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Ein Kaiserpinguin-Männchen bei der Brutpflege.

Kaiserpinguin-Männchen bei der Brutpflege. Sehr junge Küken ertragen die Kälte noch
nicht und kuscheln sich in die Bauchfalte der Eltern. - Foto © WDR/John Downer Productions

Dreiteilige Naturdoku im Ersten

Pinguine hautnah

Kälte, Stürme, Hunger: Eine neue TV-Doku im Ersten des Tierfilmstars John Downer zeigt hautnah, unter welch harten Bedingungen Pinguine ihre Jungen aufziehen.

Eng, ganz eng sind die Kaiserpinguine zusammengerückt, etwa 5000 Tiere, allesamt Männchen. Gemeinsam versuchen sie, einem Klima zu trotzen, wie es unwirtlicher auf der Erde kaum zu finden ist. Auf dem Eis des antarktischen Festlands stehen die Vögel in extremer Kälte, manchmal sinken die Temperaturen auf unter minus 60 Grad Celsius. Oft fegen Orkane mit 200 Stundenkilometern über die Südpolarregion. Obendrein hat es die Evolution so eingerichtet, dass die männlichen Pinguine ausgerechnet im tiefsten Winter die Eier ausbrüten müssen, die ihre Weibchen gelegt haben.

Tier-Doku Kaiserpinguin

Erst als Halbwüchsige verlassen die Küken den Schutz der Eltern und schließen sich zu großen Gruppen zusammen. - Foto © WDR/John Downer Productions


Der Kaiserpinguin: ein extremer Typ

Als einziges Wirbeltier überlebt der Kaiserpinguin monatelang auf dem Eis der Antarktis. Möglich macht das sein perfekt an das extreme Klima angepasster Körper. Seine besonderen Vorzüge:

Kaiserpinguin
Mit bis zu 130 Zentimeter Länge und 37 Kilo Gewicht ist er der größte unter den Pinguinen. Kleinere Arten könnten der Eiseskälte nicht trotzen.
Augen
Infrarotaufnahmen zeigen, dass die Augen die wärmsten Punkte des Körpers sind.
Schnabel
Er hat Haken und scharfe Kanten, mit denen er glitschige Fische festhalten kann.
Gefieder
Auf einem Quadratzentimeter wachsen zwölf kurze, eingeölte, wasserundurchlässige Federn, die wie Schuppen übereinanderliegen. Sie schützen vor Kälte.
Füße
Die Sohlen sind nur sehr wenig durchblutet und geben kaum Wärme an den Boden ab. Ihre Oberseiten, auf denen das Ei liegt, sind bei den Männchen dagegen gut durchblutet.
Ei
Das 450 Gramm schwere Ei ist der größte Schatz der Kaiserpinguine. Rollt es aufs Eis, stirbt der Embryo.
Schwanz
Beim Brüten im Stehen stützen sich die Tiere auf ihre Schwanzfedern.
Flügel
Die flugunfähigen Vögel benutzen ihre Flügel beim Schwimmen wie Flossen. Sie können damit auch schlagen.
Herz
Die Kaiserpinguine tauchen bis 530 Meter tief. Dabei senken sie ihre Herzschlagfrequenz auf ein Fünftel ab. So sparen sie Sauerstoff.


Tier-Doku Kaiserpinguin

Der Brite John Downer setzt für seine Tierdokus seit Jahren auch versteckte Kameras ein. Die Pinguinattrappe (Mitte unten) trägt das Hightech-Gerät in ihrem Bauch. - Foto © WDR/John Downer Productions

Zwischen ihnen bewegt sich ein Roboter in Pinguingestalt. Er gehört zum Modernsten, was die Technik derzeit zu bieten hat. In seiner Brust und hinter seinen Augen verbergen sich Hochleistungskameras, die den echten Vögeln zentimeternah aufs Gefieder rücken. Aus der Ferne dirigiert Frederique Olivier die sogenannte Spycamera. Dichter als 40 Meter darf sich niemand den Tieren nähern. Die Forscherin spioniert noch mit anderen raffiniert getarnten Kameras: einer in Kükengestalt und einigen, die wie Eier oder Schneebälle aussehen. Stürzt der Roboterpinguin, stellt er sich wieder auf seine zwei Füße. Das Gehäuse wirkt so echt, dass es schon einmal von einem Weibchen angeflirtet wurde.

Ein Vogel für alle Fälle

In regelmäßigen Abständen holt die Antarktisforscherin die Spycams zu sich heran, um die Daten der Speicherkarte auf ihren Computer zu übertragen. Von der nahen französischen Forschungsstation Dumont d’Urville sendet sie diese dann per Satellit ins englische Bristol. Innerhalb von Sekunden landen die Daten auf dem Bildschirm von John Downer. Der Dokumentarfilmer schwankt beim Betrachten der Szenen zwischen Lachen und Weinen, zwischen euphorischen Ausrufen wie "O mein Gott!" und entsetzten wie "Das ist ja schrecklich!", wenn die Bilder besonders dramatisch sind.

Tier-Doku Kaiserpinguin

Ein Kaiserpinguin-Pärchen bei der Brutpflege. - Foto © WDR/John Downer Productions

Aus den Aufnahmen hat der Tierfilmer eine beeindruckende Dokumentation zusammengestellt. Für den Dreiteiler (siehe TV-Tipp rechts) ließ Downer nicht nur die Kaiserpinguine monatelang beobachten. Von den insgesamt 17 Pinguinarten leben nur zwei auf dem antarktischen Festland, die anderen sind über die ganze Südhalbkugel der Erde verteilt, eine Art lebt sogar am Äquator auf den Galapagosinseln. Darum entsandte Downer zwei weitere Teams: Eine Crew filmte Humboldtpinguine in der Atacamawüste an Chiles Pazifikküste, die zu den trockensten Regionen der Erde zählt. Die bis zu 45 Zentimeter großen, etwa vier Kilo schweren Vögel müssen dort wie Hunde hecheln, um Wärme abzugeben. Das dritte Team besuchte Felsenpinguine auf den Falklandinseln rund 400 Kilometer östlich von Argentinien und Feuerland.

Nestwärme im Eismeer

Kälte, Wüste, steile Felsen – das Landleben der Pinguine steckt voller Widrigkeiten. Doch ihre eigentliche Heimat bleibt der Ozean. Rund um die Antarktis ist das Meer besonders fischreich, die Vögel tauchen hier ab in ein Schlaraffenland, das sie ernährt und schützt. An das Unterwasserdasein haben sie sich perfekt angepasst. Ihr Strömungswiderstand ist zum Beispiel zehnmal besser als der eines Porsche. "Doch leider haben sie im Lauf ihrer 60 Millionen Jahre dauernden Evolution keine Möglichkeit gefunden, auch Balz, Paarung und zum Beispiel Aufzucht der Jungen ins Wasser zu verlegen", sagt der Kieler Biologieprofessor und Pinguinspezialist Boris Culik. Bei den Kaiserpinguinen findet die Fortpflanzung sogar 120 Kilometer vom Meer entfernt im antarktischen Inland statt.

Tier-Doku Kaiserpinguin

Unter extrem harten Bedingungen ziehen Pinguine ihre Jungen auf. - Foto © WDR/John Downer Productions

Erst marschieren beide Geschlechter diese lange Strecke gemeinsam, dann suchen sie sich einen Partner, bevorzugt den vom Vorjahr. Nach der Paarung verbraucht das Weibchen sämtliche Energiereserven, um das Ei auszubilden. Ist es gelegt, rollt die Mutter es von ihren Füßen auf die des Vaters. Der stülpt seine Bauchfalte darüber und beginnt zu brüten. Das Weibchen macht sich auf den Weg zum Meer, um zu jagen und zu fressen. Vor den zurückbleibenden Männchen liegen gut zwei Monate in grimmiger Kälte und schrecklichen Stürmen, bis die Jungen schlüpfen. Um sich zu schützen, drängen sie sich eng zusammen. Jeder muss mal außen stehen, jeder darf mal ins Innere des Kreises. "Aber auch da frieren sie", sagt Prof. Culik, "und weil sie kaum ihre Muskeln bewegen, zittern sie."

Arbeitsteilung im Eis

Wenn die Pinguinjungen wenige Tage alt sind, kehren die Weibchen zurück, im Magen drei Kilo Fisch für die Küken. Der Vater hat inzwischen vier Monate lang nichts gefressen, endlich darf auch er zum Meer aufbrechen, um sich den Bauch vollzuschlagen. Bringt er dann Futter für das Junge, kann wieder sie losziehen, anschließend ist erneut er an der Reihe. Ein präzise ausbalanciertes System, das auf tiefem Vertrauen zwischen den Geschlechtern basiert.

Zu Beginn des Sommers sind die Jungen endlich groß genug, um mit ihren Eltern zur Eiskante zu wandern. Von dort stürzen sie sich in ihren zukünftigen Lebensraum, der belebter und wärmer ist als die weiße Eiswelt, die sie bisher kannten. Gelingt es ihnen, an hungrigen Raubmöwen und Riesensturmvögeln, an Schwertwalen, Haien und Seeleoparden vorbei in tieferes Wasser zu kommen, haben sie eine Lebenserwartung von rund 30 Jahren.

Kein anderer Vogel ist beim Menschen so beliebt wie der aufrecht gehende, Frack tragende Pinguin. Sein kleinkindartiges Watscheln soll sogar Charlie Chaplin zu seinem typischen Gang inspiriert haben. Gleichzeitig bewundern wir die Härte, mit der sich Pinguine in einer oft lebensfeindlichen Umwelt behaupten. Schon deshalb wird Downers Film viele Zuschauer finden – von den einmaligen Bildern ganz zu schweigen.

Dass auch die Kameraleute mit Kälte, Hitze und unwegsamem Gelände zu kämpfen hatten, thematisiert er nicht. Ebenso wird der Schwund an Downers Ausrüstung verschwiegen. Nicht alle 50 Spycameras überstanden den Einsatz. Eine Pinguinattrappe wurde von einem der Vögel attackiert, ihr Kopf flog davon. Eine andere stießen Felsenpinguine einen Abhang hinunter – beide Beine doppelt gebrochen. Ein Albatros riss einem der Apparate einen Flügel ab, das Gleiche passierte einer Unterwasser-Pinguinkamera, die von einem Seelöwen angegriffen wurde. Zwei Eikameras schließlich wurden von Geierfalken gestohlen. Sie lieferten noch einige Luftaufnahmen – dann war Sendeschluss.

Autor: Walter Karpf