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Ein Schiffswrack im Pazifischen Ozean wurde zum Fische-Paradies.

Ein Schiffswrack im Pazifischen Ozean wurde zum Fische-Paradies. / Foto: © picture alliance/chromorange

Paradiese für Taucher und Fische

Wracks als künstliche Riffe

Die Zackenbarsche waren auf Zack. Nur 120 Minuten nach der Versenkung der "USS Spiegel Grove" eroberten sie ihre neue Heimat. Einige Dutzend Fische schwammen auf Besichtigungstour über das Deck, in die Luken und Gänge des ausgemusterten Docklandungsschiffs, das vor seiner letzten Mission penibel gesäubert worden war. Die großen Barsche zögerten nicht lange und zogen ein.

Guter Wohnraum ist rar – auch unter Wasser, selbst in dem eisbonbonblauen, 26 Grad warmen Wasser vor Floridas Südspitze. "Überall auf der Welt werden Schiffe als künstliche Riffe versenkt", sagt der deutsche Taucher und Filmemacher Ulf Marquardt, der Biologen aus den USA zur "Spiegel Grove" begleitete und im April dieses Jahres das neue Leben an einem Wrack vor der Insel Gozo im Mittelmeer dokumentierte.

Schiffe versenken zu Friedenszeiten – das hat eine jahrzehntelange Tradition, vor allem in Japan und den USA. Auf einem ansonsten flachen Meeresboden locken die neuen Strukturen viele Raubfische an. Früher diente das dem Fischfang, heute vor allem dem Tauchtourismus. Die "Spiegel Grove" ging vor genau zehn Jahren auf ihre letzte Reise.

Bevor das 160 Meter lange Schiff in 15 bis 35 Meter Tiefe seine letzte Ruhestätte fand, zählten amerikanische Biologen auf dem sandigen Grund gerade mal drei Fische – eine Unterwasserwüste. Das Wrack sollte Taucher anziehen und galt als Hoffnungsträger für die Umwelt. Kurz nach der Versenkung zogen die Zackenbarsche ein, viele andere Untermieter folgten. Der Fischreichtum ist typisch für das "Unterwasserhotel Wrack".

Ulf Marquardt wird auch den Tauchgang zu einem anderen Schiffstorso vor South Carolina nicht vergessen: Der Rumpf der "Spar" war umhüllt von einer Wolke aus Millionen Fischen und kaum noch zu erkennen. "Die Schwärme waren so dicht, dass wir zuerst die 13 Tigerhaie gar nicht sahen, die im Sand daneben auf Beute lauerten", so Marquardt.

Warum zieht Technikschrott so viel Leben an? "Fische lieben den Strömungsschatten an senkrechten Wänden", sagt der Taucher. Einen weiteren Grund kennt Riff-Experte Prof. Helmut Schuhmacher ("Korallen. Baumeister am Meeresgrund", Verlag blv), der früher das Institut für Ökologie an der Universität Essen leitete. "Fische finden in Wracks viele Verstecke und strömungsarme Räume", erklärt Schuhmacher. "Die hohe Dichte an Nischen, Röhren und Räumen ist an natürlich gewachsenen Riffen sehr selten." Ein Paradies für Muränen, Skorpionfische, Langusten und andere Krebse. Ein Student Schuhmachers untersuchte für seine Doktorarbeit die Wracks der Nordsee – und sichtete erstaunliche Bewohner: "Er fand oft Hummer, obwohl die in der Nordsee selten sind."

Vom Schiff zum Riff

Die Altlasten der Menschen – ein neuer Lebensraum für bedrohte Tiere? Oder nur Deckmantel für billige Müllentsorgung und die Profite der Tourismusindustrie? Die Frage nach dem ökologischen Nutzen von Wracks bewegt Biologen ganz besonders, weil es um die natürlichen Korallenriffe schlecht bestellt ist: "Etwa 70 Prozent von ihnen sind beschädigt", erklärt Experte Schuhmacher. "Dieser traurige Zustand hat vor allem zwei Ursachen: die Erwärmung und die Versauerung der Meere."

Angesichts dieser Bilanz kommen einem prächtig bewachsene Wracks in den tropischen und subtropischen Gewässern in den Sinn – etwa die "Liberty" vor Bali oder die großen Schiffsfriedhöfe in der Truk-Lagune im westlichen Pazifik, wo sich Japaner und Amerikaner im Zweiten Weltkrieg verheerende Seeschlachten lieferten. "An den Schiffen setzen sich Weich- und Hornkorallen, Schwämme, Würmer, Muscheln und Seepocken fest, die mit der Strömung an die aufragenden Strukturen herangetragen werden", bestätigt Helmut Schuhmacher, der auch am Truk-Atoll getaucht ist. "Aber die Larven der Steinkorallen siedeln nur vereinzelt und langsam auf Wracks – sie brauchen spezielle Kalkalgen als Unterlage."

Genau die Steinkorallen hätten es aber in sich: Nur sie scheiden Kalk ab, der das feste Skelett des Paradiesgartens Korallenriff bildet. "Wracks sind zwar Anziehungspunkte im Meer, aber die Funktion eines ausgewachsenen Korallenriffs kann ein Wrack nicht übernehmen", stellt Helmut Schuhmacher klar. Tatsächlich finden sich an den Wracks zahlreiche Fische, aber nicht typische Korallenfische, sondern andere Arten wie Makrelen, Barracudas, Rochen und Thunfische.

Meeresbiologen forschen zum Thema künstliche Riffe, um beschädigte Strukturen zu reparieren und Korallenwuchs anzuregen. Es gibt Korallenbaumschulen ebenso wie zwei Meter große durchlöcherte Riffbälle (Reef Balls) aus Beton, die als Prothesen in beschädigte Riffe gesetzt werden. Schneller wachsen die Steinkorallen allerdings auf unter Strom gesetzten Drahtgestellen. Bislang sind solche Ansätze angesichts der Größe der Ozeane aber kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Bei aller Euphorie über die schönen Tauchgründe, die einige der weltweit drei Millionen Wracks auf dem Meeresgrund abgeben: Ein echtes Riff-Biotop ersetzen sie nicht. Immerhin haben diese Abenteuerspielplätze einen schönen Nebeneffekt: "Wracks ziehen Taucher magisch an", erklärt Ulf Marquardt. "Und das entlastet die natürlichen Riffe von Besucherstress."

Autor: Dagmar Weychardt