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Der Zug der Kraniche

Eine Gruppe Kraniche fliegt in ihr Überwinterungsgebiete; Bild: © dpa

Grazien am Himmel

Wenn die Kraniche ziehen

Sie sind die Grazien unter den Vögeln. Langbeinig und schlank, das Gefieder überwiegend in elegantem Grau. Dichter waren von ihnen betört, nur Gutes war stets mit ihnen verbunden: Glück, langes Leben, Weisheit. Jetzt im Herbst kann man besonders schön beobachten, wie die Kraniche, die bis zu 1,50 Meter Körperlänge erreichen, schreiten und tanzen.

Derzeit sammeln sich die Kraniche zu Zigtausenden in Mecklenburg-Vorpommern, bevor sie in den Süden fliegen. Sie sind aus Skandinavien gekommen, aus Polen und dem Baltikum. Am besten zu sehen sind sie in der vorpommerschen Boddenlandschaft und auf Rügen: "Bei uns in Groß Mohrdorf stehen sie bis zum Dorfrand", sagt Dr. Günter Nowald, Leiter des dortigen Kranich-Informationszentrums.

Und dann, ab Mitte Oktober, beginnt er, der berühmte Zug der Kraniche. Den Hals vor-, die Beine nach hinten gestreckt, fliegen sie in meist keilförmiger Ordnung über das Land. Mal nur zehn Kilometer am Tag, manchmal 2000 Kilometer nonstop. Mal bummeln sie mit 30 km/h, bei Rückenwind erreichen sie Autobahn-Richtgeschwindigkeit: 130 km/h.

Schon seit 10.000 Jahren teilt sich der Zug der europäischen Kraniche in einen westlichen und einen östlichen Weg. Letzterer geht über Ungarn, teilt sich dann erneut. Ein Weg führt über den Balkan nach Tunesien, der andere die türkische Ägäis entlang und weiter das Jordantal hinab nach Israel. Und dann? Ein Forschungsprojekt soll Klarheit bringen.

Ahnungslos wandern ein paar Kraniche in Israels Morgensonne über den Acker, picken Körner auf. "Noch sind sie zu weit weg", flüstert der spanische Ornithologe Javier Alonso. Schließlich drückt er auf den Auslöser: Von Miniraketen gezogen schießt ein Netz hoch und senkt sich über vier entsetzt schreiende Vögel. Helfer rennen los, ziehen den Tieren Blendkappen über den Kopf und bringen sie in ein abgedunkeltes Zelt, wo sie sich langsam beruhigen. Von nun an sind sie wissenschaftliche Mitarbeiter der Umweltstiftung Euronatur und der Lufthansa, die den Kranich im Wappen führt. Am Abend bekommen die vier Vögel einen kleinen Rucksack aufgeschnallt, 70 Gramm schwer. Es ist ein Satellitensender, der den Forschern etwa drei Jahre lang verrät, wo sich die Vögel aufhalten.

Erste Ergebnisse des Projekts sind überraschend: Einige Tiere verzichten auf die Weiterreise und bleiben in Israel. Die anderen aber ziehen nach Afrika, den Nil hoch, und überwintern in den Sümpfen Äthiopiens.

Ebenso neu ist, was die Forscher um Dr. Nowald zur Westroute über Deutschland, Frankreich und Spanien herausfanden. Wie viele Kraniche überhaupt noch über Gibraltar nach Afrika gelangen, ist ungewiss. Die Mehrzahl bleibt in Frankreich, andere fliegen weiter zur spanischen Extremadura, wo neuerdings massiv Reis angebaut wird, der die Tiere gut durch den Winter bringt.

"Die Anpassung an wärmere Winter und die Gestaltung der Landschaft mit Seen und Rastplätzen, die ideal für sie ist, haben den Vögeln sehr geholfen", sagt Biologe Nowald. "Die Zahl der Kraniche bei uns steigt steil an." Abgesehen davon, dass in Südfrankreich reihenweise Stauseen gebaut wurden, in deren Uferbereich die Vögel bestens Nahrung finden, existieren auch überall auf ihrem Zugweg Rastgebiete, sodass die Verluste auf den Tausende Kilometer langen Wanderwegen nur noch gering sind.

Am meisten profitieren die Kraniche ironischerweise von der Massentierhaltung. Der dafür nötige Mais, in ganz Europa angebaut, ernährt auch die Zugvögel. Milde Winter in Südeuropa und reichlich Futter – wer will da noch wie die Ahnen nach Afrika?

Lange halten sich die Kraniche, die ja erst im Spätherbst weggeflogen sind, im Süden sowieso nicht auf. Manche sind schon Ende Februar zurück in Norddeutschland. Eile ist angesagt, denn eine Saison voller Tanz und Balz liegt vor ihnen. Auch wenn ein Paar schon jahrelang monogam verbunden ist – die Balz beginnt jedes Jahr aufs Neue. Das Paar sucht sich eine offene Fläche und breitet die Flügel aus, deren Spannweite 2,45 Meter erreichen kann. Dann folgen Sprünge, Läufe, grazile Beinbewegungen. Dabei trompeten die Vögel lauthals, laufen mal geradeaus, mal in Bögen, rupfen Pflanzenteile aus und werfen sie in die Luft. Sie balzen selbst noch miteinander, wenn die Eier – meist zwei – gelegt und gemeinsam bebrütet werden, sie balzen auch, wenn nach etwa zehn Wochen die Jungen flugfähig sind und wissen, wie und wo man Mäuse, Fische und Insekten fängt, Körner, Beeren und Eicheln aufpickt, Gemüse, Wurzeln und Halme zupft.

Es muss ein schönes Leben sein, mit einem starken Hang zum Sozialen. Schon im August verlassen die Kranich-Familien ihr Brutgebiet und ziehen zu den Sammelstellen, wo sie mit Tausenden Artgenossen noch Monate verbringen, bis sie gemeinsam nach Süden fliegen, miteinander rasten, den Winter verbringen und dann wieder zurückkehren. So viele glückliche Lebensumstände, dazu Schönheit und Eleganz, steigende Geburtenraten, höchstes Ansehen bei Dichtern und Philosophen – irgendwo muss doch ein Pferdefuß sein. Es ist die Stimme der Vögel: lautes, nervtötendes Tröten und Trompeten, das so gar nicht zu ihrer feinen Erscheinung passt. Ein Gedanke drängt sich auf: Haben sich die Afrikaner etwa von den Kranichen inspirieren lassen, als sie die Fußball-Tröte Vuvuzela erfanden?

Autor: Walter Karpf; Bilder: © dpa Picture-Alliance GmbH