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Arbeitselefant

Rajan ist der einzig noch lebende schwimmende Arbeitselefant. - Foto © www.piqs.de / Fotograf: 3st, CC (Some rights are reserved.)

Arbeitstier Rajan

Der letzte schwimmende Arbeitselefant

Das Paradies liegt auf 12° 00’ Nord und 92° 58’ Ost. Diese Koordinaten bezeichnen einen Ort im Indischen Ozean. Der Äquator nicht fern, das Wasser türkisfarben und fast 30 Grad warm, die Luft stets zwischen 23 und 31 Grad. Es ist das tropische Eiland Havelock. Ein Garten Eden – vor allem für einen: für Rajan.

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Die Andamanen: 204 paradiesische Tropeninseln im Golf von Bengalen

300.000 Menschen leben auf den Andamanen, ein Drittel in der Hauptstadt Port Blair. Der Tropenwald auf den Inseln ist weitgehend intakt, obwohl die Menschen dort auch Tee, Kokosnüsse und Brotfrucht anbauen. Die meisten Einwohner sind indische Einwanderer. Die etwa 500 Ureinwohner wehren jeden Besucher mit Pfeil und Bogen ab. Ihre Sprache ist mit keiner der umgebenden Kulturen verwandt.

warm, die Luft stets zwischen 23 und 31 Grad. Es ist das tropische Eiland Havelock. Ein Garten Eden – vor allem für einen: für Rajan.

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Rajan ist ein Elefant. Früher einmal waren die Andamanen-Inseln, zu denen Havelock gehört, für ihn die Hölle. Wenn der graue Riese heute im Morgensonnenschein Richtung Strand schaukelt, begrüßt ihn jeder auf der von alten Tropenbäumen überwachsenen Insel freudig: die Kinder, die nackt vor den Hütten spielen, die bunt gekleideten Frauen, die mit der Nachbarin ein erstes Schwätzchen halten, die heiligen Kühe, die umherwandern und fressen, die Vögel, die in den Bäumen schreien.

Auf Rajans Nacken sitzt Nazroo, sein Mahut. Dieses indische Wort bezeichnet einen Elefantentreiber, einen, der bei der Arbeit Befehle gibt und das Tier lenkt. Ein Mahut ist aber viel mehr. Er ist Herr und Knecht des Elefanten. Er sagt ihm, was zu tun ist, gewiss. Aber er wäscht ihn jeden Abend, er gibt ihm Futter, untersucht ihn auf kleine Wunden, feilt seine Fußnägel. Der Mahut leidet mit, wenn sein Elefant krank ist.

Rajan: ein schwimmender Elefant im Meer

Die US-amerikanische Fotografin Jody MacDonald, die eigens wegen Rajan nach Havelock flog und die Bilder für diese Reportage aufnahm, sagt über Rajan und Nazroo: "Die beiden können nicht mehr ohne einander. Selbst zwischen zwei Menschen habe ich selten eine so starke Bindung gesehen – geschweige denn zwischen einem Menschen und einem Tier. Die beiden sind wie Vater und Sohn." Wenn Rajan am Strand ankommt, zögert er nicht und schreitet hinein in das Tropenmeer, lustvoll taucht er unter, schwimmt und nutzt seinen Rüssel wie einen Schnorchel. Wie bitte? Ein schwimmender Elefant im Meer? Das ist mehr als ungewöhnlich.

Hier beginnt eine traurige Geschichte, die für Rajan aber glücklich endete. Vor rund 50 Jahren suchte die indische Regierung nach einem Weg, den Tropenwald der Andamanen-Inselgruppe kostengünstig auszubeuten. Maschinen von Insel zu Insel zu transportieren schien zu umständlich, also sandte man mit den Holzfällern rund zehn Arbeitselefanten vom Festland. Angeleitet von den schreienden, tretenden und mit einem Hakenstock schlagenden Mahuts auf ihrem Nacken, schubsten die Elefanten mit der Stirn ganze Stämme auf dem Waldboden in die richtige Position, luden sie sich auf die Stoßzähne und schleppten sie zum Sammelplatz.

Dort bekamen die Tiere ein Geschirr mit schweren Ketten angelegt, zerrten die Lasten zum Strand und stießen sie ins Wasser, damit Schuten sie aufnehmen und ins Sägewerk bringen konnten. Schwerstarbeit, selbst für die riesigen Tiere. Und Rajan war von Anfang an dabei. Was aber tun, wenn eine Insel abgeholzt war und die nächste in Angriff genommen werden sollte? Die Elefanten per Schiff überzusetzen war zu teuer. So verfiel man auf die Idee, die Tiere schwimmen zu lassen. Elefanten gehen zwar gern baden – aber schwimmen im offenen Meer? Sie sind Steppen- und Waldtiere, haben also panische Angst vor dem Ozean.

Sie sträubten sich, verweigerten, ließen den Mahut, dem sie sonst auf Wort und Schenkeldruck folgten, da oben toben, wie er wollte. "Die Waldarbeiter", erklärt die Fotografin Jody MacDonald, "verfielen auf sehr grausame Foltermethoden, um die Tiere ins Wasser zu zwingen." Sie peitschten sie und schlugen sie mit Knüppeln, banden den Tiere Leinen um die Beine und zerrten sie Schritt für Schritt ins Meer – bis der Widerstand gebrochen war und die Riesen den zweifelhaften Ruhm erwarben, die einzigen schwimmenden Arbeitselefanten der Welt zu sein.

Der Arbeitselefant Rajan als Darsteller im Hollywoodfilm "The Fall"

Knapp 40 Jahre dauerte die Fron, im Jahr 2002 dann wurde der Holzeinschlag auf den Andamanen verboten und die Elefantengruppe aufgelöst. Für Tiere, die in Herden leben, ist das wie der Verlust der Familie. Nur Rajan und Rani, seine Lieblingsgefährtin, durften zusammenbleiben, einschließlich ihrer Mahuts. Dann starb Rani am Biss einer Kobra. Im Jahr 2004 schließlich suchten die Produzenten des Hollywoodfilms "The Fall", der 2009 auch bei uns in den Kinos war, für eine Fantasieszene einen schwimmenden Elefanten. Da gab es weltweit nur noch Rajan.

Per Schiff wurde er für die Dreharbeiten aufs besonders idyllische Havelock gebracht und starb beinahe vor Kummer über den Verlust seiner vertrauten Umgebung, vor Reisestress und Durst. Zu gefährlich, ihn nach den Dreharbeiten wieder zurückzubringen. So nahm die Öko-Hotelanlage "Barefoot" den Gestrandeten in ihre Obhut, kam für Kost und Logis sowie den Lohn des Mahuts auf. Nun lebt Rajan das Leben eines sorglosen Pensionärs. Den Tag verbringt er am herrlichen Tropenstrand, geht schwimmen oder zieht sich in den Schatten der Urwaldriesen zurück. Sein Mahut sorgt für ihn wie ein Diener.

60 Jahre Elefantenleben: Vom Sklaven zum Luxus-Rentner - Rajan

Das einstige Opfer von Schwerstarbeit und Folter ist 61 Jahre alt und darf auf zehn weitere Jahre im Paradies hoffen, bevor der Elefantenhimmel ihn erwartet. Doch bis dahin wird Rajan immer noch von den Menschen gebraucht. Nicht nur, weil die Hotelgäste gern mit ihm tauchen und schnorcheln. Für Besucher und Einheimische hat er, wie alle Elefanten in Südasien, eine Art mythische Bedeutung. Auch Jody MacDonald schwärmt: "Meine Woche mit diesem erstaunlichen Tier war für mich die emotional aufwühlendste meines Lebens."

Alle, die Rajan kennen, reden von Zauber, Charme, Flair und Ausstrahlung. "Mir kam es vor, als hätte er im Wasser auf mich aufgepasst", sagt Cesare Naldi, ein italienischer Taucher und Fotograf. Alle, die mit ihm im Wasser waren, hatten anfangs Angst vor seiner immensen Masse, vor seinen Stoßzähnen und vor seinen Beinen, dick wie Baumstämme, mit denen er im Hundekraul paddelt. Doch niemandem ist etwas passiert. Rajan achtet sorgsam auf alle. Den Menschen, die ihn einst ins Wasser zwangen und sein Leben 40 Jahre lang zur Fron machten, schenkt er jetzt etwas: die Würde des Letzten seiner Art.

Autor: Walter Karpf