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Poitou-Esel

Nachwuchs bei den Poitou-Eseln, eine der größten und schwersten Eselrassen. - Foto © picture alliance / dpa

Schutz für bedrohte Rassen

Tierpark Arche Warder

Tierpark Arche Warder in Schleswig-Holstein

Antoine will schmusen! Eben noch hatte der junge Poitou-Esel wie wild auf seiner Weide getobt, jetzt liegt er erschöpft im Gras, die großen dunklen Augen sind vor Müdigkeit halb geschlossen. Als ich mich zu ihm hocke und ihn vorsichtig hinter dem Ohr kraule, lässt er sich auf die Seite fallen und streckt mir den flauschigen Bauch entgegen. Hier auch kraulen! Los jetzt! Nicht so schnell aufhören!

Wir sind mitten in Holstein, im Tierpark Arche Warder, Heimat unter anderem des Eselchens Antoine. Wobei "Tierpark" viel zu wenig sagt. Die Arche nennt sich selbst Zentrum für seltene Nutztierrassen und ist ein einzigartiges Forschungs- und Artenschutzprojekt, dazu Europas größter Park für seltene und bedrohte Nutztiere.

Entsprechend fällt die Begrüßung der Besucher aus: Als wir an diesem sonnigen, kalten Frühjahrstag neben der Eingangshalle parken, kreischen keine exotischen Vögel – wie sonst, wenn man sich einem Zoo nähert. Dafür stürmt eine ganze Horde glücklicher Säue neugierig an den Zaun ihres Geheges: Hübsch gemusterte Bunte Bentheimer sind darunter, die durch den Magerfleischwahn der 70er aus der Mode kamen. Mächtige schwarz-weiße Angler Sattelschweine, die ein ähnliches Schicksal hatten. Dazu rote Mangalitzas, die lustigen Wollschweine aus Ungarn, und Turopoljer aus Kroatien.

Pro Monat stirbt eine Rasse aus

Von deren Existenz wissen die wenigsten Menschen. Die Welt sorgt sich zwar zu Recht um die letzten Tiger oder Berggorillas – doch das Verschwinden von Rassen, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert auf unseren Wiesen und Weiden lebten, entgeht vielen. Sogar jenen, die sich eigentlich für den Tierschutz starkmachen. Dabei sind die Fakten erschreckend: "Pro Monat stirbt eine Rasse aus, und wir verlieren wieder eine Option für die Zukunft", sagt Dr. Dr. Kai Frölich, Tierarzt, Privatdozent und Leiter des Tierparks Arche Warder.

Die Welternährungsorganisation FAO zählte im Jahr 2007 genau 7616 Nutztierrassen weltweit und rechnete hoch, dass 2000 von ihnen in den nächsten zwei Jahrzehnten unwiederbringlich verloren sein werden. Am Beispiel der Turopolje-Schweine erklärt Kai Frölich gern, warum es so wichtig ist, eine Vielfalt an Nutztierrassen zu erhalten. Ihre Heimat sind die regelmäßig überfluteten Flussauen der Save in Slowenien und Kroatien. Dieser Umgebung haben sich die robusten Tiere angepasst: Turopoljer sind, als einzige Schweinerasse, nicht nur gute Schwimmer. Es wurde sogar beobachtet, wie sie nach Muscheln tauchen. "Wir wissen heute, dass ein Klimawandel stattfindet. Nicht aber, welche Bedingungen in 50 Jahren wirklich bei uns herrschen. Entsprechend wichtig ist es, auf einen breit angelegten genetischen Pool zurückgreifen zu können, denn jede Rasse bringt ihre spezifischen Eigenschaften mit, die es ihr ermöglichen, in ganz unterschiedlichen Umgebungen zu überleben."

Den Ferkeln im Schweinekindergarten ist es wurst, ob sie Genpool sind oder nicht. Sie genießen die ersten Sonnenstrahlen und sind neugierig auf den Besucher. "Geh ruhig rein!", hatte Tierpfleger Thomas Petersen gesagt, als ich unschlüssig am Tor stand. "Besucher scheuen häufiger vor Pforten." Ferkel dagegen kennen wenig Scheu. Ein kleines chinesisches Maskenschwein rennt schwanzwedelnd auf mich zu. Als ich es streichle, ist sofort ein Bentheimer Ferkel zur Stelle, gräbt mit dem Rüssel in meiner Tasche. Ich muss ihm energisch klarmachen, dass ich meinen Frühstücksapfel nicht mit ihm teilen möchte. Darauf zeigt es mir, wie eindrucksvoll Schweine schmollen.

Kontakt zwischen Besuchern und Tieren ist ausdrücklich erwünscht in der Arche Warder. Der kommt schließlich im Alltag der meisten Menschen heute nicht mehr vor, Nutztiere sind auf ihre Funktion als Nahrungslieferant reduziert. Wer aber Schweine nur noch in Form folienverpackter Schnitzel kennt, wird sich kaum Gedanken über die schützenswerte Vielfalt ihrer Rassen machen. "Zu den Ungarischen Steppenrindern gehen wir lieber nicht auf die Weide." Tierpfleger Petersen begleitet uns auf einer Fotosafari durch den 40 Hektar großen Park. 72 Rassen leben in der Arche Warder bei Kiel, der gesamte Bestand umfasst rund 800 Tiere.

Zu den Steppenrindern mit ihren langen, spitzen Hörnern hätte ich auch ohne Warnung respektvolle Distanz gehalten. Für die Weide nebenan gibt Thomas Petersen allerdings grünes Licht, wir dürfen über den Zaun klettern. Diese Rinder sind entspannt. Eine Schrecksekunde gibt es aber doch. Während ich beobachte, wie sich der Fotograf an ein stattliches Angler Rind heranpirscht, werde ich selbst Opfer eines Pirschangriffs: Urplötzlich höre ich ein Schnaufen hinter mir, spüre einen vorsichtigen, dennoch kräftigen Stoß im Rücken. Jetzt nicht panisch werden, denke ich, drehe mich langsam um – und stehe Auge in Auge mit einem zotteligen rotbraunen Schottischen Hochlandrind. Das Rind glotzt. Das Rind schmatzt. Dann schubbert es weiter ganz ungeniert seine juckende Nase, diesmal an meiner Schulter.

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Kampf ums Überleben

Auch in Deutschland ist die Vielfalt an Rassen in Gefahr.

Das Kelheimer Rind ist unwiederbringlich dahin, die Rhönziege auch. Das Rotbunte Husumer Schwein, einst wegen seiner Färbung bei der dänischen Minderheit in Schleswig-Holstein als "Protestschwein" populär, existiert nur noch als Rückzüchtung. Immerhin: Das Engagement einzelner Züchter verhinderte Schlimmeres. In Deutschland starb zuletzt 1975 eine Rasse aus. Jubel wäre allerdings verfrüht, 90 heimische Rassen stehen weiterhin auf der Roten Liste. Hier eine Auswahl:

● Riesen-Brahma

Der König des Hühnerhofs der Arche Warder stammt ursprünglich aus Indien und kam 1852 über die USA nach Europa.

● Turopolje-Schwein

Die alte Rasse aus Kroatien ist unempfindlich gegen Kälte und kann gut schwimmen. Typisch sind die langen, hängenden Ohren.

● Poitou-Esel

Eine der größten und schwersten Eselrassen. Motoren machten die zähen Lastenträger überflüssig.

● Schleswiger Kaltblut

Anspruchslose Riesen, einst überall geschätzt, wo echte Zugkraft gefragt war: in der Landwirtschaft, der Armee, als Brauereipferd.

Autor: Kuno Nensel