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Arte-Doku Der weisse Hai Taeter oder Opfer

Mit der Crittercam wird es möglich, aus der Perspektive des Raubfisches zu sehen.
© Mike Hoover / Foto: ZDF

Wie gefährlich ist der Weiße Hai?

TV-Doku "Der Weiße Hai - Täter oder Opfer?"

Der Weiße Hai gilt als blutrünstiger Killer – zu Unrecht? Forscher und Filmer wagten sich ganz nah an den gefürchteten Raubfisch heran. Ohne Schutzkäfig.

Monster der Meere, kühler Killer, blutdürstige Bestie – wohl kaum einem Lebewesen wird so viel tödliche Präzision nachgesagt wie der Spezies Carcharodon carcharias. Schon das Gebiss des Weißen Hais ist eine mächtige Waffe. Eine Batterie aus 300 Dolchzähnen steht dicht an dicht in mehreren Reihen. Die messerscharfen Speerzähne wachsen ständig nach und können bei einer Attacke blitzschnell vorgestreckt werden. Die Kiefer des Hais entwickeln beim Zubeißen Kräfte von bis zu 1,8 Tonnen. Das ist das Gewicht eines Kleinlasters. Kein anderes Tier packt stärker zu.

Auch seine feinen Sinne machen den Knorpelfisch mit der sichelförmigen Schwanzflosse zum perfekten Jäger. Er spürt den Herzschlag einer Scholle, die im Sand vergraben liegt, und den Beinschlag eines Schwimmers, der einen Kilometer entfernt ist. Einen Tropfen Blut riecht er noch in Dutzenden Metern Entfernung. Seit Steven Spielbergs Kultschocker "Der Weiße Hai" gilt der mit etwa sechs Meter Länge größte Raubfisch als Menschenfresser, obwohl seine bevorzugte Beute Robben, Seelöwen und Thunfische sind.

Filmer provozieren Angriffe

Der mexikanische Meeresbiologe Mauricio Hoyos weiß, dass der Weiße Hai sein mieses Image zu Unrecht trägt: "Die Tiere fressen nicht ständig. Manche kommen eineinhalb Monate ohne Futter aus." Doch das Klischee vom Killer hält sich hartnäckig. Daran sind Dokumentarfilmer nicht ganz unschuldig, denn immer wieder halten sie explosive Haiangriffe in Superzeitlupe fest. "Doch so ein Bild entsteht nur mithilfe von Ködern, und oft rühren sie die nicht einmal an", erklärt der US-Amerikaner Mike Hoover, der seit mehr als zehn Jahren Haie filmt.

Der Hai – ein gefräßiges Ungeheuer? "Das ist nur eine Facette", meint Hoover. In seiner ungewöhnlichen Doku "Der Weiße Hai – Täter oder Opfer?" (s. TV-Tipps rechts) wagt Hoover, der bereits mehrere Arktisexpeditionen absolvierte und von Alaska bis Russland surfte, ein gefährliches Experiment. Sein Team suchte den direkten Kontakt mit den bis zu zwei Tonnen schweren Haien – ohne Schutzkäfig. Hoover versammelte dafür eine bunte Truppe aus Abenteurern, Tiertrainern, Kameraleuten und Weltklasse-Apnoetauchern an Bord seines Schiffs "Captain Jack" vor Guadalupe.

Die Taucher in der TV-Doku Der Weiße Hai
Die Crew versucht, mit dem Hai ohne Käfig im offenen Ozean zu interagieren. © Mike Hoover, Foto: ZDF

Stahl macht die Tiere aggressiv

Mauricio Hoyos unterstützte die Crew als Wissenschaftler. Seit 2003 arbeitet der "Haiflüsterer" in der Region 280 Kilometer westlich von Mexiko, die alljährlich von rund 150 der Tiere angesteuert wird und auch als "Café zum Weißen Hai" bekannt ist. Hoyos hat einige Haie mit Sendern ausgestattet und so ihr Tauchverhalten erforscht. Außerdem beobachtete er, dass sie jedes Mal, wenn er mit Stahlkäfigen tauchte, aggressiv reagierten. "Aber tatsächlich waren es nicht die Menschen, die die Haie reizten, sondern es war die elektrische Reaktion des Stahls mit Salzwasser", so Hoyos. Haie nehmen selbst schwache elektrische Felder wahr.

Als Hoyos auf Aluminiumkäfige umstellte, ließen die Attacken nach. Auch Hoover nutzte einen zur Seite offenen Alukäfig als Unterwasserplattform. Die Haie umkreisten die Station, griffen aber nicht an. So konnte das Team die Tiere kennenlernen, die sich für die merkwürdigen Besucher interessierten. "Alle Haie haben ihre eigene Persönlichkeit und Geschichte", klärt Hoyos auf. Ein großes, fünf Meter langes Männchen fiel ihnen als besonders neugierig, zugleich aber ruhig und bedächtig auf. In Anlehnung an den Hai im Trickfilm "Findet Nemo" tauften sie es Bruce. Vom Boot aus setzten sie Bruce eine kleine Unterwasserkamera, eine Crittercam, auf die Rückenflosse. Zehn Stunden sahen sie mit den Augen des Weißen Hais. Auf seinem flachen Maul bewegten sich Parasiten, lange Zeit schwamm Bruce dicht über dem Boden. Als ein kleinerer Artgenosse in Sicht kam, drehte der sofort ab. "Haie sind sich ihrer Größe bewusst", so Hoyos.

Den gefährlichsten Part absolvierten die Apnoetaucher Brandon Wahlers und Mark Healey, die ohne zusätzlichen Sauerstoff in 30 Meter Tiefe gelangen. Sie ließen sich von Bruce an der Rückenflosse mitziehen. Ihm schien das Spiel zu gefallen. In 45 Minuten spielte er achtmal den Chauffeur. Überraschend beteiligten sich auch andere Haie. "Man fühlt eine gewisse Verbundenheit", so die Extremtaucher, die jeweils von zwei Tauchern begleitet wurden und eine Harpune ohne Munition in der Hand hatten.

Zwar lässt sich dieses gewagte und nicht zur Nachahmung empfohlene Experiment durchaus kritisch sehen, aber es zeigt auch eine neue Seite des vermeintlichen Monsters. Der Weiße Hai ist zwar ein perfekter Räuber, aber Bullen- oder Tigerhaie sind weitaus aggressiver. Tatsächlich braucht der König der Meere unseren Schutz: Der Weiße Hai, der übrigens so alt werden kann wie ein Mensch, ist ein seltener, gefährdeter Bewohner der Ozeane. Jedes Jahr werden Millionen Haie abgeschlachtet, darunter auch Weiße. Die Zahl unprovozierter tödlicher Angriffe von Weißen Haien auf Menschen dagegen summiert sich auf 77 weltweit. Nicht pro Jahr, sondern in der Zeit von 1876 bis heute.

Autor: Dagmar Weychardt