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Die wohl kleinsten Chamäleons der Erde bei der Paarung.
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Winzlinge unter sich: Die wohl kleinsten Chamäleons der Erde bei der Paarung. Die Mini-Reptilien leben auf Madagskar. - Foto © NDR/Barrie Britton

Im TV: Erlebnis Erde - Madagaskar

Madagaskar: Insel der Tiere

Eine Insel, ein Mythos – Madagaskar. Nirgendwo sonst leben so viele skurrile Tiere wie hier. Tierfilmer haben das Naturwunder erstmals dokumentiert (Im TV-Programm: Erlebnis Erde – Madagaskar. Im Dschungelreich der Halbaffen. Zweiter Teil am 1. Oktober).

Das hölzerne Kanu gleitet mit leisem Plätschern über den See. Kameramann Gavin Thurston sucht in dem breiten Schilfgürtel am Ufer nach dem Alaotra-Bambuslemuren. Der nur 40 Zentimeter große, gut ein Kilo schwere Halbaffe wurde nach dem gleichnamigen See in Zentralmadagaskar benannt. Er hat einen dichten Wollpelz und erstaunt blickende Teddyaugen. Das Kanu nähert sich den Uferpflanzen. Der einheimische Führer schiebt den grünen Vorhang mit dem Paddel beiseite. Halme knicken, ein Eisvogel fliegt auf. Die Stängel der Papyrusund Schilfpflanzen schlagen den Männern ins Gesicht.

Thurston hält seine Kamera fest. So ganz traut er dem schmalen Boot nicht. Tatsächlich erweist sich das Kanu als zu wackelig für die Filmarbeit. Zurück im Camp, improvisiert das Team: Aus Brettern, Seilen und Bambus zimmern örtliche Helfer eine nur handtuchgroße Plattform, die sie im Schilfwald aufbauen. Nach zehn Tagen auf seinem winzigen Ausguck hat Gavin Thurston Glück: Eine Mutter zeigt ihrem Nachwuchs, wie man trockenen Fußes über das Wasser kommt. Sie kann zwar schwimmen, biegt aber lieber mit ihrem Gewicht einen Halm so weit zur Seite, dass sie zum nächsten Halm wechseln kann.

Es gibt nur noch einige Tausend der putzigen Lemuren, die am südwestlichen Ende des größten Sees von Madagaskar vorkommen. Immerhin: Das Gebiet steht seit 2003 unter Schutz, nachdem Bauern ihre Reisfelder immer weiter in das Marschland ausgedehnt hatten. Die Bambuslemuren sind nur eine der erstaunlichen Tierarten der 13 Insel, die das preisgekrönte Naturfilmteam des englischen Senders BBC atemberaubend ins Bild gesetzt hat. Die ARD zeigt die Doku in der Reihe "Erlebnis Erde" in zwei Teilen.

Wie ein grünes Galapagos – nur besser

"Seit 90 Millionen Jahren liegt Madagaskar völlig abgeschieden von den anderen Kontinenten, deshalb ging die Natur dort verrückte Wege", sagt Mike Gunton, Kreativdirektor von "BBC Nature" zu HÖRZU. "Die Insel ist wie ein grünes Galapagos – nur besser. Sie wurde all die Jahre übersehen, weil sie nicht auf der Route von Charles Darwin lag." Vier Fünftel der Tierarten auf Madagaskar gibt es nur dort und nirgendwo sonst. Einige der Bewohner wirken wie nicht von dieser Welt. Während der schillernd grüne Taggecko an einem Baumstamm kaum zu übersehen ist, ahmt der Plattschwanzgecko in Form und Farbe perfekt ein welkes Blatt nach. Tagsüber ruht er unsichtbar auf einem Ast, nachts jagt er Insekten.

Der sonderbare Giraffenhalskäfer hat einen extrem langen Hals, den er wie eine Lanze gegen Rivalen einsetzt. Das Weibchen nutzt seinen etwas kürzeren Nacken für den Nestbau. Es rollt und faltet ein Blatt zusammen und legt ein einzelnes Ei hinein. Ein Höhepunkt des Films: die Paarung zweier Mini-Chamäleons, die – kaum fingernagelgroß – im unendlich weiten Dschungel wundersamerweise zueinanderfinden.

Zwei Jahre lang waren unter Guntons Leitung sechs Filmteams unterwegs. In einem der ärmsten Länder der Erde bereisten sie Dschungel, Steppen, Dornwälder, Seen, Bergregionen, Hochebenen, Mangrovenufer und Palmstrände – alles ohne nennenswerte Infrastruktur. Eine schwierige, gefährliche Aufgabe. Bei einer Bergtour zu den Kattas, den häufigsten Lemuren mit dem typischen Ringelschwanz, wurde ein Team von einem Unwetter überrascht. Der heftige Regen spülte Brücken weg und schnitt so den Rückweg über einen Fluss ab, den die Männer alleindank der Ortskenntnis der Einheimischen dann zu Fuß durchqueren konnten. Nicht nur das Wetter spielte verrückt. Während die TV-Produktion entstand, gab es einen Militärputsch in dem autoritär regierten Entwicklungsland. Zeitweise trugen die Filmemacher zu ihrem Schutz sogar Militär-Splitterschutzwesten – bei feuchtwarmen 30 Grad.

Einige Monate ruhten die Dreharbeiten ganz. "Es war einfach zu riskant", erlärt Mike Gunton. Wirklich brenzlig wurde die Begegnung mit einem seltenen Vierbeiner. In einem Wald auf dem zentralen Hochplateau spürte ein Team den einzigen Fressfeind der Lemuren auf. Die katzenhafte, dunkelbraune Fossa ist mit bis zu 80 Zentimetern Kopf-Rumpf-Länge das größte Raubtier Madagaskars. Während der Paarungszeit legt sich das Weibchen an mehreren aufeinanderfolgenden Abenden in eine Baumkrone und lockt potenzielle Partner mit schrillen Rufen und Duftsignalen. Einen solchen Balzbaum entdeckte die Filmcrew und verlegte 15 Meter Kabel und Licht bis in die Spitze.

Die ausgespähte Fossa kehrte tatsächlich zurück, aber näher als geplant. Sie kam ins Lager, fraß die Lebensmittelvorräte, zerbiss die dicken Kabel und griff eine Dokufilmerin an. "Zum Glück erwischte sie nur ein Stück meines T-Shirts", erinnert sich Emma Napper. "Es gab keine Informationen zu Angriffen auf Menschen. Die Fossa gilt als scheu. Aber anscheinend weiß sie genau, dass sie an der Spitze der Nahrungskette steht." Das Team gab nicht auf. Nach der rauen Begrüßung zeigte das Raubtier auch seine anschmiegsame Seite: Die Crew filmte die Balz eines Fossa-Paares. "Aus Biologensicht eine spektakuläre Szene", so Mike Gunton.

Die Engel des Waldes

"Doch Madagaskar ist vor allem die Insel der Lemuren", ergänzt der Tierfilmer. "Die Verwandtschaft zu uns ist deutlich und rührend: Die Kinder tollen herum wie Menschenkinder, bleiben lange eng bei den Müttern. In den Regenwäldern des Marojejy National Park im Norden lebt eine kaum bekannte Lemurenart. Wegen ihres weißen Fells und ihrer geisterhaft anmutenden Sprünge werden Seidensifakas auch "Engel des Waldes" genannt.

2001 kam der US-Biologe Erik Patel in die unwegsame Bergregion, in der es oft wochenlang regnet. Er wollte die Laute der seltenen Sifakas studieren. Seither kehrt er jedes Jahr zurück, baute eine Schutzstation, engagiert sich gegen illegale Holzfäller, unterrichtet und motiviert Einheimische für den Tierschutz. "Das Paradies Madagaskar kann nur erhalten werden, wenn die arme Bevölkerung davon profitiert", so Mike Gunton. "Menschen wie Erik Patel geben die entscheidenden Impulse dafür."

Autor: Dagmar Weychardt