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Loewin mit Jungtier

Löwenweibchen haben während der Aufzucht nur selten Zeit zum Ausruhen.
Foto: © NDR/Reinhard Radke

Die letzten Geheimnisse der Löwen

Im TV: "Erlebnis Erde - Löwen"

Majestätisch, stark und unbesiegbar: Löwen gelten als Könige der Tiere. Doch auch die Raubkatzen haben mit Bedrohungen zu kämpfen, wie ein spektakulärer Film zeigt.

Das Ziel ist Afrika, immer wieder Afrika. Seit mehr als 30 Jahren fährt der Biologe Dr. Reinhard Radke regelmäßig in die Wildnis des Kontinents. Kaum ein anderer deutscher Regisseur hat so viel spektakuläres Material von seinen Reisen mitgebracht. Diese Woche zeigt das Erste seine neue Dokumentation über Löwen.


TV-Tipp

So, 2.11.: "Erlebnis Erde - Löwen", Das wahre Leben der Raubkatzen. Ein Film von Reinhard Radke; Das Erste, 16.30 Uhr (s. auch TV-Tipps rechts)


Monatelang filmte Radke im kenianischen Naturschutzgebiet Masai Mara. Exklusiv in HÖRZU berichtet er von den Dreharbeiten:

Der Wagen schleudert mich in der Dachluke umher, obwohl Kasao sich alle Mühe gibt, vorsichtig zu fahren. Es ist stockdunkel, und wir sind ohne Scheinwerferlicht unterwegs. Kasao Learat vom Stamm der Samburu sitzt gut einen Meter unter mir und lenkt den Jeep. Seit Kindertagen ist er mit dem Busch vertraut. Die Sterne genügen ihm zur Orientierung. Wir halten Ausschau nach Löwen. Natürlich ist es für Kasao in der Finsternis unmöglich, sie mit bloßem Auge zu entdecken – deshalb sitze ich oben im Dach vor einem matten Bildschirm. Darauf zu sehen sind ein paar helle Flecken in einer psychedelisch bunten Landschaft. Es sind Löwen, eine Thermokamera registriert ihre Körperwärme. Dank dieser Technik habe ich zum ersten Mal die Möglichkeit, die Raubkatzen in der Nacht zu filmen.

Der Unterschied zu Tagjagden ist enorm – nachts gibt es kein langes Lauern oder vorsichtiges Anschleichen. Zügig und völlig offen gehen die Jäger in Richtung Beute. Wie gut können die Tiere in der Nacht sehen? Sowohl Katzen als auch Huftiere tragen in ihren Augen eine spiegelnde Membran hinter der Netzhaut. Dieser Reflektor, auch Tapetum lucidum genannt, wirft einfallendes Licht zurück. Das ist der Grund für die "leuchtenden" Augen vieler Tiere. Das reflektierte Licht passiert die Sehzellen ein zweites Mal und verdoppelt somit die Lichtausbeute.

Wir Primaten haben so ein Tapetum nicht, Löwen sehen nachts deutlich besser als wir. Gnus allerdings können mit den Großkatzen mithalten – sie haben ebenfalls eine Spiegelschicht in den Augen. Ein Patt zwischen Jägern und Gejagten. Ohne Mond und bei bedecktem Himmel sind allerdings beide so gut wie blind. Die Löwen orientieren sich dann vor allem an Geräuschen, denn selbst wenige Meter vor einer ruhig dösenden Herde können sie kein Ziel ausmachen, wenn es sich nicht vom Himmel abhebt.

Als die von uns gefilmten Löwen angreifen, rennen sie eher wahllos in die Herde hinein und hoffen auf einen Treffer. Der halbstarke Katzennachwuchs trägt mächtig dazu bei, Panik zu erzeugen, den Jungtieren macht der Tumult richtig Spaß. Wie nicht anders zu erwarten, verlieren die beiden Löwinnen in dem entstehenden Geräuschchaos bald die Orientierung. Still lauschend stehen sie da, um einzelne, versprengte Tiere auszumachen. In so einer Situation ist der Jäger klar im Vorteil: Atemschnaufer und Huftritte verraten potenzielle Opfer sofort.

Solch ein Angriff bedeutet auch immer Gefahr für die Löwen, die Jäger: Die Überlegenheit des majestätischen Königs der Tiere ist von Forschern schon lange als idealisierte Übertreibung entlarvt worden. Die systematischen Untersuchungen an Löwen zeichneten ein ganz anderes Bild: Nicht nur, dass etwa zwei von drei Jagden fehlschlagen, manchmal werden sie auch zum Fiasko. Immer wieder erleben wir solche Tierdramen während unserer Dreharbeiten: Eine Elenantilope, immerhin an die 600 Kilo schwer, bricht einer angreifenden Löwin das Bein. Eine andere Löwin zerschmettert sich bei einem Jagdunfall den Kiefer. Diese verletzten Tiere sind anschließend völlig abhängig von den Jagdkünsten und dem guten Willen ihrer Rudelgenossen. Wochenlang müssen sie sich von deren Beuteresten ernähren – wenn sie nicht vorher einer schmerzhaften Entzündung erliegen. Aus Sicht der Jäger gehört so etwas eben zum Geschäftsrisiko.

Richtig schlimm allerdings wird es, wenn das Geschäft brachliegt – das heißt, wenn keine Beute zu finden ist. Das kommt erstaunlich regelmäßig vor, wie Forschungen ergaben. Wenn die Wanderherden der Gnus die südlichen Grasländer der Serengeti verlassen, kommt für die lokalen Löwenrudel jedes Jahr eine Notzeit, in der es um Leben oder Tod geht. Die riesigen Ebenen sind staubtrocken, nur wenige Tiere halten sich das ganze Jahr über dort auf. Löwen aber sind an ihre Reviere gebunden und können den Herden deshalb nicht folgen. Sie hungern monatelang, und vor allem zahlreiche Jungtiere gehen wegen fehlender Nahrung zugrunde.

Ein Warzenschwein ist für drei bis vier ausgehungerte Löwen eine knappe Portion. Kein Wunder, dass raue "Tischsitten" herrschen: Der erfolgreiche Jäger ist dominant und möchte gar nichts abgeben. Es kommt zu heftigen Raufereien, die Jungen werden rücksichtslos beiseitegedrängt und ergattern oft nur ein paar Brocken Fleisch. Wenn es hart auf hart kommt, ist es für das Rudel entscheidend, dass die Weibchen halbwegs bei Kräften bleiben, damit sie weiter jagen und sich fortpflanzen können.

Das Überleben der Jungen hängt von vielen Faktoren ab. Nicht nur vom Jagdglück ihrer Mutter, sondern auch von Konkurrenten wie Leoparden, Hyänen oder sogar Büffeln. Und wenn das Rudel von fremden Männchen übernommen wird, bringen die neuen Anführer systematisch den Nachwuchs ihrer Vorgänger um, damit sie sich dann selbst schneller fortpflanzen können. Über die hohen Verluste von jungen Geparden ist oft gesprochen worden. Tatsächlich sind die Überlebenschancen von kleinen Löwen nicht sehr viel größer.


Dramatische Zahlen: Löwen in Gefahr

Etwa 16.000 Löwen leben noch in freier Wildbahn. Meist in Afrika, wenige Asiatische Löwen im indischen Gir-Nationalpark. Laut Experten haben sich die Bestände in den vergangenen zwanzig Jahren halbiert.

Autor: Reinhard Radke