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Andrea Kutsch spricht mit Pferden, übersetzt deren Signale.

Andrea Kutsch spricht mit Pferden, übersetzt deren Signale. Mit ihrer Methode wurde sie zum innovativen, erfolgreichen Pferdecoach. - Foto © picture-alliance/ ZB

Zu Besuch bei Andrea Kutsch

Die Pferdeflüsterin

Die hochgewachsene Frau steht in der Mitte der Reithalle und hält die Longierleine fest in der Hand. Es ist der Beginn eines Experiments, das auch bei der x-ten Wiederholung noch wie ein Wunder wirkt. Wird die Stute Queenie ihren Widerstand aufgeben? Seit der Schimmel beim Reiten scheut und steigt, ist er ein Fall für die Pferdeflüsterin.

Andrea Kutsch geht zügig durch die Halle, spricht mit lauter Stimme, hebt die Hand mit gespreizten Fingern – und das Pferd fällt in nervösen Galopp. Noch erscheint ihm der Zweibeiner als potenzieller Feind. Heftige Gesten, der direkte Blick signalisieren dem Fluchttier: Vorsicht, ein Raubtier! Unvermittelt ändert Andrea Kutsch ihre Körperhaltung, sie lässt die Longierleine sinken, wendet sich halb ab, geht langsamer – und das Wunder geschieht. Lammfromm trabt Queenie über die Länge der Bahn. Als Kutsch stehen bleibt, die Schultern leicht eingedreht und den Kopf gesenkt, kommt die Stute neugierig näher. Schließlich lehnt sie ihren Kopf an Kutschs Schulter.


Training mit Andrea Kutsch

Andrea Kutschs Methode besteht darin, sensibel auf Reaktionen des Tiers einzugehen. Ein Beispiel:

1. Angespannt: Anfangs sieht das Pferd die Frau als potenziellen Feind.


Foto © picture-alliance/ ZB

2. Neutral: Andrea Kutsch beruhigt das Pferd durch defensive Körperhaltung.


Foto © picture-alliance/ ZB

3. Neugierig: Langsam sucht das Tier Kontakt zur Pferdeflüsterin.


Foto © picture-alliance/ ZB

4. Folgsam: Andrea Kutsch ist jetzt Anführerin einer Herde von zweien.


Foto © picture-alliance/ ZB

5. Vertraut: Am Ende ist das innere Band zum Pferd geknüpft.


Foto © picture-alliance/ ZB


Die Trainerin dreht sich um und reibt die Blesse zwischen Queenies Augen – Experiment gelungen. Das Band zwischen Mensch und Tier ist geknüpft. Die 44-Jährige hat den Umgang mit Pferden in Deutschland revolutioniert. Pferdeversteherin ist sie, ausgebildet beim berühmten Monty Roberts in den USA. Aber von Wundern oder Magie mag sie nichts hören.

Die gelernte Kauffrau ist angetreten, die Signale der Pferde zu übersetzen und die Grenze zwischen Mensch und Tier zu überwinden. Das wollte sie schon als kleines Mädchen. Heute ist sie Chefin der Andrea-Kutsch-Akademie und Missionarin in eigener Sache. Über 180 Gesten der Tiere hat sie analysiert und aufgeschrieben, "wie ein Vokabelheft".

Seit Jahren kämpft sie gegen den Einsatz von Zwang im Reitsport. Ihre Mission: Weg mit den Gerten, den Sporen, weg mit den Foltermaßnahmen, die öffentlich nie sichtbar sind! Da werden Pferdeohren umgedreht und Nüstern gequetscht, da werden Befehle gebrüllt und Sporen in die Flanken gestoßen. "Alles, was wir Menschen mit dem Pferd anstellen, ist gegen seine Natur", sagt Kutsch. "Daher ist es unsere Pflicht, Pferden gewaltfrei beizubringen, dass ihnen die Dinge, die wir von ihnen fordern, keine Angst machen müssen."

Kein Pferd würde etwa in der freien Wildbahn ohne Not über ein hohes Hindernis springen, denn Pferde sind Energiesparer. Wenn der Mensch will, dass sein Pferd die Hufe zur Piaffe hebt oder von Trab zu Galopp wechselt, sollte er sich mit dem Fluchttier verständigen. Ich muss mit den natürlichen Instinkten des Pferdes kooperieren." Es reicht auch nicht, zur Belohnung mit der Möhre zu winken. "Futter als Anreiz hat bei Pferden keine Wirkung. Sie sind keine Jäger. Es ist noch nie ein Grashalm vor einem Pferd davongelaufen."

Rettung in letzter Minute

Das Einzige, was Pferde wirklich antreibt, ist Vertrauen zu ihrem menschlichen Herdenführer. "Inner Bonding" heißt das bei Kutsch. Vor Jahren hat sie angefangen, Pferdebesitzer in der Kutsch-Methode auszubilden. An mehreren Standorten bietet sie Lehrgänge an, berät Deutschlands berühmteste Reiter. Und immer wieder werden Problempferde zu ihr geschickt.

Es geht nicht nur darum, diese Pferde wieder fit für den Parcours zu machen. Oft genug ist das Ziel schlicht, sie vor dem Abdecker zu retten. Als letzte Instanz tritt dann die Pferdeflüsterin an, um den Tieren wieder Vertrauen zu geben. Acht Pferde, ehemalige "Patienten", besitzt sie selbst. "Die müssen nichts mehr leisten, die sind bei mir hängen geblieben."

Autor: Angela Meyer-Barg