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Junge Gibbons werden nach ungefähr einem Jahr von der Muttermilch entwöhnt.

Junge Gibbons werden nach ungefähr einem Jahr von der Muttermilch entwöhnt und bleiben bis zur Geschlechtsreife mit sechs bis acht Jahren in der Familie. - Foto © picture alliance / Arco Images G

Die treuesten Affen der Welt

Weißwangen-Schopfgibbons

Gibbons: die einzigen Affen, die singen

Morgens schallen helle Triller durch den Regenwald. Die Laute erinnern an das warnende Piepen einer Autoalarmanlage. Doch es gibt nicht einmal Straßen in dieser entlegenen Gegend im Hochland Vietnams. Es sind Gibbons, die ihre Ständchen darbieten: Mal singen Liebende ein Duett, mal schmettert ein Tenor eine zehnminütige Arie. So schützt er sein Territorium vor Konkurrenz. Sein Lied ließe sich in etwa so übersetzen: "Bleib weg von hier, dies ist mein Revier!“

Gibbons sind die einzigen Affen, die singen. Es war dieses außergewöhnliche Talent, das jetzt zu einem sensationellen Fund im Nationalpark Pu Mat an der Grenze zu Laos führte. Dort entdeckten Forscher eine große Kolonie des Nördlichen Weißwangen-Schopfgibbons, einer vom Aussterben bedrohten Art. Die Wissenschaftler zählten 455 Tiere, die verteilt in etwa 130 einzelnen Familien leben – bislang unbemerkt von der Öffentlichkeit. Damit umfasst die Kolonie zwei Drittel der Art in Vietnam – und gilt deshalb als die einzige überlebensfähige der Welt. „Die Entdeckung ist ein Hoffnungsschimmer für diese stark bedrohte Gibbonart“, sagt der regionale Projektleiter und Primatologe Dr. Ben Rawson von der amerikanischen Naturschutzorganisation Conservation International.

Um den nur rund 60 Zentimeter großen und knapp sechs Kilo schweren Baumbewohnern auf die Spur zu kommen, starteten Rawson und sein Team Anfang 2010 einen großen Lauschangriff. Bei der Gibbon-Feldforschung werden die Rufe und Gesänge der streng territorial lebenden Affen protokolliert und analysiert. Anders kommt man den flinken Akrobaten kaum auf die Spur. Die Wissenschaftler und einheimische Helfer schlugen sich entlang der Flüsse durch dichten, unberührten Urwald und erklommen glitschige Steilhänge. "Wir standen ein paar Stunden vor Sonnenaufgang auf, kletterten auf einen Gipfel und erwarteten die Gibbons, die gut einen Kilometer weit zu hören sind“, berichtet Rawson.

Weißwangen-Schopfgibbon: Ihr Tempo und ihre Eleganz sind atemberaubend

Mit seinem Team besetzte er von fünf bis zehn Uhr morgens insgesamt 18 Horchposten im Abstand von mindestens drei Kilometern. Die Hälfte der Lauschstationen befand sich in Lagen über 700 Meter Höhe – dort wurden auch 110 der insgesamt 130 Gruppen ausgemacht. Gibbons leben in den Kronen der Regenwaldbäume und bewegen sich an ihren extrem langen Armen elegant von Ast zu Ast. Bei ihren bis zu drei Meter weiten Schwüngen scheinen sie förmlich zu fliegen. "Mit ihren traurig-schönen Morgenliedern und den schnellen Gleitflügen durch das Blätterdach wirken sie wie Waldgeister", schwärmt Rawson. "So schnell, wie sie aufgetaucht sind, verschwinden sie wieder. Ihr Tempo und ihre Eleganz sind atemberaubend."

Selten balancieren Gibbons sogar aufrecht gehend auf einem Ast und setzen dabei elegant einen Fuß vor den anderen – eine evolutionäre Vorstufe des aufrechten Ganges. Tatsächlich sind sie Kleine Menschenaffen. Ihre Vettern, große Primaten wie etwa Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans, sind durch ihre gemächlichere Art und die Bindung an den Boden allerdings leichter zu beobachten. Das Monitoring der Geräusche ist tatsächlich die einzige Möglichkeit, den Bestand der Gibbons zu schätzen. Ein erwachsenes Pärchen des Nördlichen Weißwangen-Schopfgibbons beansprucht mit seinen bis zu drei Jungtieren etwa 20 bis 45 Hektar. Junge Gibbons werden nach ungefähr einem Jahr von der Muttermilch entwöhnt und bleiben bis zur Geschlechtsreife mit sechs bis acht Jahren in der Familie.

Die Affen fressen hauptsächlich Früchte, zwischendurch aber auch Blätter, Blüten, Insekten und kleine Tiere. Ihre bis zu 20 Minuten langen Lieder dienen nicht nur der Revierabgrenzung, sondern festigen auch die Bindung der monogam lebenden Paare – als Plausch unter Gefährten. Männchen und Weibchen singen im Duett mit jeweils eigenen Strophen. Die Weibchen stoßen aufsteigende Triller aus, sogenannte "große Rufe". Das Repertoire der Männchen ist reicher und ganz anders: Die Herren modulieren hohe Stakkato-Kurzlaute und Strophen mit großen Frequenzsprüngen.


Hoffnung für die Gibbons

Gibbons gehören zu den Kleinen Menschenaffen und leben in den Urwäldern Südostasiens. Alle 15 Arten sind bedroht – durch Jäger und schrumpfende Lebensräume. Im vietnamesischen Nationalpark Pu Mat wurde kürzlich eine 455 Tiere große Kolonie des Nördlichen Weißwangen-Schopfgibbons entdeckt – womöglich die größte Population weltweit.


Gibbonpaare: faszinierender Kontrast in Schwarz-Weiß

Alle Arten singen anders, es gibt sogar regional ausgeprägte Dialekte. Manchmal dröhnt ein Gibbon seine Botschaft aber auch frei Schnauze durch den Wald – das ergab eine Untersuchung des deutschen Primatenzentrums in Göttingen. Gibbonkinder beteiligen sich schon im ersten Jahr an den Darbietungen der Eltern. Ihre Gesänge sind einzigartig unter den Affen und inspirierten einen chinesischen Dichter im vierten Jahrhundert zu den Zeilen: "Traurig sind die Rufe der Gibbons in den drei Schluchten von Pa-tung. Nach drei Rufen in der Nacht netzen Tränen die Kleidung des Reisenden.“

Optisch bilden Gibbonpaare einen faszinierenden Kontrast: Bei den Nördlichen Weißwangen-Schopfgibbons ist das Weibchen gelbweiß, das Männchen rabenschwarz. Sie hat einen dunklen Scheitelfleck, er weiße Wangen. Das schwarz-weiße Fellknäuel auf einem Ast, ein Pärchen, erinnert an Brautleute in Frack und Seide. Gibbons sind die treuesten Affen weltweit und gehören damit zu jenen drei Prozent der Säugetiere, die eine nahezu monogame Ehe führen. Der jüngste Durchbruch gibt den Gibbons in freier Wildbahn wieder etwas Hoffnung. Aber die Forscher haben nicht nur das Naturkonzert der Dschungelbewohner protokolliert – vereinzelt bekamen sie auch Kettensägen zu hören. "Wir brauchen einen Nationalpark, der nicht nur auf dem Papier geschützt wird", fordert Rawson. Seine Entdeckung ist der beste Grundstein dafür.

Autor: Dagmar Weychardt