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Nachwuchs: Bald wird der Flaum zu Federn, und die Jungen sind flügge.

Nachwuchs: Bald wird der Flaum zu Federn, und die Jungen sind flügge. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Brillante Jäger und Flugkünstler

Schleiereulen

Dank raffinierter Flugtechnik sind Schleiereulen brillante Jäger, dank neuer Familienformen kinderreich. Die Tricks der weisen Vögel.

Als vor fast zwei Jahren Nordkoreas Diktator Kim Jong-il starb, fiel das ganze Land in tiefe Trauer. Auch die Tiere, so vermeldeten mehrere Quellen, würden unter dem schweren Verlust leiden. In der Parteizeitung "Rodong Sinmun" war beispielsweise zu lesen, nach dem Tod des "geliebten Führers" seien mehrere Eulen durch das Fenster eines Gedenkraums geflogen und hätten still mit den anwesenden Menschen getrauert. Diese seien "sehr gerührt" gewesen. Na ja, mag so gewesen sein.

Natur Schleiereule

Dominiert wird die Gestalt der Schleiereule vom übergroßen, maskenartigen Gesicht, in dem der markante Schnabel wie eine Nase wirkt. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Aber wenn schon Aberglaube, dann richtig: Eulen sind seit Tausenden von Jahren dafür berüchtigt, den Tod anzukündigen. Dass sie dann aber auch Gefühle zeigen, wäre neu. War bei uns früher von Eulen die Rede, meinte man zumeist Schleiereulen. Kaum eine andere wild lebende Tierart hat sich so nahe bei den Menschen niedergelassen.

Schleiereulen sind typische "Kulturfolger", das heißt Kreaturen, die vom Fortschreiten der menschlichen Zivilisation profiteren. In Scheunen, auf Dachböden, besonders gern auch in Kirchtürmen ließ man ihnen oft einen eigenen Eingang offen, das sogenannte "Uhlenloch". Dass sie Mäuse fangen, die sich in den Getreidelagern an den Vorräten fett fressen, machte sie als Haus- und Hofgenossen nur symphatischer.

3-D-Gehör dank XXL-Augen

Es sind aber nicht die Hausmäuse, schon gar nicht die dünnen Kirchenmäuse, die Schleiereulen an uns Menschen binden. Es sind der Nistraum in den Gebäuden und die Kulturlandschaft um die Gehöfte. Hecken, in denen allerlei Arten von Mäusen hausen, Zäune und Zaunpfosten, auf denen man nachts sitzen und auf Beute lauern kann. Denn die typische Jagd einer Schleiereule findet in der Nacht statt. Dann fliegt sie an Büschen und Gräben entlang, lässt sich, sobald sie eine Maus erspäht, fallen und greift zu.

Natur Schleiereule

Eine Eule landet wie ein Airbus: Flügel verstellen und runter. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Die Beute hört den Jäger dabei nicht kommen, denn der fliegt fast lautlos. Wie das geht? Die vorderen Federn der Schwingen sind bei Eulen gezähnt – was Geräusche effektiv dämpft. Auf der Oberseite der Flügel, wo noch mehr Luftbewegung stattfindet, wachsen zudem Flaumhärchen, die eine ähnliche Wirkung haben. Aber wie kann sich das Tier in der Dunkelheit orientieren? Das ist kompliziert: Man muss einmal eine Schleiereule in einem Kirchturm oder einer Scheune gesehen haben. Weiß, schmal, gerade aufgerichtet, reglos. Man könnte glauben, eine Heiligenfigur oder ein Gespenst vor sich zu haben.

Dominiert wird die Gestalt vom übergroßen, maskenartigen Gesicht, in dem der markante Schnabel zunächst wie eine Nase wirkt. Doch die ganze herzförmige, flache Gesichtform hat einen Zweck: Sie dient vor allem dem Hören. Das Rascheln einer Maus wird wie bei einer Satellitenanlage gebündelt und zu den Ohren geleitet. Die sind asymmetrisch angeordnet. Die rechte Ohröffnung steht etwas höher als die linke, dadurch erreichen Töne das Gehirn mit einem Zeitunterschied von einer Millionstel Sekunde. Dort, im Gehörzentrum, haben Forscher 95.000 Zellen festgestellt. Bei einer Krähe sind es nur 27.000. So kann im Kopf der Eule ein dreidimensionales akustisches Bild der Beute entstehen – und diese ist verloren. Selbst in völliger Finsternis.

Jäger der Nacht

Schleiereulen jagen als Nachtvögel vor allem nach Gehör. Sie können aber auch ihre Augen nutzen, denn die besitzen eine Spezialausstattung: Sie sind so groß, dass sie auch bei sehr schwachem Licht sehen können. Zudem sind sie so strukturiert, dass im Gehirn der Tiere ein räumliches Bild erzeugt wird, wodurch sie den Abstand zu Objekten und deren Geschwindigkeit genau einschätzen können. Eine geniale Jagdtechnik: lautloser Flug; Ohren, die so gut wie Augen sind; Augen, die selbst nachts räumlich sehen können. Dazu Krallen, so spitz wie Nadeln.

Natur Schleiereule

Hightech: Der Aufbau von Eulenfedern ist ein Meisterwerk der Natur. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Für die Eulen heißt das: Mäuse ohne Ende! Spitzmäuse, Feldmäuse, Hausmäuse, Waldmäuse. "Die Eule nimmt, was sie kriegt. Es können aber auch mal Insekten sein. Und sogar Vögel", berichtete der bekannte Eulenforscher Wolfgang Schneider bereits Mitte des vorigen Jahrhunderts. "Sie klatschten mit ihren Flügeln in die Zweige, offenbar um die darin schlafenden Kleinvögel herauszuscheuchen und dann zuzuschlagen." Möglicherweise waren die Erfinder dieser trickreichen Jagdmethoden vor allem gestresste Eulenväter, die ihr Beutespektrum erweitern mussten, um all ihren Nachwuchs durchzufüttern.

Untreue Eulenväter

Wenn zwischen Februar und April die Balz startet und sich ein Paar im Kirchturm zusammenfindet, beginnt für das Männchen nämlich eine arbeitsreiche Zeit: Hat das Weibchen das erste Ei gelegt, beginnt es zu brüten. Dafür beendet es die Jagd – und fordert: "Her mit mehr Mäusen!" Von diesem Moment an muss das Männchen für zwei sorgen. Zunächst. Meist legt das Weibchen noch vier bis sechs weitere Eier, aus denen im Abstand ihres Legedatums Jungvögel schlüpfen. Schwerstarbeit für den Vater: Am Ende der Aufziehphase muss er manchmal für neun Schnäbel sorgen.

Natur Schleiereule

Raubzug: Fast lautlos nähert sich die Schleiereule ihrer Beute. - Foto © picture-alliance / OKAPIA KG, Ge

Herrscht ein gutes "Mäusejahr", werden einige Eulenväter auch noch übermütig und balzen weitere Weibchen an. Am Ende sitzen dann bis zu drei Eulenfrauen brütend im Kirchturm – und der untreue Papa kommt allein mit der Nachtjagd nicht mehr aus und muss auch tagsüber ran. Ist das letzte Küken aus der ersten Brut etwa drei Wochen alt, fliegt das erste Weibchen allerdings auch wieder selbst zur Jagd aus. Manchmal findet es dann einen anderen Eulenmann – der ebenfalls in die Patchworkfamilie im Kirchturm integriert wird.

Mystik und Aberglaube der Schleiereule

Wegen ihrer geheimnisvollen Erscheinung und ihrer nächtlichen Aktivitäten verbindet man die Eule seit jeher mit Mystik und Aberglaube. Vor fast 900 Jahren legte der englische Dichter Nicholas de Guildford ihr folgende Worte in den Mund:

"Als weiser Vogel bin ich bekannt. / Kann ich doch die Zukunft nennen: / Von Hunger und Krieg weiß ich, / Und wie lange einer leben wird.“

Alles Böse konnte angeblich von Eulen ausgehen. Vor noch nicht allzu langer Zeit nagelte man die Vögel grausam ans Scheunentor, um gegen Feuersbrünste gefeit zu sein. Selbst beim derzeit populären Zauberlehrling Harry Potter stehen Eulen in dem Ruf, merkwürdige Hexenvögel zu sein. Das kann fatale Folgen haben: Eulenschützer des Nabu in Bad Nauheim beklagen, dass sie immer wieder von Menschen getötete Jungeulen entdecken. Dahinter steckt für sie offensichtlich alter Aberglaube.

Im antiken Griechenland waren die schönen Vögel dagegen hoch angesehen: Sie galten als weise, weshalb man sein Haus gern mit Eulenbildern schmückte. Noch heute steht die Redewendung "Eulen nach Athen tragen" dafür, etwas völlig Überflüssiges zu tun: Denn in Athen war mit den Eulen auch die Weisheit zu Hause. Bei allem, was man heute über ihre geniale Flugtechnik weiß, muss man sagen: Ihre Schlauheit hat endgültig über die alten Schauermärchen triumphiert.

Autor: Walter Karpf