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Der Frauenschuh lässt Bienen in seinen hohlen Kessel rutschen.

Der Frauenschuh lässt Bienen in seinen hohlen Kessel rutschen. Beim Rausklettern nehmen sie unfreiwillig ein großes Pollenpaket mit. / Foto © www.piqs.de / Braunauge , CC (Some rights are reserved.)

So legen sie die Bienen rein

Orchideen: die geheimen Tricks der schönen Blumen

Der Duft betört, die Farbe lockt: Wie viel süßer Nektar mag wohl in der Blüte warten? Voller Vorfreude setzt die Biene zur Landung an – und rutscht haltlos in den Hohlraum der großen Orchidee. Eine Falle! Spiegelglatt sind die Innenwände, den einzig erklimmbaren Weg ins Freie weist Licht, das durch winzige transparente "Fenster" fällt. Dabei muss sich die Biene an der Blütennabe vorbeizwängen und nimmt unfreiwillig ein Pollenpaket zur Bestäubung mit. Nektar? Fehlanzeige! Ausgetrickst und ausgenutzt krabbelt das Insekt aus der zitronengelben Frauenschuh-Orchidee. Wie kann eine Schönheit nur so gemein sein?

"Rund ein Drittel aller Orchideen produziert keinen Nektar", erklärt Prof. Florian Schiestl, Evolutionsbiologe an der Universität Zürich. "Es setzt stattdessen auf raffinierte Täuschungsmanöver." Vor allem der Futtertrick führt zum Erfolg: Die Orchidee gibt sich dabei als Pflanze aus, die für Bestäubung mit Leckerei belohnt. Florian Schiestl: "Bei diesen sogenannten Futtertäusch-Orchideen ist die Optik sehr wichtig. Sie haben oft besonders große farbige Blütenstände." Kein Wunder, dass gerade Orchideen mit exotischer Eleganz verblüffen.

Das falsche Spiel der Natur findet nicht nur in tropischen Gefilden statt, sondern auch direkt vor unserer Haustür. Der Frauenschuh, jene betrügerische Insektenfalle, wächst in Deutschlands schattigen Laubwäldern und wurde zur Orchidee des Jahres 2010 gekürt.

Geht es noch gemeiner? Und ob! "Einige Orchideen ahmen paarungswillige Insektenweibchen nach", sagt Biologe Schiestl. "Bei dieser Sexualtäuschung spielt auch der Duft eine große Rolle." Heimische Ragwurz-Orchideen sind darin wahre Meister. Ihre Blüten ähneln in Form und Farbe dem Hinterleib von Insekten. Außerdem kopieren sie mit ihrem Duft die weiblichen Lockstoffe. Blind vor Leidenschaft stürzt sich ein Männchen auf die vermeintlich flotte Biene. Bemerkt der Liebhaber den Irrtum, ist es zu spät: Die Blütenpollen haften am Körper. Wenn er jetzt sein Glück beim nächsten "Orchideen-Weibchen" sucht, überträgt er völlig ahnungslos die Pollen. Bestäubung geglückt!

Lug und Betrug im Dienst der Fortpflanzung. Noch hat die Forschung nicht restlos geklärt, was die Vorteile dieser Taktik sind. "Möglicherweise sollen die Bestäuber nicht zu lange auf den Blüten bleiben", vermutet Schiestl. "Sie besuchen nur eine einzige, merken, dass sie getäuscht wurden, und fliegen dann weiter." Dadurch wird verhindert, dass sich Blüten derselben Pflanze gegenseitig bestäuben. Der Pollen gelangt zu Orchideen, die weit entfernt wachsen, das Erbgut kann sich besser vermischen und erneuern.

Und woher weiß die Orchidee, wie das Weibchen des bevorzugten Bestäubers riecht? Schiestl erklärt das Phänomen mit der Evolution. Im Lauf von Millionen Jahren setzten sich jene Merkmale durch, die am erfolgreichsten Insekten anziehen. Das "richtige" Duftgemisch wurde öfter angeflogen, bildete sich dabei immer stärker aus. Damit getäuschte Insekten aus Schaden nicht klug werden, weicht der Lockstoff sogar von Blüte zu Blüte geringfügig ab. Orchideen duften mit Dialekt!

Wie raffiniert die Natur schummelt, wird erst Stück für Stück aufgedeckt. Denn die Orchideenarten sind wählerisch und stimmen ihre Taktik auf die gewünschten Bestäuber ab. Die australische Art Chiloglottis trapeziformis etwa imitiert den Lockstoff der Rollwespenweibchen so perfekt, dass Männchen kaum noch auf echte Partnerinnen fliegen. Die chinesische Dendrobium sinense dagegen lockt Hornissen nicht mit lustvollen, sondern mit aggressiven Signalen. Prof. Manfred Ayasse von der Universität Ulm stellte fest, dass die Pflanze den Alarmduft von Bienen nachahmt. Aufgeregt stürzen sich Hornissen auf die Blüte, stoßen immer wieder heftig mit dem Kopf zu. Sie ernähren ihre Brut nämlich mit dem Fleisch anderer Insekten.

Fürs große Ziel sind alle Mittel recht. Auch wenn sie manchmal wenig geschmackvoll erscheinen: Die Corybas diemenicus etwa sieht aus wie der perfekte Eiablageplatz für Mücken: Sie hat die Form eines Pilzes. Andere Arten duften für Fliegen und Käfer verführerisch – nach verfaulten Äpfeln, Aas oder Dung. Die Geschmäcker sind halt verschieden.

Autor: Kai Riedemann