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Seehunde

Foto © www.piqs.de / Kalli und Heike, CC (Some rights are reserved.)

Die unterschätzten Meeressäuger

Dem Seehund auf der Spur

Sie heißen Malte, Marco oder Moe. Mit Kulleraugen und seidig-weichem Fell brechen sie alle Herzen, die neun Seehunde der Rostocker Forschungsstation Marine Science Center. Doch sie sind nicht nur für ihren Knuddel-Faktor bekannt, sie helfen der Forschung auch, die Geheimnisse ihrer Artgenossen zu ergründen. Obwohl die geschickten Jäger direkt vor unserer Haustür leben, wissen wir noch erstaunlich wenig über sie.

"Seehunde wurden lange unterschätzt", erklärt Prof. Guido Dehnhardt, Leiter der Station, die in einem umgebauten Ausflugsdampfer im Rostocker Yachthafen untergebracht ist. "Vor allem ihre Sinne sind faszinierend." Die rund 20 Zentimeter langen Barthaare etwa arbeiten wie hochempfindliche Sensoren. Selbst feinste Wasserbewegungen lassen sich damit aufspüren: Ein Fisch schlägt mit der Schwanzflosse - schon hat der Seehund ihn als Beute entdeckt.

Prof. Dehnhardt: "Noch verblüffender ist, dass Seehunde Spuren im Wasser verfolgen können." Bei einem Experiment wurden ihnen Augen und Ohren verschlossen, allein die Barthaare konnten sie einsetzen. Trotzdem folgten sie einem ferngesteuerten Mini-U-Boot, das drei Minuten zuvor durchs Testbecken gefahren war. Die Bartsensoren "ertasten" die Wirbelspur. "Das klappt in trübem Wasser, in totaler Dunkelheit und letztlich auch bei blinden Seehunden, die sonst Probleme mit der Beutejagd hätten", schwärmt Prof. Dehnhardt.

Auch andere Sinne der Robben arbeiten auf Hochtouren. Ihre Nase ist für einen bestimmten Meeresduft eine Million Mal empfindlicher als unsere: Dimethylsulfid führt sie auf die Spur winziger Krebstierchen, die als Nahrung dienen. Hochgradig spezialisiert ist also alles, was der Seehund kann. "Vielleicht hat man ihn auch deshalb lange Zeit vernachlässigt", vermutet Prof. Dehnhart. "Geht es um die Gelehrigkeit, standen meist Seelöwen im Mittelpunkt." Doch das Balancieren von Bällen ist nicht die Stärke der Seehunde. Warum auch? Fürs Überleben in den nördlichen Meeren spielt Akrobatik keine Rolle.

Auch klassische Intelligenztests, bei denen Formen erkannt werden müssen, meistern sie nur mühsam. Dafür schwimmen sie problemlos durch dichte Planktonwolken und nutzen zur Orientierung dabei winzige Partikel. "Wer den Seehund verstehen will, muss seine Sichtweise ändern", sagt Experte Dehnhardt, der in der Station der Uni Rostock mit Biologen, Physikern, Psychologen und Tierärzten zusammenarbeitet. "Wir müssen an die Probleme anders herangehen, wie ein Seehund eben."

Auch über ihr Zusammenleben kursieren noch Vorurteile. Dehnhardt: "Sie leben nicht wie Seelöwen oder die näher verwandten Kegelrobben im Harem." Das Männchen blökt, bellt, platscht bei der Balz, das Weibchen sucht sich den interessantesten Bewerber aus. Danach gehen beide eigene Wege. Die Jungtiere wachsen bei der Mutter auf. Trotzdem deutet alles darauf hin, dass Seehunde jenseits fester Familien- oder Gruppenstrukturen enge Freundschaften schließen. Untereinander - und mit Menschen.

Von Seehunden können wir sogar lernen. "Aus den Barthaaren wollen wir technische Sensoren ableiten, die feinste Wasserturbulenzen messen", sagt der Rostocker Experte. Noch schafft die moderne Technik nämlich nicht, was die raffinierten Robben schon immer konnten: Wasserbewegungen im Mikrobereich spüren, auch wenn sie selbst gerade pfeilschnell schwimmen.

Seine Heimat, seine Zukunft

Der Lebensraum des Seehunds sind die Meere des gemäßigten Nordens. Er bevorzugt Küsten mit Sandbänken, auf denen er vor seinen Feinden sicher ist. Dort findet auch alljährlich die Zählung statt. Genau 21.571 Tiere ergab die Sichtung des letzten Jahres für Deutschland, Dänemark und die Niederlande. Allein an deutschen Wattenmeerküsten leben wieder 12.169 Seehunde. Sehr erfreulich: Darunter waren 3709 Jungtiere - so viele wie nie zuvor. Damit hat sich der Bestand nach der verheerenden Seehundstaupe 2002 wieder erholt. Auch Einzelbeobachtungen der Experten machen Mut: Die Tiere sehen gesund und gestärkt aus.

Autor: Kai Riedemann