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Ein französicher Bauer lässt von einem Trüffelschwein Trüffel suchen.
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In Frankreich setzen Bauern Schweine sehr erfolgreich bei der Trüffelsuche ein. - Foto © picture alliance / dpa

Im TV: Nashorn, Zebra & Co. im WDR

Schweinchen schlau

Männer sind Schweine? Na, ob das mal stimmt. Die Schweine jedenfalls würden diesen Vergleich der Rockband "Die Ärzte" empört grunzend zurückweisen. Stimmt nicht, würden sie sagen, wir sind treu, reinlich, leidenschaftlich und sehr intelligent. Und gut erzogen, sollte man hinzufügen. Denn darauf achten Mütter und Tanten, die den Nachwuchs gemeinsam großziehen. Und zwar anständig. Keine Schweinereien, bitte!

Schweine sind Allesfresser

Damit aus den Ferkeln und Frischlingen mal Schweinchen Schlau werden, müssen sie schnell lernen, wo bei der Mutter die angestammte Zitze zum Milchtrinken ist, wie man sich gegenseitig warm hält und wer in der Verwandtschaft etwas zu sagen hat. Ihre sozialen Fähigkeiten und ihre Intelligenz entwickelten die Tiere in jener Zeit, in der sie noch in großen Teilen Asiens und Afrikas als schwarze Wildschweine durchs Unterholz brachen, immer auf der Suche nach Pflanzen, Insekten, Vogelnestern und Kleinsäugern. Sie sind Allesfresser – wie wir Menschen auch. Einzig Mistkäfer mögen sie nicht.

Schon seit etwa 9000 Jahren werden Wildschweine domestiziert und in mehr oder weniger kleinen Pferchen als lebende Essensvorräte gehalten. Bis vor Kurzem glaubten Wissenschaftler, es seien Menschen aus der heutigen Osttürkei gewesen, die als Erste Schweine zähmten. Heute wissen wir dank exakter Genvergleiche: An vielen Orten der Erde begannen Bauern parallel damit, aus den wilden Kreaturen Nutztiere zu machen. Noch eines hat die Genetik herausgefunden: Trotz der Jahrtausende in Gefangenschaft sind Haus- und Wildschweine immer noch eine Art. So wie Hunde und Wölfe; auch wenn man die Hunde zu grotesken Rassen umgezüchtet hat, die etwa kein Fell mehr ausweisen oder kaum mehr atmen können, weil ihnen die Nase fehlt.

Schweine: es wurden immer wieder wilde und zahme Gene gekreuzt

Auch die Hausschweine haben sich verändert: In der Gefangenschaft sind etwa ihre Haare heller geworden. Bis vor circa 150 Jahren aber trieben Bauern ihre Schweine immer wieder in den Wald, damit sie sich dort selbst von Eicheln, Bucheckern und Pilzen ernähren konnten. Wildschweinexperte Rolf Hennig weiß sogar noch von solchen Fällen aus dem 20. Jahrhundert. So mancher wilde Keiler hat dann die Blondinen aus dem Stall als Bereicherung seines Reviers geschätzt und getan, was von Natur aus seine Aufgabe ist. So wurden immer wieder wilde unter die zahmen Gene gekreuzt. Unser Hausschwein ist in Wahrheit also nichts anderes als eine Wildsau in Rosa. Aber dennoch einfach zu halten.

Schweine zählten früher zur Nahrung von Wölfen, Tigern, Löwen, Leoparden und Luchsen. Doch dem ewigen Aderlass setzten sie erfolgreich große Fruchtbarkeit entgegen: Oft gibt es zwei Würfe pro Jahr mit jeweils bis zu acht Jungen. Schon in ihrem ersten Lebensjahr bekommen junge Bachen und Sauen häufig selbst Nachwuchs. Kein Wunder, dass Schweine ein weit verbreitetes und günstiges Lebensmittel sind. Rund eine Milliarde der Tiere leben derzeit auf der Erde. Wäre also eigentlich alles in bester Ordnung, würde man die Tiere, die ja ausschließlich zum Schlachten gehalten werden, zeit ihres Lebens anständig behandeln. Tut man aber nicht.

In fabrikartigen Ställen werden sie zehntausendfach gezüchtet. Die Ferkel, die extrem familienbezogen sind, werden nach zwei oder drei Wochen von ihren Müttern getrennt, die Männchen unter ihnen manchmal ohne Betäubung kastriert. Man bricht ihre Eckzähne heraus, schneidet das Ringelschwänzchen ab und lässt die Tiere, deren Intelligenz mit der von Menschenaffen gleichgesetzt wird, auf engstem Raum vegetieren. Sie müssen fressen, fressen, fressen – bis sie nach etwa einem halben Jahr 100 Kilogramm schwer sind und fabrikmäßig geschlachtet werden.

Schweine sind verschmust wie Kinder

Jeder Deutsche isst durchschnittlich 39 Kilo Schweinefleisch pro Jahr. Wer wissen will, wie Schweine eigentlich sind und wie sie leben, der muss den Wildschweinen zusehen. Da kriegen die Bachen einer Rotte, die ausnahmslos eng miteinander verwandt sind, zur gleichen Zeit Junge und ziehen sie auch gemeinsam groß. Die braun-gelb gestreiften Frischlinge spielen und schmusen den ganzen Tag lang miteinander, alle laufen gleichzeitig zu ihren Müttern, um an immer derselben Zitze zu trinken. Die Mütter zeigen den Kleinen aber auch schon früh, welche Pilze essbar sind, wie man Mäuse fängt oder Würmer und Knollen in der Erde findet – die Tiere haben sogar einen besseren Geruchssinn als Hunde.

Nur wie das mit der Liebe ist, müssen Jungschweine noch nicht wissen. Wenn nämlich die "Rauschzeit", also die Fortpflanzungsphase beginnt, dann geht es rund im Forst, dass die Schwarte kracht. "Ein beträchtliches Getümmel" nennt es dezent der Experte Hennig, wenn sich das leidenschaftliche Grunzen der Keiler mit den Abwehrlauten der Bachen mischt, wenn die Äste brechen und schwere Körper gegeneinanderschlagen. Doch bevor die Erwachsenen auf ihrer Party ganz die Sau rauslassen, führt eine ältere Bache alle Frischlinge des Jahrgangs ein paar Hundert Meter weit weg. Wie eine etikettebewusste französische Gouvernante: pas devant les enfants – kein Schweinkram vor den Augen der Kinder! Vielleicht aber fürchten die Mütter auch nur, dass die Kleinen in dem ganzen Getöse unter die Räder kommen könnten.

Schweine sind sehr sozial und lernfähig

Weil Schweine so sozial und lernfähig sind, kann man sie ohne Weiteres im Haus halten. Sie sind stubenrein und ihrer neuen Familie treu verbunden. Sie turnen mit den Kindern über alle Möbel, sitzen abends mit auf dem Fernsehsofa und lassen sich sonntags an einer Leine spazieren führen. In Frankreich setzen Bauern Schweine bei der Trüffelsuche ein.

In Niedersachsen arbeitete das Wildschwein Luise von 1984 bis 1987 sogar als Rauschgift- und Sprengstoffschnüffler. Ihre Grenzen fand Luise immer dann, wenn sie mit ihren 150 Kilogramm ein Auto durchsuchen sollte. Sie passte einfach nicht rein!

Im Gewicht liegt denn auch die Grenze bei Hausschweinen. Denn wer ist schon bereit, seinen Platz auf dem Sofa mit einem Drei-Zentner-Trumm zu teilen? Weniger Familiensinn entwickeln übrigensdie Eber beziehungsweise die Keiler – auch das ist beim Tier wie beim Menschen. Nach 18 Monaten müssen sie die Rotte verlassen. Der Grund: Die Tiere werden aggressiv und suchen nach Dominanz. Schweine sind eben auch nur Männer.

Autor: Walter Karpf