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Walross

Ein Walross ist unter Wasser deutlich beweglicher als an Land. / Fotos: © picture alliance / kpa

Gefährdet durch die Klimaerwärmung

Walrosse: die sensiblen Dicken der Meere

Besonders unter Adeligen ist der Handkuss noch verbreitet: Sanft hingehaucht stellt er in feinen Kreisen eine gern vergebene Ehrerbietung dar. Auch Walrosse küssen gern Hände – wenn man sie lässt. Vom Hauchen jedoch haben die massigen Tiere noch nie gehört: Zuerst kitzelt ein kräftiger Schnurrbart die Haut. Dann spürt man zwei starke Lippen und ein so kräftiges Saugen auf der Hand, wie man es nicht für möglich gehalten hätte.

Kein Küsschen, sondern kräftiges Knutschen – angemessen für diese gewaltigen Tiere von rund einer Tonne Gewicht, ausgestattet mit durchschnittlich 50 Zentimeter langen Stoßzähnen aus Elfenbein und der Fähigkeit, in der extrem lebensfeindlichen Arktis gut zurechtzukommen. Ihre beeindruckende Kusskraft nutzen die Tiere geschickt, um auf dem Boden des Eismeeres Muscheln auszusaugen, die sie zuvor mit dem Schnauzbart ertastet und den Lippen geknackt haben.

Vier Zentimeter dick ist die Haut der Walrosse und die Fettschicht darunter noch einmal doppelt so stark. Können zwölf Zentimeter Isolierung wirklich gegen das eisige Wasser und brutal kalte Stürme schützen? Und wie gut sie das können! Gegenwärtig leiden die dicken Tiere allerdings daran, dass es in ihrem Lebensraum nicht kalt genug ist.

Die Klimaerwärmung hat ihnen viele der Eisschollen genommen, auf denen sie sich sonst von ihren Tauchgängen erholen und schlafen. Auf dem wenigen Eis, das noch geblieben ist, herrscht immer öfter drangvolle Enge. In diesem Sommer war der Eisverlust so stark, dass rund 20.000 Walrosse in Alaska an Land gehen mussten, statt mit dem Eis nordwärts Richtung Pol zu wandern. Da drängeln sie sich auf Strandabschnitten und müssen mühsam immer weiter hinausschwimmen, um an Nahrung zu kommen.

"Die größte Gefahr", sagt Petra Deimer von der Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere, "besteht in dem Gedrängel an den übervollen Stränden. Wenn die gewaltigen Tiere sich umherwälzen, töten sie oft ihre eigenen Jungen." Letztes Jahr starben so allein an einem einzigen Strand 131 Jungtiere.

Eigentlich haben Walrosse, perfekt angepasst, wie sie sind, ein gemütliches Leben. An Land oder auf Eisschollen können sie sich nur sehr träge und auf ihre Flossen gestützt fortbewegen. Also lassen sie es lieber fast ganz. Ihren täglichen Bedarf von 50 Kilo Meeresgetier, das sie aus dem Wasser fischen oder aus den Muscheln knutschen, schaffen sie leicht.

Bleibt viel Zeit zum Schlafen, Pfeifen, Brüllen, Grunzen, Zeit für das Ritual der Fortpflanzung und, bei Bullen, den Wettbewerb, wer nun der Stärkste im ganzen Land ist. Feinde? Ein verzweifelt hungriger Eisbär muss glücklich sein, wenn er beim Kampf mit einem Walross selbst mit dem Leben davonkommt – denn ein Hieb mit den gefährlichen Stoßzähnen ist häufig tödlich.

Sensible Giganten

Aber da sind ja auch noch die Menschen. Vor allem die atlantische Walrosspopulation, die westlich und östlich Grönlands lebt, wurde wegen der Elfenbeinzähne beinahe ausgerottet. "Auch heute noch", klagt Petra Deimer, "ist die Jagd auf diese Tiere kaum reguliert. Und sie ist so schrecklich einfach. Walrosse, die an Land liegen, können nicht weglaufen und sich nicht wehren. Jäger schießen sie ganz einfach aus 20 Meter Entfernung tot."

So dick und wehrhaft diese Tiere auch sind, sie können sehr sensibel sein. Wir erinnern uns noch an das Fernseh-Walross Antje. Jedes Jahr zu Silvester musste ihr persönlicher Tierpfleger die ganze Nacht im Walrossgehege von Hagenbecks Tierpark verbringen, sie trösten und Händchen – genauer Flosse – halten, weil die Knallerei Antje so furchtbar verängstigte. Von einem Handkuss ist allerdings nichts überliefert.

Autor: Walter Karpf