelsschiffen, 18 Wetterradarstandorte sowie Beobachtungssatelliten im All. Der DWD rüstet zudem weiter auf: In Offenbach steht eines der schnellsten Rechensysteme der Welt. Die XC30-Modelle der Firma Cray erreichen eine Spitzenleistung von zweimal 550 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde, das entspricht einer Kapazität von mehr als 30.000 handelsüblichen PC.

Anfang 2015 ging auch das neue Vorhersagesystem Icon an den Start. Das derzeit modernste hochauflösende Modell zur Simulation des Wettergeschehens wurde gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Meteorologie entwickelt. Für globale Prognosen umspannt Icon die Erde mit einem feinmaschigen Gitternetz. 13 Kilometer beträgt die Maschenweite. Die DWD-Supercomputer berechnen in nur 60 Minuten das Wetter an 265 Millionen Gitterpunkten – und das bis zu sieben Tage im Voraus

Tschüss, Wetterfrosch

Für Wetterfroschromantik bleibt da kein Platz. "Wir wussten gar nicht, wo wir drehen sollten", erzählt Sven Jaax. "Man betritt die Räume und denkt: Könnte auch ein Finanzamt sein. Die Vorstellung, dass man mit Meteorologen rausgeht und über Wolken und Wind philosophiert – längst vorbei." Bis 2021 sollen auch die letzten Wetterbeobachter durch automatische Datenerfassung ersetzt werden. Dann kommt das endgültige Aus für Wetterwarte wie Ingo Nitschke, der seit 35 Jahren die Messwerte vom Brocken liefert und bei Eis und Schnee in der Station ausharrt. Eine umstrittene (Spar-)Entscheidung.
Können Sensoren wirklich so viel wie Menschen?

Rund 50 Millionen Euro nimmt der Deutsche Wetterdienst pro Jahr aus dem Verkauf von Daten ein. Und für Angebote an spezielle Zielgruppen, Gutachten, Beratungen. Mit 40 Millionen stammt der größte Teil aus Gebühren für den Flugwetterdienst. Kein deutscher Airport kommt ohne die detaillierten Prognosen aus. Diese Einnahmen fließen direkt in den Bundeshaushalt.

Private, bitte übernehmen Sie!

310 Millionen Euro Ausgaben und nur 50 Millionen Euro Einnahmen – klingt nicht nach einem guten Geschäft. Das machen dann eher private Wetterfirmen. Sie bereiten die vom DWD übernommenen Daten auf und verpacken sie verständlich – oft auch schrill. Die "Kaltfront aus dem Osten" wird so gelegentlich zur "Russenpeitsche". Eigene Wetterstationen haben Private in der Regel nicht. Ausnahme: die Berliner MeteoGroup mit Büros etwa in Frankreich, England, Spanien, Schweden und den USA. Sie ergänzt Daten nationaler Wetterdienste mit den eigenen. Weltweit unterhält die Meteo- Group, die im März 2014 vom US-Investor General Atlantic aufgekauft wurde, 1300 Stationen, darunter 900 in Mitteleuropa. Das größte private Messnetz profitiert auch von einem ungewöhnlichen Geschäftsmodell: "Seien Sie Wetterpionier, und nehmen Sie teil an der meteorologischen Entwicklung!", wirbt das Unternehmen. "Gehört Ihnen eine eigene Wetterstation? Oder möchten Sie eine aufbauen?"

Ab rund 18.000 Euro kann jeder eine Standardstation erwerben. Dazu kommen laufende Kosten von rund 600 Euro pro Jahr. Die Daten werden dann an die Meteo- Group übermittelt. Und was hat der Käufer davon? Werbung! Der Name der eigenen Station taucht in TV Vorhersagen und im Internet auf, über Links landet man auf der Homepage des jeweiligen Betreibers. Perfekt für Firmen und Tourismuszentralen, die dann sogar ihr eigenes Wetter präsentieren können. Jaax: "Dafür lassen sich die Vorhersagen auch ein wenig aufhübschen." Dann leuchten Wolken hellstatt dunkelgrau, und die Sonne blinzelt schon mal durch. Nicht verfälscht, aber freundlicher verpackt. Urlauber wollen sich ja wohlfühlen. Die MeteoGroup verspricht zudem: "Alle neuen Stationen werden auf Wunsch vor Ort von einem unserer Meteorologen/ Moderatoren eingeweiht."

Gute Karten zum Geldverdienen

Die Berliner MeteoGroup liefert Daten für www.wetter.info der Deutschen Telekom, unterhält eigene Seiten und Apps wie www.wetter24.de oder WeatherPro. Das große Geld aber wird anderswo gemacht. "Was wir im Smartphone oder Computer sehen, ist gut fürs Image", sagt NDR-Autor Sven Jaax. "Fürs Konto spielen Firmenberatungen die größte Rolle." Rund 80 Prozent der gesamten Wirtschaft sind vom Wetter und damit von exakten Prognosen und Trends abhängig. Auf der Kundenliste privater Wetterdienste stehen Baufirmen, Versicherungen, landwirtschaftliche Großbetriebe, Eventveranstalter, Einzelhandel, Straßendienste, Bahn, Luft- und Schifffahrt, Energiekonzerne. Viele große Firmen beschäftigen mittlerweile eigene Meteorologen.

Weitere Aussichten: sonnig

Die Wetterdaten beeinflussen den Handel mit Strom, helfen bei der Planung von Arbeitseinsätzen und der Überprüfung von Schadensmeldungen. "Zu wissen, wie das Wetter wird und welchen Einfluss es auf das Konsumverhalten nimmt, bringt einen wahren Wettbewerbsvorteil", wirbt die MeteoGroup. "So können Sie frühzeitig zielgerichtete Werbung schalten, Aktionen organisieren und Personal einplanen." Dunkle Wolken in Sicht? Regenschirme ins vorderste Regal! Unwetter möglich? Schnell noch die Ernte einbringen! So einfach ist es nicht immer, das Prinzip jedoch bleibt stets das gleiche. Und weil die ausführlichen Prognosen teuer eingekauft werden sollen, liefern Smartphone-Apps meist nur mäßig genaue Vorhersagen – gewissermaßen B-Ware für den Massenmarkt.

Kaum eine Branche ist so wetterabhängig wie die Energiewirtschaft. Das fängt bei Wind- und Solaranlagen an, betrifft Netzstabilität, Bedarf und Energiehandel. Weht viel Wind, sinkt der Preis. Gehandelt wird an Strombörsen, die ähnlich wie Wertpapierbörsen funktionieren. Die European Energy Exchange (EEX) in Leipzig etwa ist mit über 200 Teilnehmern aus 25 Ländern die führende Energiebörse in Europa. Dort wird Strom für die 24 Stunden des Folgetages gekauft und verkauft, der Terminmarkt ist für mittel- und langfristige Geschäfte gedacht. Verlässliche Wettervorhersagen bringen deshalb einen entscheidenden Vorteil.

Gewitter an der Börse

Eher im Verborgenen blüht noch ein ganz anderes Geschäft. Sven Jaax: "In Chicago gibt es eine Wetterbörse. Dort wird ganz offiziell mit Derivaten gehandelt." Wetterderivate sind gegenseitige Verträge, bei denen Geld fließt, wenn zu viel Regen fällt oder die Sonne zu stark scheint. Anleger spekulieren auf Hochs und Tiefs? Klingt absurd. Die Idee ist jedoch ganz einfach: Firmen übertragen per Vertrag ihr Wetterrisiko – meist auf Banken oder Versicherungen. Beispiel: Ein Eiskremhersteller hofft auf schönes Wetter im Juli. Fällt stattdessen Regen, zahlt der Vertragspartner. Scheint wirklich die Sonne, muss der Hersteller zahlen. An Börsen wie der Chicago Mercantile Exchange werden Derivate dieser Art gehandelt. Die Praxis ist allerdings weitaus verwirrender. Da geht es auch um Basiswerte, Termingeschäfte, CAT-Kurse, Futures. Fast so kompliziert wie das Wetter selbst. Neben solchen riesigen Spekulationsgeschäften macht sich der Nebenerwerb des Berliner Instituts für Meteorologie geradezu kläglich aus. Dort kann jeder die Patenschaft für ein Hoch- oder Tiefdruckgebiet übernehmen. Soll der Name Annelie auf der Wetterkarte auftauchen? Oder Waldemar? Kein Problem. Schon ab 199 Euro gibt es ein Tief. Für ein Hoch, das deutlich länger hält, muss man mindestens 299 Euro hinblättern. Ideal als Geschenk. Dumm nur, wenn das gekaufte Tief dann schwere Unwetter bringt.

Autor: Kai Riedmann