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Ein Eisbär taucht durch ein Becken in der Zoom-Erlebniswelt

Ein Eisbär taucht am Montag (03.05.2010) durch ein Becken in der Zoom-Erlebniswelt in Gelsenkirchen. - Foto: © picture alliance

Wilde Tiere hautnah

Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen

Keine Zäune, keine Mauern, fast wie in wilder Natur: Neue Tierparks wie die Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen wagen Experimente.


Die gewaltige Pranke schwebt nur wenige Zentimeter über dem Kopf des kleinen Mädchens. Doch dieses ruft freudig: "Oh, komm her!" Eisbär Bill erfüllt den Wunsch. Langsam und elegant gleitet er näher an das Sicherheitsfenster, sein massiger Körper füllt die riesige Scheibe fast zur Hälfte aus.

Ihn erwartet ein euphorischer Empfang: entzückte Zoogäste, gezückte Kameras. Ein Dutzend Kinder, Frauen und Männer blickt gebannt auf den schwimmenden Koloss. Der schaut mit großen braunen Augen zurück, als würde er fragen: Gibt's hier was zu beißen?

Eisbär in der Zoom Erlebniswelt
Ein tauchender Eisbär in der Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen. - Foto: © picture alliance

Einen Moment lang wird es still. Hier ist eines der größten Landraubtiere der Erde – zum Greifen nah. Die Ehrfurcht gebietet Ruhe, vielleicht auch ein Fünkchen Urangst. Als Seine Majestät weiterzieht und verschwindet, ruft plötzlich ein Besucher von rechts: "Er ist hier!" Und die Gruppe wandert weiter zum Nachbarfenster und bewundert den weißen Riesen dort ein zweites Mal.

Sibirische Tiger in der Zoom Erlebniswelt

Szenen wie diese spielen sich täglich ab in der Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen, einer neuen Art von Zoo im Herzen des Ruhrgebiets. Der Tierpark öffnete 2005 seine Pforten, teilweise als Baustelle. Im Mai 2013 wurde nun mit dem 1000 Quadratmeter großen Revier für die Sibirischen Tiger Thrax, Manu, Virgil und Roger die letzte Landschaft fertig. Mit rund 900 Tieren aus über 100 Arten ist der Park zwar nicht der größte seiner Art, aber der erste, der konsequent neue Wege geht und damit im Schnitt 6000 Besucher pro Tag anlockt.

Sibirischer Tiger in der Zoom Erlebniswelt
Der Sibirische Tiger Virgil in der Zoom Erlebniswelt in Gelsenkirchen in seinem neuen Gehege. - Foto: © picture alliance

"Wir hatten die einmalige Chance, auf dem Gelände des alten Ruhr-Zoos einen Tierpark komplett neu zu gestalten", sagt Zooleiter Jörg Plischka, der als Ingenieur für die Bauleitung des 92-Millionen-Euro-Projekts verantwortlich zeichnete. Der Entwurf der Karlsruher Architektin Giggi Heuß verfolgte eine klare Vision: "Großzügige, naturnahe Reviere in den Erlebniswelten Asien, Afrika und Alaska, ohne sichtbare Begrenzungen für den Besucher." Die 30 Hektar wurden mit Hügeln, Kunstfelsen, Gewässern und üppiger Bepflanzung gestaltet. Motto: Safari im Pott – Weltreise an einem Tag.

Safari im Pott – Weltreise an einem Tag

In Asien gibt es originalgetreue Pfahlhäuser, in Alaska eine Hängebrücke am Bärenfluss, in Afrika eine Holzlodge mit Blick auf die Savanne, in der Zebras, Antilopen und Nashörner grasen. Vogel Strauß, Marabus und mehrere Antilopenarten teilen sich ein Revier. Diese "WG" dient nicht nur möglichst authentischer "Wildnisoptik", sondern auch der Zerstreuung der Tiere. "Die größte Herausforderung ist nicht etwa Platzmangel, es ist Langeweile", weiß Biologin und Zoom-Sprecherin Sabine Haas. "Solche Tiergemeinschaften wirken da anregend."

Im Tropenparadies etwa bilden Orang-Utans und Zwergotter mit Hulman-Affen eine WG. Der britische Zooexperte Anthony Sheridan, der 80 europäische Tierparks analysierte, bescheinigt der Gelsenkirchener Anlage "Stärken bei der Gemeinschaftshaltung unterschiedlicher Arten" und "große, clevere Außenanlagen unter Vermeidung sichtbarer Barrieren".

Orang-Utansin der Zoom Erlebniswelt
Orang-Utans schmusen in der Asien-Freilufthalle der Zoom Erlebniswelt im Gelsenkirchener Zoo. - Foto: © picture alliance

Besonders raffiniert ist die Bootstour auf dem malerischen Afrikasee: Gäste schippern auf einem flachen Kahn im Stil der "African Queen" vorbei an Pavianen, Flamingos und Flusspferden – scheinbar barrierefrei. Die Dickhäuter, eine der gefährlichsten Tierarten, sind durch im Wasser versteckte Betonwände sicher abgeteilt.

Wohlgemerkt, die Gelsenkirchener haben diese baulichen Innovationen nicht erfunden, aber sie konnten bewährte Ideen in ein klares Konzept einbetten. Und neue Materialien nutzen, etwa beim neun Meter langen begehbaren Acrylglastunnel im Seelöwenbassin. Das Löwengehege ist wiederum dem berühmten Waterberg-Felsen in Namibia nachempfunden und mit Gräben gesichert, die für Besucher unsichtbar überwuchert sind.

In den 80er-Jahren begann in vielen Zoos das Umdenken: "Mit den Ansprüchen der Besucher haben sich auch die Parks gewandelt", erklärt der Biologe Dirk Petzold, Vorstandsmitglied der Stiftung Artenschutz. "Die Besucher wollen die Tiere in einem naturnahen Lebensraum sehen – nicht in vergitterten Badezimmern."

Arche für bedrohte Arten

Zudem sind die Fronten zwischen Kritikern und Befürwortern von Zoos nicht mehr so verhärtet wie einst. "Zoologische Gärten entwickeln sich zu Naturschutzzentren", sagt Biologe Petzold. "Sie betreiben neben der früher oft überbetonten reinen Arche-Noah-Funktion für bedrohte Arten vermehrt eigene Artenschutzprojekte und leisten Umweltbildung."

Giraffe in der Zoom Erlebniswelt
Dieser Giraffenbulle ist schon das neunte Giraffenjungtier, das in der Zoom Erlebniswelt geboren wurde. - Foto: © picture alliance

In Europa kooperieren über 300 Zoos bei den Erhaltungszuchtprogrammen (EEP) von 150 bedrohten Arten. Zoom koordiniert das EEP-Zuchtbuch für Rothschild-Giraffen, von denen wild lebend nur noch wenige Hundert existieren – in Uganda und Kenia. Bei der elfköpfigen Herde in Gelsenkirchen klappt es mit dem Nachwuchs: Seit 2006 kamen neun Junge zur Welt. Dank einer abgesenkten Bodenplatte und eines Aussichtshauses vor der 5000 Quadratmeter großen Buschsavanne begegnen die Besucher sogar dem 4,70 Meter großen Leitbullen Kito auf Augenhöhe.

Die Zuchtbücher sind mehr als Selbstzweck, so Petzold: "Durch die Zucht in Zoos überlebten in der Wildnis bereits ausgestorbene Arten wie der Kalifornische Kondor, der Balistar und die mongolischen Przewalski-Pferde, die übrigens auch wieder ausgewildert werden."

Autor: Dagmar Weychardt