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Naturwiesen

Auf Naturwiesen gedeihen 52 Prozent der heimischen Pflanzenarten. / Foto: © picture-alliance / beyond/Junos

Viel mehr als nur Gras

Das Wunder der Wiese

Zarte Gräser wiegen sich im Wind und breite Halme. Ein leichtes Rauschen ist zu hören. Ein Rascheln. Wie bunte Kleckse leuchten überall Blüten auf. Angelockt von ihrem Duft und ihrer Farbenpracht tanzen Schmetterlinge auf und nieder. Würde man genauer hinsehen, könnte man noch viel mehr entdecken. Die Wiese lebt!

Wiese ist Vielfalt. "Das Besondere an ihr ist ihre große Biodiversität", sagt Heidrun Heidecke, Naturschutz-Expertin beim BUND. Bis zu 50 verschiedene Pflanzenarten gedeihen in einer Naturwiese, vor allem Gräser, aber auch Krautpflanzen wie Gänseblümchen sowie Kleearten und Wildblumen. "52 Prozent der heimischen Pflanzenarten sind auf Wiesen und Weiden zu Hause“, erklärt die Expertin.

Wiese ist Geborgenheit. Hier fühlen sich viele Tiere wohl, hier nisten sie, hier ziehen sie ihre Jungen auf, hier suchen sie nach Nahrung. Während sie grasen, verstecken Ricken ihre Rehkitze im hohen Gras. Vögel wie Kiebitz, Wiesenpieper oder Feldlerche bauen auf Wiesenböden ihre Brutnester. Bis zu 17 Vogelarten finden hier ihr Futter, Käfer, Bienen und Falter ebenso. Auch im Untergrund tobt das Leben: Feldmaus und Maulwurf graben dort ihre Gänge. Auf manchen Wiesen leben bis zu 5000 Tierarten.

Wiese ist nicht gleich Wiese. Je nach Bodenbeschaffenheit unterscheidet man verschiedene Arten, weltweit gibt es insgesamt rund 300. Feuchtwiesen liegen in Flusstälern oder an Seen. Hier wächst zum Beispiel das Wiesenschaumkraut, die Kohldistel oder die Sumpfdotterblume. Fettwiesen sind stärker gedüngte, nährstoffreiche Biotope, die bis zu sechsmal im Jahr geschnitten werden und darum weniger artenreich sind. Mit Pflanzen wie Löwenzahn, Huflattich, Glockenblume oder Wiesenlabkraut erkennt man sie an den Blütenfarben Gelb, Violett und Weiß. Als besonders artenreich gelten Magerwiesen: Ihr Boden ist nährstoffarm, sodass die Pflanzen langsam und gleichmäßig gedeihen. Keine verdrängt die andere: Arnika blüht neben Wiesenmargeriten und sogar Orchideen.

Wiese ist Kultur. Genauer gesagt: Kulturlandschaft. Ohne menschliche Eingriffe wie das Mähen gäbe es sie nicht, weil sich mit der Zeit Büsche und Bäume ausbreiten würden. Traditionell werden Wiesen zweimal im Jahr mit der Sense geschnitten. Während die erste Mahd im Frühjahr noch einen hohen Grasanteil hat und gut an Pferde verfüttert werden kann, beinhaltet der zweite Schnitt im Herbst mehr Kräuter, die das Milchvieh gern frisst. Wird öfter gemäht, gefährdet das nicht nur die Pflanzenvielfalt, sondern auch die ansässigen Tiere: Auf einem Hektar können drei ganze Bienenvölker unterwegs sein! Übrigens: Wiesen, die nicht gemäht, sondern von Tieren abgefressen werden, heißen Weiden.

Wiese ist Musik. Bienen und Hummeln summen, während sie sich am Nektar laben. Grillen, Grashüpfer und Heuschrecken stimmen zirpend in das Konzert mit ein. Vögel zwitschern mehrstimmig dazu, manchmal quaken sogar ein paar Frösche. Im Gras zu liegen ist wirklich ein Erlebnis für alle Sinne.

Wiese ist heilsam. Wird sie zurückhaltend bewirtschaftet, können auf ihr bis zu 45 Ackerwildkräuter wachsen. Die eignen sich nicht nur zum Würzen von Speisen, manchen wird sogar heilende Wirkung nachgesagt: Spitzwegerich beispielsweise wird als Tee gegen Katarrhe der Luftwege eingesetzt, äußerlich soll er Entzündungen der Haut lindern. Der Gewöhnliche Gundermann galt schon bei den Germanen als Medizin- und Zauberpflanze und wird heute von Heilern unter anderem bei Augenproblemen verwendet, in der Traditionellen Chinesischen Medizin behandelt man Lungenentzündung mit dem Kraut.

Wiese ist Schutz. Manche Schmetterlingsarten überwintern als Puppe und sind dankbar, wenn man im Herbst ein kleines Stück Wiese ungemäht lässt. Dort suchen die Falter und andere nützliche Insekten Unterschlupf in der kalten Jahreszeit. Auf Feuchtwiesen finden Amphibien wie der Laubfrosch oder die Rotbauchunke ein Quartier für den Winter.

Wiese ist pflegeleicht. In einem sonnigen Teil des Gartens, der nicht ständig betreten wird, kann sich jeder ein eigenes Stück Wildwiese anlegen. Ganz einfach geht es mit Blumenwiesen-Mischungen aus dem Handel, man kann aber auch Blumensamen in der Natur sammeln und aussäen oder in einer Saatkiste vorziehen. Ist alles ordentlich angewachsen, muss man nicht einmal mehr düngen oder wässern.

Wiese ist gefährdet. Weil Landwirte immer mehr Erträge zu immer geringeren Preisen produzieren müssen, versuchen sie, Wiesenflächen möglichst intensiv zu nutzen – mit reichlich Dünger und häufigem Mähen. Das vertragen nur wenige Wiesenpflanzen. Viele Grasflächen werden außerdem in Äcker, Mais- oder Rapsfelder umgewandelt, andere unrentable Standorte ganz aufgegeben. Seit 2004 wurden in Deutschland mehr als 200.000 Hektar Grünland umgepflügt, sodass zum Beispiel Magerwiesen heute zu den am meisten gefährdeten Lebensräumen gehören. Dabei sind sie so wichtig für uns.

Wiese ist Zukunft. Ein großes Netz aus Grünlandflächen sichert die Reinhaltung von Wasser und Boden und sorgt für ausgewogenes Klima. Weil sie außerdem bis zu zwei Liter Wasser pro Quadratmeter festhalten können, schützen Wiesen wirksam vor Hochwasser. Schenken wir diesen Wunderwerken also ein bisschen mehr Beachtung!

Autor: Melanie Schirmann