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Eine Elchkuh hat meistens nur ein Junges.

Nachwuchs: Eine Elchkuh hat meistens nur ein Junges. Foto © picture-alliance/ dpa

Wieder in Mitteleuropa heimisch

Die Elche sind wieder da

So schön kann das Leben sein. Tage, Wochen, Monate in beschaulicher Einsamkeit am See verbringen. Die Sonne scheint, die Vögel singen, keiner kann einem was. Stundenlang essen, essen, essen. Bis nichts mehr reingeht. Dann sich wohlig seufzend hinlegen, ein Nickerchen. Später ein wenig schwimmen und danach wieder essen. Ohne Sorge ums Gewicht, die Kilos verschwinden später fast von selbst wieder. Ein Dasein wie im Paradies – ein ganz normaler Sommer im Leben eines Elches.

Aber sicher eine nordische Idylle? Auch das nicht. Mitteleuropäische Wirklichkeit. Seit den späten 50er-Jahren gibt es im tschechischen Südböhmen, nahe den Grenzen zu Deutschland und Österreich, wieder Elche. Über Hunderte Kilometer sind einzelne Tiere damals aus Polen eingewandert, im Jahr 1973 wurde das erste Kalb geboren. Eine neue Population war gegründet. Am Moldau-Stausee und in einer Teichlandschaft um Třeboň verbringen die Elche herrliche Sommer am Wasser, fressen täglich 30 und mehr Kilo Grünzeug von Weiden, Erlen und Espen, Wasserpflanzen wachsen ihnen beim Waten ins Maul.

Feinde müssen sie in unseren Breiten ohnehin nicht fürchten, und selbst in ihren nördlichen Verbreitungsgebieten – Skandinavien, Sibirien und Nordamerika – halten Bären und Wölfe Abstand zu ihnen, denn ihre Tritte können tödlich sein. Auf übergroßen Hufen, die sie vor dem Einsinken bewahren, geistern sie meist ungesehen durch Schilf, Moor und Wald. "Elche brauchen große Lebensräume. Die müssen aber nicht menschenleer sein", sagt Volker Homes, Artenschutzexperte der Umweltstiftung WWF. "Das haben sie mit ihren Verfolgern, den Wölfen, gemeinsam."

Wenn die Tage kürzer werden, im Herbst, ist Schluss mit lauschig. Dann geraten die Elche jährlich in einen Zustand, der unserer Pubertät ähnlich ist. Unruhe erfasst die Bullen, Aggressivität kommt auf. Eigentlich könnte der Herbst für den Elch noch schöner sein als der Sommer. Er hat reichlich Fett angesetzt, ein enormes Schaufelgeweih ist ihm gewachsen, erste kalte Nächte haben die lästigen Mücken vertrieben, und Schnee ist noch nicht gefallen. Doch unwiderstehlich und getrieben vom Sexualhormon Testosteron zieht es den sonst so friedfertigen Einzelgänger zu seinen Artgenossen. Mit anderen Bullen will er sich in rauschhafter Wut schwere Kämpfe liefern.

Noch verrückter ist er nach den ebenfalls alleinlebenden Kühen, die sich in der Brunft zu Herden vereinigen und wegen der ungewohnten sozialen Spannungen selbst heftig aufeinander einprügeln. Keine Minute lässt der Bulle eine Kuh aus den Augen. Legt sie sich hin, liegt er auch. Steht sie auf, folgt er ihr. Unablässig blickt er in ihre Richtung, grunzt, leckt sich schmatzend die überlange Oberlippe und wartet nur darauf, dass sie paarungsbereit ist. Vor lauter Unrast kann der arme Elch nicht schlafen und nicht fressen, am Ende der Brunft, die bis in den Dezember hinein dauern kann, hat er knapp 100 von seinen 500 Kilo verloren. Hinzu kommt eine ungeheure Müdigkeit, die die Bullen antriebslos, unaufmerksam und äußerst anfällig für Feinde macht. Auch das trägt dazu bei, dass ihre natürliche Lebenserwartung von etwa 20 Jahren um fünf Jahre geringer ist als die der Kühe. Stellt sich die Frage: Was findet eine Elchkuh nur an so einem hormonberauschten Wüterich?

Auf dem Kopf trägt er eine Art umgedrehten Kronleuchter. Die Ohren sind dreimal so lang wie der Schwanz. Glotzaugen stehen ihm weit vor dem Kopf. Unter dem Hals hängt ein immenser Hautbeutel. Seine Oberlippe steht so weit über, dass der römische Schriftsteller Plinius die kühne Behauptung aufstellte, Elche müssten beim Fressen rückwärts gehen. Und der dumme Spruch "Ich glaub, mich knutscht ein Elch" wird vollends absurd bei der Vorstellung, wie das Küssen mit solchen Lippen überhaupt funktionieren sollte. Eine Antwort auf die Frage wird es nicht geben. Außer: Die Kühe selbst sind auch nicht viel schöner. Erstaunlich eigentlich, dass den tschechischen Behörden nicht einmal bekannt ist, wie viele dieser Lulatsche – Elche sind mit 2,30 Meter gut einen halben Meter höher als ein großes Pferd – es eigentlich im Dreiländereck gibt.

Um die 50 dürften es sein, und ihre Zahl scheint über die Jahre stabil zu bleiben. Das bayerische Forstministerium wollte es genauer wissen: Weil immer mehr Elche über die Grenze einwanderten, ließ es vor zwei Jahren eine "Elchplan" genannte Untersuchung erstellen, die sich mit den Bedingungen einer verstärkten Einwanderung bei uns beschäftigt. "Den Elchen liegt das Wandern im Blut", sagt die Wildbiologin Fiona Schönfeld, Dozentin an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf und Co-Autorin der Studie. "Deshalb müssen wir auch in Zukunft mit weiterer Zuwanderung aus Tschechien rechnen. Ob aber Landwirte beispielsweise die vielfressenden Tiere auf Dauer dulden werden, ist ungewiss."

Die Wissenschaftlerin hat sich auch gefragt, ob die geringe Zahl von 50 Tieren nicht Inzucht hervorrufen muss: "Zu unserem Erstaunen haben wir bei den untersuchten Elchen keinerlei Degeneration gefunden. Wahrscheinlich sind sie während ihrer Evolution schon häufiger bis auf wenige Tiere ausgestorben und haben so eine Toleranz gegenüber der Inzucht entwickelt." Weil die Elche "sich ungeheuer schnell fortpflanzen", so sagt Fiona Schönfeld, sei es nicht ausgeschlossen, dass sich durch Zuwanderung aus Polen oder Tschechien stabile Elchpopulationen in Deutschland entwickeln. Wie das gehen könnte, beschreibt der WWF-Experte Volker Homes:

"Elche wie Wölfe brauchen Brückenköpfe, von denen aus sie weiterwandern. Brückenköpfe könnten Brandenburg, dann der Thüringer Wald, das hessische Bergland und schließlich das Rothaargebirge sein." Damit hätten wir sie wieder bei uns, die Riesenhirsche, wo sie etwa bis zum Ende des Mittelalters gelebt haben.

Autor: Walter Karpf