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Ein Morpho verbringt nur fünf Wochen seines Lebens als Falter.

Ein Morpho verbringt nur fünf Wochen seines Lebens als Falter. Insgesamt wird er etwa 115 Tage alt. / Foto: © dpa

Tropenhaus in Friedrichsruh

Garten der Schmetterlinge

Der Monarch hängt kopfüber und schüttelt sich. Wie eine kleine, jadegrüne Weintraube wirkt die Puppe des Falters. Das zarte Zappeln kündigt das letzte Stadium in seinem erstaunlichen Lebenszyklus an: vom Ei über Raupe und Puppe bis zum erwachsenen Schmetterling. Als Nächstes verblasst die grüne Farbe der Puppe. Die rot-gelb-schwarze Zeichnung des späteren Falters scheint durch. Im Zeitlupentempo bricht die Hülle auf. Langsam entfalten sich die Flügel mit den rostgelben Streifen und den schneeweißen Punkten. Der Monarch klammert sich an die leere Haut der Puppe, bevor er endgültig das Element wechselt und die Luft erobert.

"Der Schmetterling pumpt sich nach der Metamorphose etwa eine Stunde auf, bis die Flügel ausgehärtet sind", erklärt Hildegard Roelcke. Sie ist die Geschäftsführerin des mit 27 Jahren ältesten Schmetterlingsgartens in Deutschland – die Fee der Falter. "Der Garten der Schmetterlinge" liegt in einer idyllischen Parkanlage mit windschiefen Fachwerkhäusern am Schlossteich von Friedrichsruh, dem Stammsitz der Fürstenfamilie von Bismarck im Sachsenwald. Ferdinand und Elisabeth von Bismarck haben den liebevoll angelegten Falterzoo vor den Toren Hamburgs gemeinsam mit Roelcke aufgebaut.

Rund 800 Schmetterlinge aus 40 Arten flattern hier während der Saison. Heute ist zerbrechliche Fracht aus Costa Rica eingetroffen: 400 Puppen exotischer Schmetterlinge. In Kürze werden Hunderte bunter Schönheiten schlüpfen. Einige Puppen erinnern an kunstvolles Origami, andere an metallische Schmuckstücke. Der Monarchfalter war die "Frühgeburt" dieser Lieferung.

Schmetterlinge: Fügel wie aus Glas

In einem nur fünf Quadratmeter kleinen Raum, der "Puppenstube", kümmern sich zwei Mitarbeiterinnen um die Neuankömmlinge. Am Hinterteil der Puppen befindet sich ein Gespinstkissen, mit dem sich die Raupen kopfüber an einen Ast hängen. Eine Mitarbeiterin führt vorsichtig eine aseptische Nadel durch dieses Seidenband und hängt eine Puppe nach der anderen nebeneinander auf. "Wir ahmen die Natur nach", sagt Roelcke. In einem Schaukasten im Tropenhaus können geduldige Besucher die Geburt eines Falters live verfolgen.

Im dem Schmetterlingshaus flattern Hunderte Artgenossen bei 28 Grad und rund 80 Prozent Luftfeuchtigkeit. Am Boden wackeln Wachteln durch das tropische Grün. In einem künstlichen See tummeln sich Schildkröten und Koi-Karpfen. Doch in der Luft schwirren die eigentlichen Stars des Schaugartens: Weiße Baumnymphen, elfenhafte Glasflügler, orangefarbene Juliafalter.

Besonders auffällig sind die metallisch blau leuchtenden Morphofalter, die in kleinen Trupps regelrechte Formationsflüge vollführen und deren Flügel bis zu zwölf Zentimeter messen. Erst vor ein paar Jahren lüfteten Forscher das Geheimnis ihrer Schönheit. Für das Himmelblau zeichnen nicht etwa Pigmente verantwortlich wie bei den meisten ihrer Verwandten, sondern dachziegelartig angeordnete Schuppen. Sie absorbieren alle Farben des Lichts, nur das Blau wird reflektiert.

Die Falter werden nur wenige Wochen alt

Ein Morpho ist auf Sophies (7) Rücken gelandet. Die Erstklässlerin mit der großen Brille betrachtet ihren Gast. Mit geschlossenen Flügeln wirkt der Morpho wie ein welkes Blatt. An der braunen Unterseite der Flügel zeichnen sich große Augenflecken ab. So ist das kleine Tier gut getarnt, wenn es mit seinem langen Rüssel Saft aus einer weichen Banane saugt. Nicht alle der über 180.000 Falterarten weltweit ernähren sich von Blütennektar, einige fliegen auf gärendes Obst, manche auf Aas – wie etwa der heimische Schillerfalter.

Sophies Mitschüler David (7) und Yannik (7) betrachten den Morpho: "Dass der gar keine Angst hat", wundert sich David. Hildegard Roelcke weiß, warum: "Der ist abgeflogen." In den ersten Lebenswochen sind die Flügel der majestätischen Morphos geschmeidig und biegsam. Gegen Ende ihres Daseins als Falter, das nur fünf Wochen währt, fransen sie aus. Der Zustand der Flügel verrät das Alter. Ein solcher Senior ist bei Sophie gelandet. Er hat seine Lebensaufgabe erfüllt und sich in 115 Tagen vom Ei zum Schmetterling entwickelt und fortgepflanzt.

Gut drei Jahrzehnte ist es her, da erlag das Fürstenpaar Bismarck auf einer Frankreichreise dem zarten Zauber der wohl schönsten Insekten. Ein Adelsfreund baute damals nahe Bordeaux ein tropisches Schmetterlingshaus auf. "Danach wurden wir die Pioniere in Deutschland", erzählt Ferdinand von Bismarck (81). Viele hielten die Idee anfangs für einen Spleen. Doch die fragilen Falter taugen nicht als verrücktes Hobby, sie sind anspruchsvoll, benötigen professionelle Pflege.

"Für die Haltung tropischer Schmetterlinge bedarf es eines feinen Zusammenspiels aus Klima, Pflege und Vegetation", betont Roelcke. Temperatur und Luftfeuchtigkeit müssen ständig von Hand geregelt werden – je nach Außenwetter. Ist die Luft zu trocken, schlüpfen die Puppen nicht. Täglich werden die Schmetterlingseier eingesammelt – heute waren es 445. Andernfalls würden die nimmersatten Raupen das Troparium kahl fressen. Zudem sind Falter wählerisch. Fast jede Art saugt den Nektar nur einer bestimmten Pflanze. Der Aufwand ist so groß, dass es hierzulande nur etwa ein Dutzend weitere Schmetterlingsgärten gibt.

Durch das umgebaute Gewächshaus der Bismarcks flanierte bereits der europäische Hochadel. Doch der Park ist keinesfalls ein exklusiver Schauzoo für Aristokraten, er lockt jährlich 80.000 Besucher an. Bismarck: "Wir wollten einen Ort zum Wohlfühlen für alle Menschen schaffen und auch Stadtkinder für die Schönheit der Natur begeistern."

Bei den Erstklässlern aus Hamburg ist das gelungen. "Wir lieben die Ruhe , die bunten Farben", schwärmt Sigrun Asgrimsdottir, die den Schulausflug ihres Sohnes David begleitet. Die Isländerin lebt seit 1992 in Deutschland. "Wir kommen auch privat einmal im Jahr. Die Kinder beobachten hier viel ruhiger als draußen", so die zweifache Mutter. "In Island gibt es kaum Schmetterlinge. Wenn ich im Garten einen Falter sehe, dann verrät mir David, wie er heißt."

Autor: Dagmar Weychardt