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Erdmännchen behalten ihre Umgebung ständig im Blick.

Erdmännchen behalten ihre Umgebung ständig im Blick. / Foto: © picture alliance/chromorange pixel

Neue Naturdoku im BR

Erdmännchen in den Bau geschaut

So machen es sonst nur professionelle Bodyguards: Der erste Wächter kommt aus dem Bau und blickt sich nervös um. Feind in Sicht? Ihm folgt ein zweiter, der den ersten sichert. Erst wenn beide weder Adler noch Fuchs ausmachen können, geben sie Entwarnung. Dann drängt der Rest der Gruppe aus dem Bau und wärmt sich den Bauch in der Morgensonne. Der erste Wächter aber hat einen Felsen erklommen und sucht die Umwelt nach Gefahren ab. Erdmännchen haben Grund zur Vorsicht.

Eigentlich könnten die anderen nun beruhigt ihrem Broterwerb nachgehen, also unentwegt im Sand der afrikanischen Savanne buddeln, nach Käferlarven, Geckos oder Skorpionen suchen. Doch obwohl der Wächter wacht, nehmen die Tiere alle paar Augenblicke die Grundstellung ihrer Art ein: stellen sich aufrecht auf die Hinterbeine, lassen die Arme vor dem Bauch hängen und blicken misstrauisch umher. Kein Wunder, denn rund 60 verschiedene Raubtierarten fangen gern Erdmännchen, von Löwen über Greifvögel bis zu Schlangen.

Vorsicht, Feind in Sicht!

Mitten im Gewusel steht eine blonde Frau mit Block und Kamera. Die Züricher Biologieprofessorin Marta Manser erforscht in der Sandwüste Kalahari seit 16 Jahren das Verhalten der Erdmännchen. Sie hat die Sozialbeziehungen der Tiere intensiv studiert. Sie weiß, wie die verschiedenen Warnrufe klingen, je nachdem, ob ein Schakal sich nähert oder ein Raubvogel, ein Milan, ein Adler. Je nachdem, ob der Feind nah oder weit entfernt ist. Die Gruppe erfährt so, ob sie unter dem nächsten Busch Schutz suchen muss oder noch Zeit hat, zum Bau zu rennen.

"Erdmännchen brauchen die Gruppe", sagt Prof. Manser. "Einzeln könnten sie in der Kalahari nicht überleben." Nun aber will die Biologin auch wissen, wie Erdmännchen miteinander umgehen, wenn sie sich im Bau aufhalten, ohne Drang zur Futtersuche und Furcht vor Feinden. In ihrem Institut in Zürich hat sie einen Kunstbau einrichten lassen, in dem der Bayerische Rundfunk Kameras installierte.

Seit Monaten dokumentieren sie nun, was Erdmännchen nachts so alles treiben. Es sind nie zuvor gesehene Bilder. Sie zeigen, wie Männchen und Weibchen sich im Schlaf in den Armen liegen, sie zeigen Geburt und Geburtshilfe sowie den liebevollen Umgang mit dem Nachwuchs.

Über die vielfältigen sozialen Beziehungen der Tiere sagte der Oxford-Professor David Macdonald, der vor rund 25 Jahren die erste große Erdmännchen-Studie begann: "Was sich hier beobachten lässt, gehört zum Faszinierendsten, was man über die Entwicklung der Gruppenbildung unter Säugetieren, lernen kann – uns Menschen eingeschlossen."

Wie beim Homo sapiens zahlt es sich auch bei Erdmännchen aus, altruistisch zu sein. Neben Wächtern, die spätestens nach einer Stunde abgelöst werden, gibt es Babysitter, die sich selbstlos um die Kleinen kümmern, wenn die Mutter auf Jagd geht. Es ist eine matriarchalische Gesellschaft, in der die kleinen Räuber leben. Ein Alphaweibchen ist Chefin, nur sie darf Junge haben. Erwartet eine ihrer Schwestern oder Töchter Nachwuchs, wird sie meist aus der Gruppe gejagt, ihre Jungen werden getötet. Die Familie zeigt zärtliche und grausame Seiten – wie im richtigen Leben auch.

Einen besonders eindrucksvollen Beweis ihres Teamgeists liefern die Erdmännchen, wenn sich ein Feind schon so nahe angeschlichen hat, dass Flucht keine Option mehr ist. Dann bauen sich die Tiere nebeneinander auf, schwanken synchron hin und her, zischen und spucken wie ein Mann. Sie machen den Gegner glauben, er habe es mit einem großen, gefährlichen Tier zu tun und nicht mit einem Haufen allenfalls 30 Zentimeter großer Wichte. Der Trick wurde oft beobachtet – und er funktioniert.

Hat sich ein Räuber aber unentdeckt genähert, muss der Wächter auf seiner exponierten Position häufig als Erster dran glauben: Er opfert sich für die Gruppe. Ganz professioneller Bodyguard eben.

Autor: Walter Karpf