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Puppe eines Monarchfalters.

Puppe eines Monarchfalters: Nachdem sich die Raupe verpuppt hat, bildet sich in der grünlichen Hülle der Falter. Durch winzige Löcher an der Seite saugt er Luft ein. Am Ende schlüpft er aus der Puppe. - Foto © picture alliance / Arco Images GmbH

Rekordleistung

Flug der Monarchfalter

Manchmal schauen die Menschen in Michoacán nun schon zum Himmel. Sie warten auf die Ankunft der Monarchfalter. Jedes Jahr im Spätherbst treffen Millionen der orange-schwarzen Schmetterlinge in den Bergen der mexikanischen Provinz ein. Dann ist die Luft erfüllt vom Rauschen filigraner Flügel. Am "Día de los muertes wird das Ereignis gefeiert – am "Tag der Toten".


Die Flugroute der Monarchfalter

Den Hinflug aus Kanada oder dem Norden der USA nach Zentralmexiko schafft die erste Generation der Monarchfalter in rund zwei Monaten. Rechtzeitig zum Überwintern trifft sie ein. Der Rückflug dehnt sich über mehrere Generationen.


Denn für die Einheimischen sind die Falter die Seelen der Vorfahren, die auf die Erde zurückkehren. Nur ein halbes Gramm wiegen die zarten Geschöpfe. Die Strapazen der letzten Monate sieht man ihnen kaum an: Mehr als 4000 Kilometer haben viele Falter zurückgelegt, von Kanada und dem Norden der USA bis ins Winterquartier im Hochland von Zentralmexiko. Die längste Insektenreise der Erde – und eines der größten Rätsel im Tierreich.

"Schmetterlinge haben die denkbar ungünstigste Form für Reisen über große Distanzen“, erklärt Dr. David L. Gibo, Insektenforscher an der Uni Toronto. "Sie sind dafür schlecht konstruiert, verbrennen ihren Energievorrat zu schnell." Deshalb nutzen sie thermische Aufwinde. Wie Segelflieger lassen sie sich durch die Lüfte treiben, sonst würden sie ihr Ziel Mexiko nie erreichen. Umgerechnet müsste ein Mensch elfmal um die Erde laufen, um eine vergleichbare Leistung zu erbringen.

Auf ihrer Reise überwinden Monarchfalter die großen nordamerikanischen Seen, lassen sich nicht von Herbststürmen und gefährlichen Gewitterregen aufhalten, trotzen dem heißen Atem der Wüste und den Bergen der Sierra Madre. Bis zu 80 Kilometer pro Tag legen die zarten Schmetterlinge zurück. Doch warum begeben sie sich überhaupt auf diese beschwerliche Tour? Einer Legende zufolge kehren die Falter jedes Jahr nach Mexiko zurück, weil es hier in den Bergen Gold gibt. Der Glitzerstaub, den sie auf ihren Flügeln tragen, ist der Goldstaub von Michoacán.

Wissenschaftler sehen das nüchterner. Sie haben festgestellt, dass in der Region ein ideales Mikroklima herrscht: nicht zu kalt, nicht zu feucht, genügend Wälder. In dichten Trauben hängen Millionen Monarchfalter an den Ästen der Oyamel-Tannen. Dort verfallen sie monatelang in Kältestarre. "Der Wald wirkt wie eine Decke, die die Schmetterlinge wärmt und gleichzeitig vor Regen schützt", sagt Biologe Prof. Lincoln P. Brower. Doch das kann nur ein Teil der Lösung sein. Schließlich gäbe es in Amerika andere, näher liegende Winterquartiere. Noch größer wird das Rätsel, wenn man den Aufwand betrachtet, den die Natur für diese Reise betreibt.

Da wäre zunächst die Navigation: Wie finden die Falter den Weg an einen Ort, den sie noch nie gesehen haben? Ähnlich wie Vögel orientieren sie sich offenbar am Sonnenstand und am Magnetfeld der Erde. Das Ziel selbst muss in den Genen programmiert sein. Forscher verfrachteten Monarchfalter von Kansas in der Mitte der Vereinigten Staaten nach Washington D.C. an der Ostküste. Schon nach wenigen Tagen orientierten sie sich um und wählten die korrekte Route Richtung Mexiko.

Ein weiterer verblüffender Aufwand: Normalerweise leben Schmetterlinge nur wenige Wochen. Die Generation jedoch, die ins Land ihrer Ahnen flattert, erreicht ein wahres Methusalem-Alter. Sie schlüpft im Spätsommer aus den Puppen und wird sieben- bis achtmal so alt wie ihre Verwandten. Länger als ein halbes Jahr trotzt sie den Strapazen der Transkontinentaltour und den Gefahren im Winterquartier. Würde man diese Lebensspanne auf den Menschen übertragen, hätte man 500-Jährige, die auf Weltreise gehen.

Monarchfalter - ihre Flugrouten müssen angeboren sein

Wenn der Frühling kommt, erwachen die Monarchfalter im Hochland von Michoacán wieder zum Leben. In der Sonne wärmen sie ihre Flügel. Es herrscht Aufbruchstimmung. Doch weit kommen die "greisen" Falter nicht. Einige legen schon in den Wäldern ihre rund 400 Eier ab und sterben, für andere wird es eine kurze Hochzeitsreise. Erst die frisch geschlüpften Schmetterlinge flattern weiter – wiederum nur wenige Hundert Kilometer. Was die Methusalem-Generation in einem Rutsch schafft, dehnt sich auf dem Rückflug über mehrere Generationen. Im Spätsommer landen nur die Urenkel im heimatlichen Kanada. Ein Beweis mehr, dass das Wissen um die Flugrouten angeboren sein muss.

Wenn die Menschen von Michoacán im Herbst zum Himmel schauen, ist stets auch etwas Angst dabei. Werden die Monarchfalter pünktlich eintreffen? Sind es wirklich wieder Millionen? Denn das einzigartige Naturphänomen ist bedroht. Seit Jahren werden die Wälder im Hochland illegal abgeholzt, der Klimawandel verändert die sonst so idealen Bedingungen in Mexiko. Mitte Januar 2002 wurden zwei der größten Falterkolonien von einer Kaltfront überrascht. Feuchtigkeit und Kälte vereinten sich zu einem tödlichen Schlag, dem 75 Prozent der Schmetterlinge zum Opfer fielen.

Der Boden färbte sich orange-schwarz von einer dichten Schicht lebloser Leiber. "Der kontinuierliche Rückgang der Schmetterlinge ist ein Alarmsignal", erläutert Volker Homes, Artenschutzexperte beim WWF Deutschland. "Der massive Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, die Abholzung von Wäldern und klimatische Veränderungen machen den Tieren das Überleben schwer."

Die rätselhafte Reisestrategie der Monarchfalter bleibt trotzdem noch erfolgreich. Die letzte "Volkszählung" in Mexiko ergab sogar, dass sich die Zahl der Langstreckenflieger im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt hat. Neun Kolonien dehnten sich auf insgesamt vier Hektar aus – ein Wald, verzaubert von Millionen Schmetterlingsflügeln.

Autor: Kai Riedemann