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Ein bis zwei Minuten in der Luft? Kein Problem für einen Fliegenden Fisch.

Etwa 50 Arten umfasst die Familie der Fliegenden Fische, keine von ihnen wird länger als 45 Zentimeter. - Foto © picture alliance / Mary Evans Pi

TV-Tipp: 360° Geo Reportage

Fliegende Fische

Es gleitet durch die Luft, sieht aber aus wie ein Hering: Wie und warum die Fliegenden Fische segeln lernten. Siehe auch TV-Tipp rechts.

Fisch oder Vogel? "Da waren wir manchmal tatsächlich nicht ganz sicher", erzählt Brigitte Riekenberg, die mit ihrem Mann Klaus die Welt umsegelt hat. Erst aus der Nähe betrachtet offenbarte sich das Geheimnis der unbekannten Flugobjekte: Man meint, Heringe mit Flügeln zu erkennen. "Sie waren auf hoher See manchmal über Tage die einzigen Lebewesen, die wir über der Wasseroberfläche sahen", so Brigitte Riekenberg.

Etwa 50 Arten umfasst die Familie der Fliegenden Fische, keine von ihnen wird länger als 45 Zentimeter. Was sie eint, ist ihr fantastischer Fluchttrick: Wenn sich ein Feind nähert, flattern sie 60- bis 70-mal in der Sekunde mit ihrer stark gegabelten Schwanzflosse und erzeugen damit genug Antrieb, um sich einen bis anderthalb Meter aus dem Wasser zu katapultieren. Dann breiten sie ihre tragflächenähnlichen Flossen aus – je nach Art sind es zwei oder vier – und gleiten mit 30 bis 50 Stundenkilometern davon. Etwa zehn Sekunden bleiben sie in der Luft, setzen dann kurz mit der Schwanzflosse auf und katapultieren sich erneut in die Höhe. Das können die Flugfische sechs- oder siebenmal wiederholen und auf diese Weise 300 bis 400 Meter zurücklegen.

Fliegender Fisch Beilbauchsalmler

Beilbauchsalmler: Sind sie die einzig wahren fliegenden Fische? - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Beim Aufsetzen mit der Schwanzflosse lässt sich sogar die Flugrichtung geringfügig nach links oder rechts verändern. "Spielt der Wind mit, können Fliegende Fische sogar surfen", sagt Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. "Sie tauchen dazu die verlängerte Spitze der Schwanzflosse ein und halten sie ruhig. Sie hat dann eine ähnliche Wirkung wie die Finne beim gleitenden Surfbrett."

Unterkiefer wie Schiffskiele

Beim Eintauchen klappen sie die Flugflossen einfach wieder an den Körper. Die Natur hat bei den Fliegenden Fischen eine weitere Anpassung vorgenommen, erklärt Froese: "Sie haben einen besonders harten Unterkiefer, der wie ein Schiffskiel wirkt. Sonst würden sie sich beim schnellen Wiedereintauchen auf der harten Wasseroberfläche verletzen oder selber k. o. schlagen." Wenn das Davongleiten so eine gute Möglichkeit ist, den Feinden zu entkommen, stellt sich natürlich die Frage, warum die Evolution das Flugprinzip unter den Fischen nicht gleich flächendeckend eingeführt hat.

Tatsächlich hat diese Sonderausstattung nicht allein Vorteile: "Der harte Unterkiefer kann beim Fressen nicht effizient vorgestülpt werden, die großen Brust- und teilweise auch Bauchflossen sind beim schnellen Manövrieren unter Wasser hinderlich", sagt Froese. Sein Kollege Heino Fock vom Johann-Heinrich- von-Thünen-Institut ergänzt: "Dieses Fluchtverhalten kommt sowieso nur für die wenigen Arten in Frage, die beschlossen haben, knapp unter der Wasseroberfläche zu leben." Und selbst unter dieser Gruppe wird die Gleittechnik aus gutem Grund nur in den tropischen und subtropischen Ozeanen angewendet.

Fliegender Fisch

Per Schwanzspitze können die Fliegenden Fische die Richtung wechseln. - Foto © picture alliance / WILDLIFE

Denn schon im rauen Wetter und den hohen Wellen der Nord- und Ostsee versagt das Gleitprinzip: "Es funktioniert nur bei spiegelglatter See. Bei uns kämen die Fische immer nur bis in die nächste Welle hinein", sagt Fischereibiologe Fock. Bei den zweiflügligen Arten sind die Brustflossen groß und die Bauchflossen klein, bei den Vierflüglern sind sie ungefähr gleich groß. Die Fische können nicht wie Vögel damit schlagen, weshalb einige Fischexperten den südamerikanischen Beilbauchsalmler, einen Süßwasserfisch, als "einzig wahren" fliegenden Fisch ansehen: Er soll die Brustflossen beim Sprung aus dem Wasser angeblich aktiv bewegen können.

Andere Forscher widersprechen entschieden – beispielsweise Rainer Froese: "Es gibt keinen Fisch, der mit den Flossen schlägt wie mit Flügeln. Das Flattern bei Beilbäuchen oder Schmetterlingsfischen ist wohl passiv." Für die Forschung spielt das keine große Rolle. Viel interessanter ist das Gleitverhalten der Fliegenden Fische. Einer Studie der Universität von Seoul in Südkorea zufolge sind sie bessere Gleiter als Insekten. Messungen im Windkanal ergaben sogar, dass sie es durchaus mit Sturmvögeln und Brautenten aufnehmen können.

Entscheidend ist, dass die Fische nicht zu hoch unterwegs sind: "Nahe der Meeresoberfläche zu gleiten erlaubt es dem Fisch, weiter zu kommen", so die Forscher in ihrem Bericht. Je höher sich die Tiere über die Wasseroberfläche erheben, desto mehr sind sie Luftströmungen und Turbulenzen ausgesetzt, wie man sie aus dem Flugzeug kennt: Der Luftfilm, der sie trägt, reißt ab. Von der Technik der Fliegenden Fische inspiriert, wollen die südkoreanischen Forscher nun Flugzeuge entwickeln, die die Bodeneffekt-Aerodynamik nutzen.

Damit wandeln sie auf historischen Pfaden: Schon Flugzeugpioniere wie Otto Lilienthal und Frederick W. Lanchester sollen sich seinerzeit bei ihren Konstruktionen mehr an Fliegenden Fischen als an Vögeln orientiert haben. Manche Fische schießen jedoch weit über das Ziel hinaus – sei es, dass sie in Panik zu stark beschleunigen, sei es, dass Aufwinde sie zu sehr in die Höhe tragen. So landen sie nicht nur auf den Planken von Segeljachten, sondern mitunter sogar in zehn Meter Höhe auf den Decks von Frachtschiffen.

Zweigeteilte Augen

Ihr englischer Spitzname "bang bangs" kommt denn auch nicht von ungefähr: nach dem Geräusch, mit dem sie an die Bordwand knallen. Dabei hat die Natur sie sogar mit zweigeteilten Augen ausgestattet, dank deren sie gleichzeitig nach oben und unten sehen können. Ideal für die Ausschau nach ihren zahlreichen Feinden: Raubfischen und Seevögeln.

Dass sie optisch an Heringe erinnern, täuscht übrigens: Fliegende Fische, lateinisch Exocoetidae, sind nicht mit ihnen verwandt, sondern gehören zur Ordnung der Hechtartigen. Die äußerlichen Ähnlichkeiten sind wohl aufgrund gleicher Lebensumstände und Umweltanforderungen entstanden. In diesem Fall ist es die schnelle Schwimmgeschwindigkeit, die eine gewisse Stromlinienform erfordert.

Kurioserweise schmecken Fliegende Fische sogar "ähnlich wie Heringe, nur fischiger", weiß Weltumseglerin Riekenberg, die schon so manches Exemplar gebraten hat, das nachts auf dem Deck gelandet war. In der Karibik stehen sie häufig auf dem Speiseplan, ebenso in Japan, Taiwan, China oder Vietnam. In Japan werden sie außerdem für Sushi verwendet, ihr Rogen gilt als besondere Spezialität. Gegen den menschlichen Appetit richtet nun mal die beste Fluchttechnik nichts aus.

Kein Vogel, aber in der Luft: weitere Tiere im Gleitflug

Aus eigener Kraft abheben wie Vögel können sie nicht. Auf Gleitflüge aber verstehen sich mehrere Spezies: Der ostasiatische Wallace-Flugfrosch segelt bis zu 20 Meter von Baum zu Baum. Wie kleine Fallschirme spannt er Segelhäute zwischen seinen Zehen auf. Über die verfügt auch der zehn Zentimeter lange Falten- oder Fluggecko, hinzu kommen bei ihm Hautlappen an Beinen, Kopf und Körper.

Beim Flugdrachen in Südostasien spannen sich die Häute zwischen den verlängerten Rippen und bilden ein perfektes Gleitsegel, das auch eine gute Drohgebärde abgibt: 60 Meter weit kommen die nur 20 Zentimeter messenden Tiere, deren längster Körperteil ihr Schwanz ist. Flug- oder Gleithörnchen spreizen ihre behaarten Gleithäute zwischen Vorder- und Hinterbeinen und segeln 30 bis 400 Meter – je nach Art. Sehr hilfreich, wenn ihnen ein Marder auf den Fersen ist!

Der Mantarochen schießt mit hohem Tempo aus dem Wasser, kann seine Flossen aber nicht aktiv zum Fliegen einsetzen. Selbst zum Gleiten sind sie nicht gerade genug. Warum er es tut? Aus Spaß, glauben Forscher.

Autor: Thomas Röbke