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Tiger

Fotos © www.piqs.de / thiesi111, CC (Some rights are reserved.)

Der Jäger wird selbst gejagt

Wilde Tiger in Gefahr

Die Fährte ist frisch. Tief haben sich mächtige Pranken in den Regenwaldboden gegraben. Der Tiger muss erst vor Kurzem hier vorbeigekommen sein. Für die Mitglieder der Patrouille, die durch den dampfenden Dschungel im Herzen Sumatras unterwegs sind, beginnt jetzt die Arbeit: Abdrücke vermessen, Kratzspuren zählen, Karten zeichnen. Bei 40 Grad Hitze und fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit sind sie dem König der Raubkatzen auf der Spur. Wie viele Tiger leben noch auf Sumatra? Welche Pfade wählen sie? Wo schlagen Wilderer zu?
Es steht schlecht um die gestreifte Raubkatze. "Zwei der sechs weltweit noch existierenden Tigerarten sind vom Aussterben bedroht", warnt Stefan Ziegler, Artenschutzexperte der Umweltorganisation WWF. Die übrigen gelten laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion IUCN als "stark gefährdet". Bali- und Java-Tiger sowie der Kaspische Tiger sind längst ausgestorben. Vermutlich gibt es weltweit nur noch 3200 bis 3500 wild lebende Tiere.

Eine Raubkatze im Visier

Kein Wunder, dass im "Jahr des Tigers", das nach chinesischem Kalender am 14. Februar 2010 beginnt, eine einzigartige Kampagne geplant ist. Als Höhepunkt treffen sich im September Staats- und Regierungschefs zu einer großen Tiger-Konferenz in Wladiwostok. Vielleicht die letzte Chance für eine Raubkatze, die einst von Sibirien bis Anatolien die Wälder und Savannen beherrschte.

Dabei gilt der Tiger eigentlich als sehr anpassungsfähig. Um in den eisigen Weiten Russlands und Chinas zu überleben, hat sich der Amurtiger ein dickes Winterfell zugelegt. Damit trotzt er Temperaturen von minus 45 Grad Celsius, geht im Schutz der Dunkelheit als Einzelgänger auf Beutejagd. Rehe, Wildschweine und Elche haben kaum Chancen gegen ein bis zu 300 Kilogramm schweres und 2,20 Meter langes Tiger-Männchen, das sich lautlos durch den Schnee anschleicht und zum Sprung ansetzt.

Im Regenwald ist dagegen Wendigkeit gefragt. Deshalb wiegt der Sumatra-Tiger nur halb so viel wie sein großer Bruder, kann die Beute auch zwischen üppiger tropischer Vegetation nach kurzer Hetzjagd zur Strecke bringen. Und weil sein Revier von Flüssen durchzogen ist, hat er Schwimmhäute zwischen den Zehen, mit denen er elegant durchs Wasser gleitet.

König ohne Reich

Warum es ihm trotzdem so schlecht geht, erleben die Patrouillen in den Schutzgebieten hautnah: Rund um die Uhr kreischen Motorsägen, der Regenwald stirbt. "Papier- und Zellstoffkonzerne, neue Ölpalmenplantagen und illegaler Holzeinschlag bedrohen seinen Lebensraum", sagt WWF-Experte Ziegler. In den letzten 150 Jahren wurden dem Tiger weltweit 93 Prozent seiner Heimat geraubt, 40 Prozent allein in den vergangenen zehn Jahren. Stefan Ziegler: "Sumatras Schutzgebiete sind inzwischen wie Inseln in einem Meer aus Palmen- und Zellstoffplantagen."

Um diese Inseln miteinander zu verbinden, startete der WWF das Projekt Tigerstraße, bei dem vor sechs Jahren auch HÖRZU mithalf. Solche Korridore sind wichtig, damit die Tiger wandern und jagen können und ein genetischer Austausch zwischen den Gruppen stattfindet. Mit jedem neuen Abonnement spendete HÖRZU damals 50 Euro. Von dem Geld wurden auch 30 Spezialkameras gekauft. Jetzt tappte erstmals eine Tigerin mit zwei Jungen in eine Kamerafalle.

Da die Männchen als Einzelgänger leben, kümmert sich die Mutter um den Nachwuchs. Erst nach rund anderthalb Monaten verlassen die anfangs blinden Jungtiere das Lager, in dem sie auf die Welt kamen. Vier weitere Monate vergehen, bevor die Kleinen ihre Mutter auf der Pirsch begleiten dürfen und spielerisch das Jagen lernen. Bei einem dieser Streifzüge gerieten sie ins Visier der Videokamera, die durch Körperwärme aktiviert wird. Mit den Daten dokumentieren Tierschützer den Bestand und die Wanderrouten, um gegenüber Regierung und Konzernen den Schutz der letzten Tiger durchzusetzen.

Doch ob die zwei gefilmten Jungtiere eine Zukunft haben, ist ungewiss. Denn die Wilderer lauern bereits. "Die Nachfrage nach Tigerprodukten für die asiatische Medizin ist in den letzten Jahren wieder gestiegen",erklärt Stefan Ziegler. "Es gibt einen florierenden Handel nach Indien, über Nepal und Tibet in die Küstenregionen Chinas." Aus allen legalen Medizinprodukten wurden Tigerbestandteile längst verbannt, jeglicher internationale Handel ist untersagt. Umso mehr blüht die Wilderei – ein lukratives Geschäft mit Fell, Zähnen, Knochen, Klauen, Schnurrhaaren denen Wunderwirkung zugeschrieben wird. So wird aus dem majestätischen Jäger ein Gejagter.

Autor: Kai Riedemann