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Im Reich der wilden Tiere  - Foto: © picture alliance / Arco Images

Im Reich der wilden Tiere - Foto: © picture alliance / Arco Images

Planet Erde

Wie arbeiten Tierfilmer?

Wie arbeiten die besten Tierfilmer? Das sind ihre neuesten Projekte, so entstehen ihre spektakulärsten Bilder.

Die Felswand ist steil und zerklüftet. In den Klippen nistet eine Kolonie Lummen auf schmalen Vorsprüngen. Zu Tausenden bevölkern sie die Küste von Spitzbergen in Norwegen, ein riesiges Wimmelbild. Doch etwas irritiert. Ein großer weißer Fleck bewegt sich oben an der Wand. Einige Hundert Meter entfernt beobachtet eine Filmcrew das Geschehen vom Wasser aus.


Drama in der Steilwand

Der britische Produzent und Regisseur Alastair Fothergill hat einen Eisbrecher gechartert. Oben am Mast ist das mächtige Auge des Teams angebracht: die Heligimbal, eine kreiselstabilisierte Spezialkamera mit starken Zoomlinsen. Der Kameramann bedient sie per Joystick am Computer und zoomt an den weißen Fleck heran. Die Großaufnahme enthüllt: Es ist ein gewaltiger Eisbär, der sich in schwindelnder Höhe am Fels entlangdrückt – für ein bisschen Rührei.

"Nur die verrücktesten Polarbären steigen die Klippen hinauf", erklärt Fothergill. Am Ende der Saison, wenn das Eis geschmolzen und die Robbenzeit vorbei ist, plündern die größten Landraubtiere sogar Nester. Einige wenige gehen die Wände hoch.
Fothergill: "Ich hatte von dem Verhalten gehört, aber so ist es noch nie gefilmt worden." In seiner Stimme schwingt Begeisterung mit.

Der Dreh gelang erst kürzlich. Fothergill zeigt die Sequenz auf seinem Laptop. Ein erster Blick auf "The Hunt" ("Die Jagd"), den neuen Siebenteiler, den er im Auftrag der BBC dreht. Sendetermin: 2015. Es geht um die Strategien der Jäger und die Raffinesse der Beutetiere, ihnen zu entgehen. "Ich will, dass der Zuschauer die Jagdkunst bewundert und begreift, wie schwer es ist, ein Eisbär zu sein."


Tierfilmer Alastair Fothergill

Alastair Fothergill

Der erfolgreiche Tierfilmer Fothergill. - Foto: © picture-alliance/ dpa

Der Steven Spielberg des Naturfilms – so wird der Brite (53) genannt. Schon als Junge dressierte er Falken und beobachtete in den Dünen Norfolks Vögel, wenn er mit der Familie die Ferien an der Küste verbrachte. Als Student der Zoologie drehte er den ersten Film, klopfte bei der BBC an und stieg dort rasch auf. Mit Naturfilmerlegende David Attenborough produzierte er preisgekrönte Reihen wie "Unser blauer Planet", "Planet Erde" und "Eisige Welten".
2012 verließ er die BBC und gründete Silverback Films in Bristol. Nächster Kinofilm: "Bären" (12. Juni, Disney). Neues Großprojekt: "The Hunt" (2015, BBC).


BBC: Klassenbeste aus Bristol

Der Brite residiert in einem zweistöckigen Altbau in Bristol. Die Lage in der Stadt am Avon ist kein Zufall: Ein paar Straßen weiter ist die berühmteste Abteilung der britischen Rundfunkanstalt BBC untergebracht, die Sparte für Naturdokumentationen. 29 Jahre prägte Fothergill den Sender von innen, heute bekommt er Aufträge. Sein berühmtestes Werk, der Elfteiler "Planet Erde" (2006), revolutionierte die Branche. Es war die erste Tierfilmreihe in HD, glänzte mit spektakulären Luftaufnahmen und nie gezeigtem Verhalten, etwa einer Jagdsequenz mit einer wilden Schneeleopardin im Himalaja. Die DVD ist die meistverkaufte Dokureihe in den USA, der Kinofilm spielte weltweit 108 Millionen Dollar ein.

Fothergill ist ein Hüne mit Ringerkreuz und festem Händedruck. Hart im Nehmen ist er sowieso: Der 53-Jährige war am Südpol, am Nordpol, 4500 Meter hoch im Himalaja und drei Meilen tief im Ozean.

Tierfilmer in Lebensgefahr?

Arbeiten Tierfilmer eigentlich ständig in Lebensgefahr? "Wer in Gefahr gerät, ist schlecht vorbereitet", winkt er ab. Schlechte Straßen und Unfälle mit Helikoptern oder Heißluftballons ängstigen ihn mehr als Löwe, Tiger und Bär. Alle paar Monate tauscht der mächtige Strippenzieher seine Wildlederslipper gegen Trekkingstiefel und besucht seine Teams im Feld. Sein Anspruch ist hoch: " Jedes Bild muss ein Rembrandt sein. Da bin ich streng."

Für "The Hunt“ dreht er weiter an der Qualitätsschraube, filmt im 4K-Format, das die Auflösung von HD noch verdoppelt. Kosten: 12 Millionen Pfund. „Wer Neues zeigen will, braucht dieses Budget“, weiß Fothergill. Neues – damit meint er Material wie jene Bilder, die ihn aus Sambia erreichten: Ein Rudel Wildhunde jagt Gnus durch unwegsames Gelände. Die Kamera scheint gleichauf mit den Hunden zu schweben. Bei 70 Stundenkilometern. ´"Das ist kinoreif", frohlockt er.

Die neue Technik bleibt bis zur Premiere sein Geheimnis, die Angst vor Nachahmern ist groß. Die Briten haben Konkurrenz vom Festland bekommen. Insbesondere die Hamburger Filmschmiede Studio Hamburg Doclights, die vor allem für den NDR und Das Erste arbeitet, räumt auch weltweit Preise ab.
"Wir setzen stark auf internationale Koproduktion", sagt Geschäftsführer Jörn Röver. Er weiß: "Gute Tierfilme funktionieren über Drehtage." Jeder Tag kostet Geld.
Um einen Vierteiler plus Making-of über Australiens Tierwelt zu finanzieren, der im Herbst im Ersten läuft, gewann er den amerikanischen National Geographic Channel und die österreichische Terra Mater als Partner. Budget: knapp zwei Millionen Euro.


Tierfilmer Thoralf Grospitz & Jens Westphalen

Am Lagerfeuer beschlossen Thoralf Grospitz (50) und Jens Westphalen (49) während des Biologiestudiums, ihren Kindheitstraum wahr zu machen und Tierfilmer zu werden. Ihre Berufsehe hält bereits 20 Jahre, heute gehören die beiden zu den Besten ihrer Zunft. 2012 erhielten die Hamburger eine Emmy-Nominierung für "Wildes Japan". Als die Nachricht kam, drehten sie gerade ihr Herzensprojekt: einen Vierteiler über die Lebensräume Australiens. Die internationale Koproduktion steht unter der Federführung von NDR Naturfilm/Doclights. Höhepunkt: ein Riesenschwarm Wellensittiche.
Sendetermin: im Frühjahr auf Arte, im Herbst bei der ARD.


Australien, die Heimat der Wellensittiche

Wellensittiche

Nur wenige wissen, dass Wellensittiche in Australien leben - Foto: © picture alliance / Arco Images

Die Idee zu der Reihe hatten die Hamburger Jens Westphalen und Thoralf Grospitz.
In drei Jahren Drehzeit legten sie 90.000 Kilometer zurück. Gerade erst schüttelten sie sich den Wüstenstaub aus den Schuhen. Ihre Ausbeute ist fantastisch: eindrucksvolle Szenen mit garstigen Koalas, Spionagebilder aus dem Beutel einer Kängurumutter und eine quietschgrüne Überraschung.
"Kaum einer weiß, dass Australien die Heimat der Wellensittiche ist", so Westphalen. Sein Traum war es, einen großen Schwarm zu filmen.
Das Problem: Die Vögel tun sich nur alle paar Jahre kurz in Massen zusammen. Wo und wann, ist unvorhersehbar.

Auf einer Erkundungsfahrt südlich von Alice Springs, mitten im Outback, entdeckten die beiden einen Riesenorganismus aus rauschenden Flügeln. "Es waren Hunderttausende", erzählt Westphalen. "Wären wir eine halbe Stunde später gekommen, hätten wir sie verpasst. Ein so großer Schwarm wurde noch nie gefilmt."

In der Zeitlupe ist sogar das Kopfschütteln der hektischen Vögel genau zu erkennen. "Die Sehgewohnheiten verändern sich", sagt Grospitz. "Die Zuschauer erwarten neue Blickwinkel." Früher reichte eine Kamera, heute haben Profis wie er sechs Apparate im Gepäck. Hinzu kommen Drohnen, Schienen, Kräne.

Die Geschichte ist der Star

Was macht einen guten Tierfilmer aus? Fothergill nennt extremes Durchhaltevermögen, Naturwissen und die Fähigkeit, das Schicksal einer Spezies so zu erzählen, dass der Zuschauer mitfühlt. Sein deutscher Kollege Thomas Behrend, der gerade den außergewöhnlichen Zweiteiler "Mythos Kongo" vollendet hat und nun für den NDR in Südafrika dreht, ergänzt: "Der Zuschauer muss spüren, was für eine Anstrengung es für einen Brillenpinguin ist, in der Hitze Südafrikas zu brüten. Ein paar Grad mehr, und sein Gelege ist verloren." Das rührt an und regt auf – deutlich mehr als das ewige Warnen vor den Folgen des Klimawandels.


Tierfilmer Thomas Behrend

Der Held seiner Kindheit war Jacques-Yves Cousteau. Den Eltern zuliebe studierte Thomas Behrend (49) zunächst Maschinenbau. Parallel lernte er Sporttauchen und bildete sich zum Unterwasserkameramann weiter. Er schwamm mit Weißen Haien, Teufelsrochen und Walen.
"Giganten der Meere" war 2011 für die GOLDENE KAMERA nominiert. Seine Firma Blue Planet Film zählt zu den größten unabhängigen Tierfilmproduktionen hierzulande. Gerade hat Behrend den Zweiteiler "Mythos Kongo" (geplante Sendetermine: 26.5. und 2.6., 20.15 Uhr, Das Erste) für NDR Naturfilm/Doclights beendet, ein faszinierendes Porträt des afrikanischen Flusssystems.


Gemeinsame Neuseelandreihe

Der Markt der Tierfilme ist längst global verflochten. Die BBC, früher Platzhirsch, tauscht sich mit der Konkurrenz aus und geht auf Kuschelkurs. Ergebnis: BBC und NDR Naturfilm/Doclights drehen nun gemeinsam eine Neuseelandreihe. Zusammen sind sie auf der Jagd nach dem besten Bild.

Autor: D. Weychardt