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Osterlämmer

Handzahm: Geschwächte oder verstoßene Lämmer bekommen die Flasche. - Foto © picture-alliance/ dpa

Besuch beim Schäfer

Die Osterlämmer sind da

"Schlappohr" ist noch schwach auf den Beinen. Langsam stakst das Lamm mit den Dackelohren zum Bauch der Mutter. Bis es mit den anderen kleinen Lämmern als Springinsfeld über den Deich tollen und die warmen Strahlen der Märzsonne genießen kann, werden noch einige Tage vergehen. Das Frühlingslamm wurde erst vergangene Nacht im Stall geboren. Jetzt zählt nur eines: Milch!

"Schlappohr" muss den Kopf heben, um die Zitzen der Mutter zu erreichen, aber seine Kraft reicht nicht. Da greift eine kräftige Männerhand ein. Schäfer Olaf Dircks (44) stützt den kleinen Kopf und führt ihn an eine der beiden Zitzen von Mutterschaf "Mecki". "Ja, jetzt trink mal", ermutigt er. Seine Stimme ist sanft und warm. Das Lamm meckert leise, saugt gierig. "Erstmilch ist besonders gehaltvoll", erklärt Dircks. "Deshalb ist es so wichtig, dass die Lämmer genug davon bekommen."

Der Stall als Kreißsaal: von Februar bis April kommen 500 Lämmer zur Welt

Dircks streicht über "Schlappohrs" kurzes Kräuselfell: Das Lamm zählt zu den ersten Neugeborenen des Jahres. Es ist das kleinste Tier seines Wurfs, ein Drilling, üblich sind zwei Junge pro Muttertier. Während der Lammzeit im Frühjahr treibt der Schäfer die Herde nach und nach in einen 700 Quadratmeter großen Stall, wo von Februar bis April 500 Lämmer zur Welt kommen.

Dircks legt das kleine Schaf zurück zu Mutter und Geschwistern in den sogenannten Hock, einen kleinen Pferch, in dem die Schaffamilie die ersten zehn Tage nach der Niederkunft verbringt. Der Hock ist etwa zwei Quadratmeter groß und mit Strohbett, Heuraufe, Wassereimer und Wärmelampe ausgestattet. Auskühlung ist die größte Gefahr für Neugeborene – wie bei allen Babys. Einige Meter weiter stehen etwa 30 trächtige Schafe in einem großen Pferch. Manchmal scharrt ein Tier im Stroh, eines zupft an dem frischen Heu. Selten blökt ein Schaf. Die Stimmung ist ruhig, es riecht nach Heu und Tier, dezent, nicht streng.

Der Großteil der Herde grast noch in der Geest. Die Nähe im Hock soll die Bindung der Familie stärken und Kindsraub vorbeugen, denn manchmal eignet sich ein Weibchen im Hormonrausch fremde Lämmer an. "Schlappohrs" Mutter, die ein Jahr alte Schafdame "Mecki", hat in den ersten Minuten nach der Geburt den Geruch ihrer Lämmer aufgenommen und sie abgeleckt. Sie erkennt sie unter Hunderten. Umgekehrt prägen sich die Kleinen die Stimme der Mutter ein. "Mäh" ist nicht gleich "Mäh".

Schafe sind Fluchttiere und scheuen Lärm

"Schafe sind schlauer, als man denkt“, lächelt Dircks. Der 1,80 Meter große Nordfriese mit den meerblauen Augen ist einer von 28.000 Schafhaltern in Deutschland. Er lebt mit Ehefrau Gunda (38), Sohn Ben (3) und Tochter Eva (1) in der 120-Seelen-Gemeinde Westerhever bei Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein. Olaf Dircks ist Schäfer ohne Schlapphut und Stab. Wanderschäfer ziehen mit Herde und Hütehund von Weide zu Weide. Dircks dagegen ist ein Koppelschäfer, der ein sesshaftes Bauernleben führt. Ein Hirte mit Haus und Hof, den er in vierter Generation leitet.

47 Hektar eingezäuntes Küstenland bewirtschaftet er mit seinen 350 Schafen. Und macht alles selbst: Geburtshilfe, Handaufzucht, Klauenpflege, Wehwehchen behandeln, Schur. Dircks ist eine männliche Hebamme mit Stiefeln und Wollmütze. Wenn es bei einer Geburt hakt, bringt er im Mutterleib von Hand die Extremitäten der Lämmer wieder in die richtige Position: Zuerst kommen die Vorderbeine, dann der Kopf – Superman-Haltung. Aber manchmal verheddern sich die Lämmer. "Das erfordert Fingerspitzengefühl", sagt der gelernte Landwirt. Etwa zehn Minuten nach der Geburt steht ein Lamm auf, wenig später wagt es die ersten Schritte, die Mutter stupst ihre Kleinen Richtung Euter.

160.000 Schafe gibt es in Nordfriesland

Die meisten Schäfer halten Fleischschafe wie Dircks, seltener sind Milch- und Wollschafe. Rund 600 Rassen gibt es weltweit, mehr als 40 werden in Deutschland gezüchtet. Schaf "Mecki" ist ein Mix aus Suffolk-, Texel- und Weißkopfschaf. Im September wurde sie von einem Texelbock begattet, nach fünf Monaten Tragzeit brachte sie jetzt ganz allein ihre Drillinge zur Welt.

In Nordfriesland leben mit 160.000 Tieren fast so viele Schafe wie Menschen, die Einwohner sind entsprechende Witze gewohnt. "Wenn einer fragt, wie viele Schafe ich habe, antworte ich immer: 'Weiß nicht. Ich schlafe beim Zählen ein'", so Dircks. Draußen auf der Weide lockt er seine Herde mit dem Schäferruf: "Kumma, kumma!" Seine Schützlinge erkennen seine Stimme und trotten herbei. Einmal täglich besucht er sie, ansonsten bleiben die Wiederkäuer allein und stampfen mit ihrem "goldenen Tritt" den Deich fest. Ein wichtiger Beitrag zum Küstenschutz.

Jetzt im Frühjahr, zur Lammsaison, wird der Stall zum Kreißsaal. Dann dreht Dircks dort selbst nachts alle paar Stunden seine Runde. Die Nachtwache hat auch schöne Seiten: Als Schäfer ist er Naturmensch, er mag den Sternenhimmel und die Stille. Die ersten Wochen verbringen die kleinen Schäfchen im Trockenen – geschützt vor Wind, Regen und Kälte unter den wachsamen Augen ihres Schäfers. Zweimal am Tag verteilt er Kraftfutter und frisches Heu. Auch Gunda Dircks hilft: Die freundliche Schäfersfrau mit den blonden Haaren kümmert sich um Feriengäste, viele erleben die Lammzeit hautnah mit, vor allem die Aufzucht der rund dreißig "Handlämmer" pro Saison ist eine große Touristenattraktion. Diese Schäfchen werden mit der Flasche großgezogen – entweder weil die Mutter sie verstoßen hat oder weil sie nicht gut gedeihen.

Ein Lamm, dass die Milchflasche bekommt, heißt "Handlamm"

Auch "Schlappohr" wird wohl ein Handlamm werden – das typische Schicksal eines Drillings. Fünfmal am Tag bekommen die Jüngsten die Flasche. Sind sie kräftiger, gehen sie zur Nuckelstation, einem Eimer mit Saugern. Die meisten haben zum Glück eine Zapfsäule aus Fleisch und Blut: Sie werden vier Monate lang von ihrer Mutter gesäugt. Olaf Dircks hat schon als kleiner Junge mit Lämmern gespielt und mit seinem Vater, der auch Ackerland und Milchkühe hatte, die Schafe zur Weide getrieben.

Dircks verlegte sich 1998 ganz auf die Schäferei: "Sie sind mir am sympathischsten: gutmütig und ruhig." Im Herbst verkauft er die meisten Lämmer. Fällt ihm das nicht schwer? "Das Niedliche ist dann weg. Mit 50 Kilo sehen große Lämmer aus wie Schafe", sagt Dircks. "Und davon leben wir ja schließlich. Aber vorher betüteln wir sie, so gut es geht. Sie sollen ein schönes Leben haben."

Autor: Dagmar Weychardt