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Orang-Utans

Gefährdet: Orang-Utans auf der indonesischen Insel Sumatra; Bild: © picture alliance / empics

Karsten Schwanke exklusiv in HÖRZU

Reise ins Dschungelcamp der Orang-Utans

Ein abgelegener Regenwald irgendwo auf der indonesischen Insel Sumatra: Hier sind sie zu Hause, die Orang-Utans. Und hier sollen auch die Tiere wieder heimisch werden, die als "Haustiere" gehalten wurden – und meist auf irgendwelchen Hinterhöfen an Ketten gefesselt dahinvegetierten. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt hat vor zehn Jahren mitten im Urwald eine Auswilderungsstation für Orang-Utans eröffnet. Dorthin bringen die indonesischen Behörden Tiere, die sie von ihren Besitzern befreiten. Bukit Tigapuluh, so heißt der Nationalpark in der Provinz Jambi, in dem die Station liegt. Der Ort, an dem die Orang-Utans die Chance auf ein neues Leben bekommen – ich will darüber berichten.

Die Abgeschiedenheit jenseits der Zivilisation ist ein ganz wichtiger Faktor bei der Arbeit der Station – und ein Hoffnungsschimmer für die Orangs. Denn dadurch sind sie weit entfernt von der größten Gefahr, die ihnen droht: dem Menschen.

In Indonesien wurde der Regenwald in den vergangenen Jahren massiv abgeholzt oder abgebrannt. Sumatra hat in den letzten zwei Jahrzehnten 70 Prozent seines Waldes verloren! Der Lebensraum für die großen Tiere Asiens – neben den Orang-Utans leben hier Elefanten, Tiger und Bären – wird immer kleiner. Die letzten Rückzugsgebiete sind Nationalparks und die angrenzenden Wälder. In diese unzugänglichen Dschungelgebiete führt natürlich kein Highway. Nie zuvor war ich länger unterwegs, um einen Drehort zu erreichen.

Nach der Ankunft in Jakarta geht es weiter mit einem Inlandsflug nach Jambi, der Provinzhauptstadt im Osten Sumatras. Die Piste des kleinen Flugplatzes ist unbeleuchtet, kurz und holprig. Polternd und mit lautem Quietschen der Bremsen kommen wir knapp vorm nächsten Sumpf zum Stehen. Es regnet, das verrostete Thermometer am sogenannten Terminal zeigt 32 Grad Celsius. Ich dampfe aus allen Poren. Nach einer Übernachtung werde ich am nächsten Tag abgeholt, und mit einem Pick-up geht es weiter landeinwärts.

Endlich – nach sechs Stunden – scheinen wir unserem Ziel näher zu kommen. Wir verlassen die asphaltierte Straße und bewegen uns nun auf einer planierten Piste. Die rote Erde ist nass, manchmal matschig. Nach etwa zehn Kilometern stoppen wir. Wir haben das letzte Dorf erreicht. Dort wartet das nächste Vehikel. Ein Heavy-Duty-Geländewagen – schweres Gerät. Ein 30 Jahre altes, komplett verrostetes Auto ohne Tacho, Tankanzeige oder sonstigen neumodischen Schnickschnack. Selbst der Zündschlüssel fehlt – zum Starten werden hier einfach zwei Kabel kurzgeschlossen.

Vor uns liegen zwölf Kilometer Weg, eine sogenannte "Mud Road" (Schlammstraße), wobei dieses Wort in den nächsten drei Stunden für mich eine neue Bedeutung erhält. Ja – drei Stunden für zwölf Kilometer! Ich habe noch nie so oft im Schlamm gesteckt, bin noch nie mit einem Auto auf vier halb morschen Baumstämmen über einen Fluss gefahren und kannte bis dahin auch nicht die Angst, dass ein im Schlamm wühlendes, ächzendes Auto im nächsten Moment umkippen könnte. Aber am Ende des dritten Reisetages bin ich endlich dort: Im Camp "Sumatran Orangutan Reintroduction Center".

Es regnet. Die ganze Nacht. Von Affen keine Spur. Sie fürchten sich vor der Nacht, haben Angst vor Tigern und bauen sich deshalb jeden Abend auf einem anderen Baum ein Nest zum Schlafen. "Unsere" Orangs, die in die Freiheit zurückkehren sollen, schlafen in ihren Käfigen, etwa 500 Meter vom Camp entfernt. Sie sind so an Menschen gewöhnt, dass sie erst Stück für Stück ihre neue Selbstständigkeit erlernen müssen. Sie haben vergessen, wie man die richtigen Früchte findet, wissen nicht, wo sie Rattanpalmen öffnen können, und müssen sogar das Klettern üben.

Während ich mich über eine warme Mahlzeit, Reis und Gemüse, freue, höre ich zum ersten Mal bewusst die Stimmen der Nacht. Sie werden lauter, schwellen wieder ab, unzählige Insekten zirpen um die Wette, manche Vögel pfeifen sogar eine Tonleiter. Und kurz bevor der nächste Regenguss vom Himmel stürzt, quaken jedesmal Frösche und Kröten in einer wirklich sagenhaften Lautstärke.

Der nächste Morgen empfängt mich dann mit Waschküchendunst: Die Sicht liegt unter hundert Metern. Und während ich mich über den schlammig-rutschigen Erdboden zur zentralen Kochhütte bewege, läuft mir der Schweiß über den Rücken. Auch das ist tropischer Regenwald: Tiere, viele kleine Tiere, an die ich mich erst noch gewöhnen muss. Die Mückenangriffe am Abend hielten sich in Grenzen, dafür sind jetzt Blutegel umso lebhafter unterwegs. Es dauert nicht lange, und ich fühle den ersten dicken, schwabbeligen Egel, der an meiner Hüfte sitzt.

Auf dem Weg zu den Affen sehen wir exotische Pflanzen, zentimetergroße Ameisen und unendlich lange Lianen. Dann sehen wir sie, die Orang-Utans. So intensiv dieser ganze Besuch im Regenwald ist, so distanziert bleibt unser Kontakt zu den Affen. Wir dürfen sie nicht berühren, müssen einen Sicherheitsabstand einhalten. Um die Tiere zu schützen – vor uns! Weil wir genetisch so eng miteinander verwandt sind, könnten wir sie mit Krankheiten anstecken. Trotzdem springt der Funke über. Sie sind neugierig, ziehen Grimassen und beobachten uns auf Schritt und Tritt. Dann dürfen sie in den Wald. Klettern! Sobald die Pfleger sie aus ihrer Obhut entlassen, sind sie schon auf dem nächsten Baum – und Sekunden später ist nichts mehr von ihnen zu sehen, trotz ihrer Größe. Der Dschungel ist zu dicht. Wir hören das Rascheln der Zweige und Blätter – mehr ist nicht zu entdecken. Unsere Begleiter erzählen, dass hier selbst Elefanten drei Meter neben einem stehen können und man sie nicht sieht.

"Abel" verlässt das Camp

Ein paar Tage später ist es so weit. Für "Abel" kommt der große Tag der Freiheit. Heute soll er endgültig in seine neue Heimat entlassen werden. Damit er nicht sofort wieder im Camp auftaucht, wird er an einen weit entfernten Ort gebracht – auf einem mühsamen, mehrstündigen Fußmarsch. Monate nachdem er ins Camp kam, wird er seine Retter und Pfleger für immer verlassen. Eine Woche lang bleiben die Naturschützer noch bei ihm, sie beobachten sein Verhalten und würden ihm notfalls auch Futter geben. Die wichtigsten Fragen, die sich die Forscher stellen: Wie kommt er im Wald zurecht? Wo schläft er, was frisst er und wie viel? Die Menschen scheinen aufgeregter zu sein als das Tier. "Abel" meistert seine Sache hervorragend. Schon am zweiten Tag hat er Kontakt zu einem Weibchen aufgenommen und turnt wild mit ihm durch die Bäume.

Das Projekt zur Rettung der einzigen Menschenaffen Asiens scheint Erfolg zu haben. Seit 2002 wurden mehr als 130 Orang-Utans ausgewildert. Einige sind zwar inzwischen gestorben, aber die meisten erfreuen sich bester Gesundheit. Damit eine Orang-Utan-Population eigenständig überleben kann, sind 250 Tiere nötig, schätzen Experten. Affen in dieser Anzahl dort anzusiedeln ist das erklärte Ziel der Wissenschaftler. Sie glauben daran, dass in Bukit Tigapuluh die Orang-Utans auf Dauer heimisch werden können – wenn der Regenwald erhalten bleibt.

Autor: Karsten Schwanke