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TV-Doku Adoptiert von Delfinen auf Arte
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Fast jeden Tag filmt Ulf Marquardt unbekannte Verhaltensweisen der Delfine. Foto: ZDF / © Natalia Pryanishnikova

Im TV: Di., 28.05., 19.30 Uhr, Arte

TV-Doku "Adoptiert von Delfinen"

Die vier Delfine schießen unter Wasser auf Angela Ziltener zu. Die silbrigen Schnabelschnauzen der Tiere scheinen zu lächeln. Nur wenige Meter vor der Taucherin drehen sie seitlich ab, umkreisen sie und geben Pfiffe von sich. Man kennt sich. Es sind Shams und seine Kumpel, wild lebende Delfine. Sie laden die Schweizer Biologin zu sich ein. "Erst nach der Begrüßung wird es interessant. Dann verhalten sich die Tiere wieder völlig normal", erklärt Ziltener.

Um sie nicht zu beeinflussen, berührt oder füttert sie die Delfine nicht. "Ich schwimme mit ihnen als Mitglied ihrer Gruppe – ein riesiges Privileg und Glück." Was so einfach klingt, ist in Wahrheit einmalig: So gut wie alle Verhaltensforscher beobachten Delfine vom Boot aus oder als Schnorchler, gewinnen also nur kurze Eindrücke.

Doku vom Naturfilmer Ulf Marquardt

"Auch Filmszenen stammen meist aus Freiwassergehegen mit gefangenen Delfinen", weiß der Naturfilmer Ulf Marquardt ("Jacques Cousteaus Vermächtnis"). Er hat Ziltener bei ihrer Arbeit im Roten Meer über mehrere Wochen unter Wasser begleitet. Seine Dokumentation "Adoptiert von Delfinen" (Di., 28. Mai, 19.30 Uhr, Arte. s. auch TV-Tipp rechts) zeigt faszinierende Verhaltensweisen der hochintelligenten Zahnwale. Sie spielen mit Quallen und Kugelfischen, wälzen sich in Seegras und Korallen, "schmusen" mithilfe ihrer Flossen. Doch die freundlichen Flipper können auch anders: In einer Szene entbrennt ein heftiger Kampf.

Angela Zilteners Engagement in Ägypten hat eine wundersame Vorgeschichte: In der Touristenmetropole Hurghada führt der Deutsche Michael Stadermann eine Tauchschule. Der Wassersportler begegnete vor zehn Jahren bei einem Tauchgang einem Delfin mit verletzter Rückenflosse. Durch die Bisswunde konnte das Tier nicht mit seiner Gruppe mithalten, fühlte sich einsam und suchte die Nähe der Taucher – als Familienersatz.

Stadermann kehrte täglich zu seinem schwimmenden Schützling zurück und taufte ihn Ferdinand. Auch nach seiner Genesung ließ der Delfin – nun wieder unter Artgenossen – die Nähe des Tauchers zu. Seitdem besuchen und filmen Stadermann und sein Team die Meeressäuger regelmäßig. Der Taucher entwickelte sogar einen schnellen, an Delfinbewegungen angelehnten Schwimmstil.

Projekt Dolphin Watch

Durch Stadermanns Geschichte wurde die Biologin Ziltener aufmerksam, sie besuchte Hurghada mehrfach und zog 2009 dorthin um. Mit der Unterstützung von Stadermann gründete sie das Projekt Dolphin Watch, das wissenschaftlich an die Universität Zürich angebunden ist. Bis heute hat sie 140 Tiere für einen Delfinkatalog fotografiert und beschrieben.

Gut 100 Delfine erkennt sie unter Wasser sofort – oft reicht ein Blick auf die Rückenflosse. "Jeder hat einen ganz eigenen Charakter", weiß Ziltener. Laura, ein zutraulicher Teenagerdelfin, spielt oft mit Korallenstücken, stopft Quallen in Korallennischen oder stupst Kugelfische an. Im Film wirkt es, als würde sie Billard spielen mit dem aufgeblähten Fisch. Die beiden Altdelfine Alp und Galb hingegen würdigen Menschen keines Blickes. Die Bullen Shams, Moga, Kiro und Haua sind nahezu unzertrennlich.

"Delfine leben zwar in einem losen Verbund mit täglich wechselnder Größe und Zusammensetzung", so Ziltener. "Doch einige haben feste Freunde, mit denen sie täglich unterwegs sind." Marquardt filmte etwa, wie sich Shams und die anderen auf einer Seegraswiese wälzen.

Ziltener notiert alle Begegnungen und Verhaltensweisen, sammelt Exkremente für die Laboranalyse. Die meisten Delfine folgen einem festen Tagesablauf: Nachts jagen sie bis rund 200 Meter tief mit ihrem Echolot-Sinnesorgan nach Kalmaren, Sandbarschen oder Eidechsenfischen – unsichtbar für die Forscher. Morgens suchen sie höhere Regionen auf an Riffen wie Fanous und Shaab el Erg – ihren Schlafzonen.

Der Schlaf der Delfine

Bei Delfinen schläft immer nur eine Hälfte des Gehirns, die wache Hälfte steuert das Luftholen. "Auch während der Schlafphase ist der Körperkontakt enorm wichtig – nicht nur zwischen Mutter und Kalb", erklärt Ziltener. "Delfine 'kuscheln' mit ihren Flossen und haben einen ausgeprägten Tastsinn. Die Berührungen sind vergleichbar mit der Fellpflege bei den Primaten und stärken die sozialen Bande." Nach dem Nickerchen halten sich die Delfine nah an der Wasseroberfläche auf: Sie reisen, spielen oder kratzen sich an Korallen und Schwämmen.

Kampf um das Weibchen

Eines Tages kommt es zu einer regelrechten Unterwasserschlacht: Drei fremde Bullen mischen unter hohen Pfiffen und Klicklauten eine größere Gruppe auf. Sie rempeln sich an, beißen sich und schießen nervös durch das Wasser. "Es war beängstigend", sagt Marquardt. Am Ende fehlte der Gruppe eine Kuh. "Die Bullen haben sie wohl entführt", so Ziltener. "Kämpfe um Weibchen kommen häufiger vor."

Einig sind sich die Delfine bei der Vorliebe für eine Korallenart namens Rumphella aggregata, eine Buschgorgonie. "Die Delfine stehen regelrecht Schlange, um nacheinander über die Gorgonie zu schwimmen. Kälber lernen von ihren Müttern", so Ziltener. "Wir untersuchen, ob das 'Gorgoning' nur ein schönes Hautkribbeln auslöst oder ob die Gorgonie Substanzen absondert, die gegen Bakterien oder Pilze wirken, also als Medizin benutzt wird."

Und Ferdinand? Seine Geschichte nahm 2012 eine neue Wendung: Ferdinand ist in Wahrheit ein Weibchen, das während der Dreharbeiten sein erstes Kalb gebar und ihm seither kaum von der Seite weicht.


Hintergrundinfo: Die Delfine von Hurghada

Sie sind in allen Meeren verbreitet: Mit 40 Arten stellen Delfine die größte Familie der Wale. Vor Hurghada im nördlichen Roten Meer lebt der Indopazifische Große Tümmler, der bis zu 2,60 Meter Länge erreicht. Vor Ort setzt sich die Schweizer Biologin Angela Ziltener mit ihrem Projekt Dolphin Watch für deren Erforschung und Schutz ein. Die Art gilt als nicht bedroht, aber die ägyptischen Delfine leiden unter dem boomenden Delfintourismus. „Die Tiere werden an ihren Schlafplätzen gestört, mit Booten verfolgt und sogar verletzt“, klagt Ziltener. Neben ihren Studien schult sie Bootsführer – im Hinblick auf nachhaltigen Tourismus.

Autor: D. W.