HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Dr. Jane Goodall
Zur Bilderstrecke

Ein Leben für die Affen: Dr. Jane Goodall / Foto: © Richard Ladkani

Jetzt im Kino

Jane Goodall und ihre große Affenliebe

Die Frau mit dem Pferdeschwanz hebt den Affen hoch, lächelt und drückt vorsichtig auf seinen Unterleib. Aus dem Bauch scheppert leise ein altes Kinderlied. Schimpanse Jubilee ist ein Kuscheltier, groß wie ein Kleinkind und schon sehr alt. "Wie oft er dieses Lied gespielt hat", sinniert Dr. Jane Goodal und lauscht. Eine zarte private Szene, eine von vielen aus der wunderbaren Filmbiografie "Die Lebensreise der Jane Goodall" (Kinostart: 2. September).

Den Stoffaffen bekam sie als Zweijährige vom Vater geschenkt. Jubilee hat noch immer einen Ehrenplatz in ihrem Haus in Bournemouth in Südengland. Hierhin zog ihre Mutter nach der Trennung von Janes Vater. Jubilees einst flauschiges Fell ist blank, weggeschmust von Generationen von Kindern. Schon als kleines Mädchen hat Jane mit Engelsgeduld Tiere beobachtet, als Teenager schwärmte sie für Tarzan. "Aber der hat eine andere Jane geheiratet", schmunzelt Goodall. Immerhin: Tarzan weckte ihre Sehnsucht nach Afrika.

In ihrem Haus in Bournemouth ist sie heute selbst ein seltener Gast: Die 76-Jährige strahlt große Ruhe aus, lebt aber Rastlosigkeit. An 300 Tagen im Jahr jettet sie als Aktivistin für Naturschutz, Primaten und Jugendbildung um die Welt. Sie hat das "Jane Goodall Institut" gegründet, ein Jugendprojekt ins Leben gerufen, ist UN-Friedensbotschafterin.

München, Hotel Ritzi. Beim Interview mit HÖRZU trägt Goodall einen langärmeligen Sweater, obwohl die Bayern bei 30 Grad Hitze schwitzen. Wer fast sein halbes Leben in Afrika verbracht hat, kommt in Europa ins Frösteln. Ihre Stimme ist ruhig und warm. Ihren nun grauen Pferdeschwanz trägt sie noch immer. Goodalls schlichte Eleganz hätte die Salons dieser Welt geziert, aber als junge Frau geht sie lieber kellnern, um sich die Passage nach Afrika zusammenzusparen.

Nach ersten Jahren in Kenia wird sie die Sekretärin des Anthropologen Louis Leakey, des Entdeckers von Urmenschenfossilien. Goodalls Familie hatte kein Geld für ein Studium, aber Leakey schätzt ihren unverbrauchten Blick. Er schickt sie 1960 zu den Schimpansen in das Gombe-Stream-Reservat. Einige Jahre später wird sie übrigens doch noch in Cambridge promovieren.

Zunächst aber schreibt Goodall von Tansania aus die Menschheitsgeschichte um: Sie entdeckt, dass Schimpansen mit selbst zurechtgestutzten Grashalmen und Ästen nach Termiten "angeln". Ihre Erkenntnis: Die Affen benutzen nicht nur Werkzeuge, sie stellen sie auch selbst her. Eine Sensation! Heute weiß man, dass Menschenaffen sich verschiedenster Hilfsmittel bedienen. Damals definierte sich der Mensch als alleiniger Werkzeugmacher.

"Die Trennlinie zwischen Schimpanse und Mensch verwischte", so Goodall. "Wie arrogant wir doch waren." Die Verhaltensforscherin beweist, dass jeder Schimpanse einen individuellen Charakter, Gefühle und Verstand besitzt. Sie beobachtet, dass Schimpansen kleine Säugetiere fressen – bis dahin dachte man, sie seien Vegetarier.

Selbst nach einem Jahr in Gombe halten die Affen Goodall auf Distanz. Doch plötzlich verliert David Greybeard, ein würdevolles Männchen mit grauem Bart, seine Scheu. Er lässt sie nah herankommen, gibt ihr die Hand. Eine beruhigende Geste. "Ein wundervoller Moment", so Goodall. Bald darf sie der Gruppe folgen, dokumentiert bis in die 80er-Jahre deren komplexes Sozialverhalten.

Die liebevolle Flo hat sie besonders beeindruckt: "Bei Schimpansen gibt es gute und schlechte Mütter, wie bei uns. Flo hat ihre Kinder unterstützt, ohne sie zu bevormunden. Bei Flo und ihrer Tochter Fifi habe ich viel übers Muttersein gelernt."

Schimpansin als Vorbild

Als Flo mit 43 Jahren stirbt, folgt ihr achtjähriger Sohn Flint kurz darauf – aus Trauer. "Ihre Gefühle sind den unseren so ähnlich", sagt Goodall. Ihr Sohn Hugo, der aus der Ehe mit dem Fotografen Hugo van Lawick stammt, mag übrigens keine Schimpansen. Seine Eltern mussten ihn als Baby in einen Schutzkäfig legen. "Er wusste, dass die Affen ihn essen würden", erklärt Goodall. "So erwirbt man nicht gerade das Vertrauen eines Kindes."

Die Ehe scheitert. Ihr zweiter Mann Derek Bryceson, Direktor des Nationalparks von Tansania, stirbt 1980 an Krebs. Seit diesem schweren Verlust konzentriert sich Goodall auf ihr Lebenswerk. 1986 verlässt sie Gombe, kehrt aber zweimal jährlich zurück und kämpft als Lobbyistin für den Schutz der Primaten: "Wir dürfen unsere engsten Verwandten nicht aussterben lassen. Wir können das in Ordnung bringen, wir müssen es nur tun."

Autor: Dagmar Weychardt