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Die Kinder der Kleideraffenwerden werliebevoll umsorgt und über ein Jahr gesäugt

Die Kinder der Kleideraffenwerden werliebevoll umsorgt und über ein Jahr gesäugt. - Foto © picture alliance / Arco Images GmbH

Im TV: Die Affen mit den Mandelaugen

Die Kleideraffen von Vietnam

Hoch oben in den Wipfeln der Bäume klettert ein Trupp Kleideraffen. An einem Hang endet der Wald. Die nächsten Bäume stehen zehn Meter entfernt und viel tiefer. Über diese Kluft geht es nur zu Fuß – oder im Flug. Das größte Männchen nimmt auf allen vieren Anlauf und springt, die Arme vorgestreckt, mit einem gewaltigen Satz hinüber. Geschafft!

Ein jüngeres Tier setzt ihm nach, rudert mit Armen und Beinen, stürzt fast ab und erhascht im letzten Moment den rettenden Baum. "Der Sprung sah mörderisch aus", erinnert sich Dr. Ulrike Streicher, die diese "Flugshow" auf der vietnamesischen Halbinsel Son Tra erlebte. Seit 1997 arbeitet die Deutsche als Wildtierärztin in Südostasien, ist Leiterin eines örtlichen Primatenschutzprogramms und gehört zu den wenigen Menschen, die Rotschenklige Kleideraffen in freier Wildbahn beobachten konnten.

Kleideraffen: rote Socken, dunkle Weste

Nicht nur die Sprungkünste der rund zehn Kilo schweren Primaten sind spektakulär, auch ihr Aussehen hebt sie hervor unter Vietnams 23 Primatenarten. Ihr buntes Fell sieht aus, als wären sie sorgfältig angezogen: schwarze Schuhe, rote Strümpfe, dunkle Hose, weiße Ärmel, dunkle Weste, graue Kappe. Tagsüber ziehen Kleideraffen von Baum zu Baum auf der Suche nach jungen Blättern von etwa 200 Baumarten. Altes Laub und reife Früchte werfen sie weg.

Wegen dieses anspruchsvollen Speiseplans sind Zoos bisher an der Zucht gescheitert. Auch deshalb ist die anmutige Art mit den Mandelaugen nahezu unbekannt – selbst in ihrer Heimat Südostasien. Im Nationalpark Cuc Phuong im Norden Vietnams gibt es eine einzigartige Rettungsstation für Primaten. Mitte der 1990er-Jahre wurde sie unter deutscher Beteiligung aufgebaut, um verletzte oder bei Wilderern beschlagnahmte Tiere zu verarzten und aufzupäppeln.

Derzeit leben dort 140 Primaten, darunter 30 Kleideraffen – einige von ihnen in dritter Generation. Die Mitarbeiter sammeln täglich 300 Kilo Blattwerk, um den hohen Ansprüchen ihrer Schützlinge gerecht zu werden. Ulrike Streicher hat viele der verletzten Kleideraffen behandelt. Die meisten von ihnen waren in Schlingfallen von Wilddieben geraten. Sie sind neben dem schrumpfenden Lebensraum die größte Bedrohung für die friedfertigen Kletterkünstler, die sich untereinander mit leisen Rufen, Gestik und Mimik verständigen. Entblößte Zähne etwa bedeuten eine Aufforderung zum Spiel.

Selbst Patriarchen, die Haremsgruppen von bis zu drei Weibchen führen, reagieren auf dieses Signal und kümmern sich liebevoll um die Kleinen. "Die Kinder können sich auch gut mit einer scheinbaren Kleinigkeit allein beschäftigen", weiß Streicher. "Sie klettern 30-mal denselben Ast hoch und lassen sich ins tiefer liegende Blattwerk fallen." Die von ihr beobachtete "Flugshow" war allerdings Ernst und kein Spiel.

Nachdem die ersten Affen über die Kluft gesprungen waren, wagte sich ein drittes Jungtier vor, blickte in die Tiefe und zog sich verzagt zurück. Dem nächsten erging es ähnlich. Kurz darauf schob ein großes Weibchen die Halbstarken zur Seite, kletterte entschlossen bis zum Astende, schaute die Drückeberger eindringlich an – und sprang. Das saß. Die Jugend zog nach. Eine Punktlandung in Sachen Motivation.

Autor: Dagmar Weychardt