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Gämse sind ständig bereit zur Flucht.
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Wachsam: Gämse, hier mit Nachwuchs, sind ständig bereit zur Flucht. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Bedrohte Kletterkünstler

Gämsen im Gebirge

Sie turnen durchs Gebirge, trotzen Kälte und Schnee – das Leben der Gämsen ist beschwerlich. Kaum eine andere Wildtierart muss sich so mühsam durchschlagen.

Die Herbstlandschaft in den Allgäuer Hochalpen ist einfach perfekt. Blau der Himmel, grün das Gras, grau der Fels. Dazu die Tiere. Auf einem Schotterfeld sonnt sich ein Rudel Gämsen. Blick nach rechts – auch da zieht eine Gruppe dieser Tiere äsend zwischen den Felsen bergauf. Und darüber, auf einer Zinne, steht eine einzelne Gämse und zeichnet sich beinahe wie eine Statue gegen den Himmel ab. Was für glückliche Tiere, denkt man. Die Wärme, der Nahrungsüberfluss, das friedliche Ambiente. Und doch: Kaum eine andere Wildtierart muss sich so mühsam durchschlagen.

Nach einem friedlichen Sommer startet im Oktober das beschwerliche Leben. Die Brunft beginnt. Dann jagen sich die Böcke im Wettbewerb um die Weibchen durch die Felsen, preschen in einem Tempo Steilhänge hinauf, wie ein guter Skifahrer es gerade mal bergab schafft. Wenn sie sich zum Kampf stellen, versuchen sie, dem Gegner ihre Krucken, die nach hinten gebogenen Hörner, in den Körper zu stoßen und dann den Kopf zurückzureißen. Oft genug geht so ein Kampf tödlich aus. Dem Sieger mag es später passieren, dass er sich auf die Hinterläufe stellt, um Zweige von einem Baum zu fressen – hakt er sich dabei mit seinen mörderischen Krucken an einem Ast fest, kommt er von diesem nie wieder los.

Im November findet die eigentliche Paarung statt. Eine gute Prognose für den Nachwuchs gibt es aber nicht. Obwohl natürliche Feinde der Gämsen – Bären, Wölfe, Luchse, Adler – in den Alpen rund 100 Jahre lang nahezu nicht existent waren, breiten sich nun in der zu dichten Population Seuchen wie die Gamsräude schnell aus. "In den letzten zehn Jahren hat die Krankheit in den Südalpen zu schweren Verlusten geführt", sagt die Wildbiologin Christine Miller, Buchautorin ("Das Gamsbuch"; Bestellmöglichkeit siehe rechts ) und Beraterin des World Wide Fund For Nature (WWF).

Größte Feinde der Gämsen: Skifahrer

Die Kälte und den Schnee des Winters können die Tiere noch gut überstehen, auch wenn Lawinen und Steinschlag Opfer fordern. Daran haben sie sich angepasst. Die größte Gefahr für Gämsen ist unsere Freizeitgesellschaft. Meist leben die Tiere im Winter in den obersten Waldzonen. Wenn die Sonne scheint, ziehen sie in sonnige, windstille Hänge. Alles möglichst langsam, um keine Kalorien zu verschwenden. Wenn aber Tiefschneefahrer oder Tourengeher sie in ihren Ruheräumen aufschrecken und die Gämsen in Panik durch den hohen Schnee davonjagen, verbrennen sie zu viel überlebenswichtige Energie. Oder sie werden aus ihren geschützten Einständen verjagt und müssen in lawinengefährdete Regionen ausweichen.

Das Gleiche passiert, wenn Gleitschirmflieger oder Hubschrauber niedrig über Gämsenrefugien fliegen. Als ob das Leben im Hochgebirge, das Gämsen zu abenteuerlichen Kletterkünsten zwingt, nicht beschwerlich genug wäre. Als ob ihnen nicht Wanderer, Skifahrer und Flieger genug zusetzten – seit einigen Jahren breiten sich in den Alpen auch wieder ihre natürlichen Feinde aus. Einzelne Bären ziehen durch die Berge, Steinadler vermehren sich wieder, und in den Westalpen gibt es erneut Wölfe. "Es ist merkwürdig", sagt Christine Miller. "Obwohl die Wölfe dort auch Gämsen reißen, haben wir noch nicht festgestellt, dass deren Population oder ihr Verhalten sich dadurch geändert hat."

Mit anderen Tieren kommen die Gämsen also noch am besten aus, auch wenn die ihnen, anders als wir Freizeitmenschen, ganz direkt nach dem Leben trachten. Vielleicht weil ihr Leben so hart ist, können Gämsen es auch genießen. Wenn sie sich beispielsweise wohlig auf einem Geröllfeld oder, den Bauch nach oben, im Schnee sonnen. Oder wenn sie eine Runde rodeln gehen – oben am Hang mit dem Bauch auf den Schnee, die Vorderläufe zum Steuern vorgestreckt, und dann geht’s los. Mit Highspeed bergab. Einfach nur, weil es Spaß macht.

Autor: Walter Karpf