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Pumanachwuchs: 20 Monate bleiben die Kleinen bei der Mutter.

Pumanachwuchs: 20 Monate bleiben die Kleinen bei der Mutter. Das graubraune Kinderfell zieren dunkle Flecken, die erst langsam verblassen. - Foto © picture alliance / Anka Angency

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Puma – unsichtbarer Jäger der Anden

Wenn die Nacht geht, kommt die Stunde des Jägers. Lautlos schleicht sich der Puma an. Seine Schritte sind federnd, fast tänzerisch. Immer wieder duckt er sich zwischen Felsen und karge Sträucher. Jetzt in der Morgendämmerung fühlen sich die Guanakos sicher vor der Raubkatze. Perfekte Gelegenheit für einen Überraschungsangriff! Drei Jahre war Tierfilmer Uwe Müller im Süden Chiles unterwegs, um solche Szenen zu drehen. Denn hier, in der windumtosten Pampa, zwischen Seen und schroffen Bergen, liegt ein Jagdrevier des Pumas: der Nationalpark Torres del Paine – "Türme des blauen Himmels".

"Pumas sind sehr scheue Tiere und nur mit viel Glück zu beobachten", erklärt Uwe Müller. "Sie haben keine festen Schlafplätze, keine festen Fressplätze und jagen meistens in der Dämmerung oder in der Nacht." Den Tag verschlafen sie, gut versteckt etwa in kleinen Wäldern. Ihr gelbbraunes Fell macht sie dann fast unsichtbar. Tierfilmer Müller: "Man sieht sie nicht, selbst wenn sie zum Greifen nah sind. Und sie kommen und gehen wie Geister." Sogar einige erfahrene Parkranger, die schon 20 Jahre im Torres del Paine arbeiten, haben die seltene Raubkatze noch nie zu Gesicht bekommen.

Einer Pumafamilie auf der Spur

Trotzdem gelang es dem Filmteam, eine Pumamutter mit ihren drei Jungen aufzuspüren und das Heranwachsen der zunächst noch tapsigen Kleinen mit der Kamera zu dokumentieren. Ein wahres Geduldsspiel: aufstehen morgens um drei Uhr, mit dem Wagen bei eisigen Nachttemperaturen auf die Suche gehen, die Kamera bereithalten. Das Territorium eines einzelnen Pumas erstreckt sich immerhin über 100 bis 150 Quadratkilometer. Uwe Müller: "Manchmal haben wir sieben Wochen lang nichts von unserer Pumafamilie gesehen.“ Wichtiger Anhaltspunkt: Pfade der Guanakos.


Wo der Puma zu Hause ist

Prärie, Halbwüste, tropische Wälder, karge Gebirge – zur Heimat des Pumas gehören ganz unterschiedliche Lebensräume. Ursprünglich war er über fast ganz Nordund Südamerika verbreitet. Inzwischen wurde die scheue Raubkatze jedoch in von Menschen schwach besiedelte Gebiete verdrängt. Die Unterarten auf dem amerikanischen Doppelkontinent ähneln sich stark. Unterschiede gibt es etwa in der Größe. Über zwei Meter lang und 100 Kilo schwer werden die mächtigsten Exemplare, kleinere wiegen gerade mal die Hälfte.


Die wilden Kamelverwandten gehören zur Lieblingsbeute der Pumas. In großen Gruppen ziehen sie durch die Steppen des Nationalparks, still grasend, stets vorsichtig und zur Flucht bereit. Eine falsche Bewegung der Raubkatze, und der Warnruf der Guanakos hallt weithin hörbar übers offene Grasland. Die Jagdstrategie des Pumas ist wenig erforscht. "Ursprünglich dachten wir, dass er im Busch lauert und wartet, bis sich Guanakos nähern", erzählt Uwe Müller. "Im Lauf der Dreharbeiten haben wir aber auch ganz andere Erfahrungen gemacht." Oft schleicht sich der Puma tatsächlich lautlos an, springt aus seinem Versteck und reißt die Beute mit tödlichem Prankenhieb oder gezieltem Biss ins Genick. Doch das Team konnte mehrfach beobachten, wie die Raubkatze den aufgeschreckten Guanakos sogar nachjagte. Fast so schnell und geschickt wie ein Gepard!

So eine Strategie galt bislang als eher untypisch für den Puma. Trotzdem führt nicht jeder Angriff zum Erfolg. Die Beutetiere sind aufmerksam und schnell. Mit einem Tempo von bis zu 55 Kilometer pro Stunde ergreifen ausgewachsene Guanakos die Flucht. Müller: "Ein Puma braucht oft sechs oder acht Versuche, um überhaupt Glück zu haben. Deshalb wählt er bevorzugt verletzte oder geschwächte Tiere aus." Während die Pumamutter jagt, bleiben die Jungen meist in kleinen Wäldchen des Nationalparks zurück. Im Alter von zwei Monaten wären sie beim Raubzug eine Belastung. Also vertreiben sie sich die Zeit mit Spielen.

Pumas sind exzellente Kletterer

Das graubraune Kinderfell zieren dunkle Flecken, die erst langsam verblassen. Noch erscheint es unvorstellbar, dass sie in weniger als zwei Jahren zu Muskelpaketen mit einem Gewicht von bis zu 100 Kilo heranwachsen werden. Immerhin: Schon früh erobert der Nachwuchs die Bäume. Pumas können exzellent klettern. Beim Balancieren auf Ästen lernen sie, ihre Bewegungen zu koordinieren.

War die Pumamutter erfolgreich, ist der Tisch wieder für zwei, drei Tage gedeckt. Sie schleppt die Beute zunächst in ein Versteck. Das ist Schwerstarbeit für die Raubkatze: Immerhin wiegt ein ausgewachsenes Guanako bis zu 120 Kilo. Im offenen Grasland kann das getötete Tier nicht liegen bleiben, Kondor oder Fuchs würden sich hungrig darauf stürzen. Erst im Schutz der Dunkelheit kehrt die Mutter mit den Jungen zurück, damit sich alle beim nächtlichen Mahl satt fressen können. Pumas sieht man nicht, aber man hört sie. Und das klingt verwunderlich. Säugt das Weibchen seinen Nachwuchs, schnurrt es wie ein Kätzchen. Fast menschlich wirkt sein Rufen, dann wieder krächzt es wie ein Papagei. Bei manchen Schreien läuft dem Menschen gar ein Schauer über den Rücken.

Der Puma gehört zur Familie der Kleinkatzen

Brüllen kann der Puma nicht. Er gehört trotz seiner Größe zur Familie der Kleinkatzen. Nur Großkatzen wie Löwe oder Jaguar brüllen wahrlich furchterregend – dank anatomischer Besonderheiten von Kehlkopf und Zungenbein. Der Alltag der Pumafamilie besteht aus Lektionen fürs Leben. Wie klettert man auf Bäume – und kommt sicher wieder runter? Wie pirscht man sich an? Zum Üben taugt alles, was sich bewegt. Da wählt ein junger Puma auch schon mal eine Magellaneule als Beute. Fast bewegungslos lauert der Jäger in der Dämmerung. Zentimeter für Zentimeter robbt er vorwärts. Die Eule lässt so viel Ehrgeiz kalt. Ihre scharfen Augen haben den Feind längst entdeckt.

Es wird Monate dauern, bis der Kleine sein Handwerk beherrscht. Die Mutter hilft dabei. Kaum hat sie ein Guanakofohlen gerissen, überlässt sie es lebend ihren Kindern. Und die treiben ein böses Spiel: Ihre kleinen Tatzen reißen das Tier immer wieder zu Boden, sie kratzen und schlagen ihre Zähne in die Beute – bis endlich ein tödlicher Biss das Guanako erlöst. "Für menschliches Empfinden wirkt das brutal", sagt Tierfilmer Müller. "Doch junge Pumas müssen lernen, ein Guanako zu töten. Sonst sind sie nicht gewappnet fürs Leben." Die Natur kann grausam sein, wenn es ums Überleben geht.

Pumas gelten als ungesellige Einzelgänger

Rund 20 Monate braucht das Puma-Trio, um alle wichtigen Lektionen zu lernen. Zum Schluss gehen die jungen Raubkatzen zwar schon allein auf die Jagd, verbringen aber immer noch viele Stunden gemeinsam im Revier – bis der endgültige Abschied naht. Es wird Zeit, sich ein eigenes Territorium zu suchen und eine Familie zu gründen. Familie? Pumas gelten als ungesellige Einzelgänger. Nur für wenige Tage werden sie sich mit einem Liebespartner zusammentun, um Nachwuchs zu zeugen. Dann geht jeder wieder seine eigenen Wege.

Es ist noch genug Platz im Nationalpark Torres del Paine zwischen Inlandgletschern, Tundren und 2000 Meter hohen Granitbergen. Das raue Klima im Süden Chiles macht der eleganten Katze nichts aus. Sie kommt mit fast allen Umgebungen klar. Pumas leben in Kanada, in den kargen Wüstenregionen Arizonas und New Mexicos, im südlichen Patagonien. Sie sind als Berglöwe, Silberlöwe oder Kuguar bekannt – und bleiben doch stets dieselben unsichtbaren Jäger.

Nur wenige Menschen sind ihnen so nahegekommen wie Uwe Müller. "Im Lauf der Zeit haben sich die Tiere sogar an uns gewöhnt", erinnert er sich an die Dreharbeiten in Chile. "Als ich mich einmal anpirschen wollte, lagen plötzlich zwei der jungen Pumas direkt vor mir. Sie sahen mich nur an und standen dann gemächlich auf, um sich etwas weiter entfernt wieder hinzulegen." Momente, die auch ein erfahrener Tierfilmer sein Leben lang nicht vergessen wird.

Autor: Kai Riedemann