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Andreas Kieling mit seiner Hündin Cleo.
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Andreas Kieling mit seiner Hündin Cleo auf der Suche nach dem "wilden" Deutschland. - Foto © ZDF / Andreas Kieling

Im TV am 15.04., 19:30 Uhr, ZDF

Terra X: Kielings wildes Deutschland

Andreas Kieling kennt die Welt. Und ihre Tiere. In Alaska blickte er Bären ins Auge, in Zentralafrika filmte er Gorillas, in Australien tauchte er mit Salzwasserkrokodilen. Und so einer schwärmt ausgerechnet von der Heimat: "Vielen Deutschen ist gar nicht bewusst, dass sie in einem der artenreichsten Länder der Erde leben."

3000 Kilometer wanderte der Naturfilmer mit seiner Hündin Cleo durch Deutschland, legte für Dreharbeiten 58.000 Kilometer mit dem Auto zurück – von den Alpen bis zum Wattenmeer, von den Elbtalauen bis zur Eifel. Eine Reise, die beweist: Deutschland ist wilder, als wir denken.

Auf der Spur der Natur erlebte Andreas Kieling unvergessliche Schauspiele wie den Zug der Kraniche über der Ostseehalbinsel Fischland-Darß-Zingst. "Ich habe selten Menschen so berührt gesehen", erinnert er sich. "Die grazilen Bewegungen, der langsame Flügelschlag, das Trompeten – da bekommen selbst hart gesottene Tierfilmer feuchte Augen."

Auf der Insel Werder bei Groß Mohrdorf hat er die Kraniche beobachtet. Zweimal im Jahr sind die majestätischen Großvögel für längere Zeit bei uns zu Gast, jeweils von Februar bis April und von Ende August bis Oktober. Kieling über sein größtes Gänsehauterlebnis: "Plötzlich stiegen 15.000 Kraniche gleichzeitig in die Luft, um auf den umliegenden Feldern nach Futter zu suchen." Am spektakulärsten wirkt der Herbstzug. Im Frühling sind die Vögel auf dem Heimweg in den Norden weiter verstreut. "Dafür kann man dann ihren Balztanz bewundern", erklärt der Wildtierexperte. "Wie ein lange eingeübtes Ballettstück, begleitet von lautem Trompeten."

Andreas Kieling beobachtet Wölfe in der Lausitz

Kraniche sind Besucher, andere wilde Tiere bleiben für immer. Der Wolf galt in Deutschland schon als ausgestorben. Jetzt kehrt er zurück. Aktuell leben im brandenburgischen und sächsischen Teil der Lausitz wieder elf Rudel und ein Wolfspaar. Erstaunlicherweise fühlen sie sich auf Truppenübungsplätzen wohl. "Ob es da romantisch aussieht, ob es ständig rumst und knallt und nach Menschen riecht, ist ihnen offensichtlich ziemlich egal“, erzählt Andreas Kieling. "Der Wolf ist eben ein sehr anpassungsfähiges Tier. Hauptsache, das Nahrungsangebot stimmt und ihm wird nicht nachgestellt.“ Deutschland gilt als äußerst wildreiches Land, hier finden die Raubtiere reichlich Beute, hier werden sie im Gegensatz zu etwa Polen nicht gejagt.

Doch auch alte Ängste vor dem bösen Wolf kehren bei der Bevölkerung zurück. Andreas Kieling: "Ich werde oft gefragt: 'Wie verhalte ich mich denn, wenn mir ein Wolf im Wald begegnet?' Dann sage ich immer: 'Ihnen wird kein Wolf begegnen. Der ist viel zu scheu.'" Für spektakuläre Bilder von Welpen musste der Tierfilmer deshalb auch tief in die Trickkiste greifen: Er lockte die hungrigen Wollknäuel mit einem Hirschköder aus dem gut versteckten Bau. "Wer von mir reißerische Wolfsgeschichten hören will, den muss ich enttäuschen", stellt er klar.

Hirschkäfer in der Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt

Für den gefährlichsten Moment der Dreharbeiten sorgten andere Tiere – Hirschkäfer. Die seltenen Großinsekten stehen fürs wilde Deutschland, denn ihre bis zu acht Jahre dauernde Metamorphose vom Ei zum fertigen Käfer klappt nur in unberührten Wäldern mit viel Totholz. Sie brauchen umgestürzte Eichen, zermürbte Wurzeln, Stämme und Stümpfe. "So ein Ort ist die Colbitz-Letzlinger Heide in Sachsen-Anhalt mit ihren alten Eichenwäldern", sagt Andreas Kieling. "Dort habe ich schon vor 41 Jahren als Kind nach Hirschkäfern gesucht." Acht Tage lang lebte der Tierfilmer Andreas Kieling jetzt für das Filmen der Insekten quasi auf einem Baum, gesichert lediglich mit Kletterseilen.

"Ich war gerade in zwölf Meter Höhe, als über mir ein gewaltiger Ast abbrach und mit voller Wucht meinen Kopf traf", erinnert sich Kieling. "Für einen Moment war ich bewusstlos und wäre fast in die Tiefe gestürzt. Als ich wieder zu mir kam, lief das Blut aus einer Platzwunde bis in die Augen. Überall krabbelten Hirschkäfer auf mir herum, denn ich hatte mich zuvor mit Bier eingesprüht." Mit Bier? Hirschkäfer reagieren sehr stark auf Gerüche – und Alkohol. Wenn Eichensäfte bei warmem Wetter nach ein paar Tagen gären, naschen die Hirschkäfer besonders gern daran und sind leicht berauscht. Kieling erlebte hautnah die Folgen: "Sobald zwei Männchen aufeinandertrafen, fingen sie sofort an zu kämpfen. Der einzige Hirschkäfermann, der nichts getrunken hatte, paarte sich inzwischen mit allen anderen Weibchen. Der hatte offenbar noch einen klaren Kopf."

Wer durch unsere Heimat wandert, erlebt also Abenteuer zu Lande und in der Luft. Und was ist mit dem Wasser? Dort trifft man auf Fische im XXL-Format! 2,19 Meter lang und 62 Kilo schwer war der Wels, den ein Angler aus Brandenburg vor zwei Jahren fing. Historische Quellen berichten sogar von Exemplaren mit fünf Meter Länge. Ein Wels liebt Wärme und wächst sein ganzes Leben lang. "Durch den Klimawandel und das warme Wasser in der Nähe von Kraftwerken findet er immer mehr Futterfische, die er in Mengen verspeist", erklärt Andreas Kieling. "So wächst er zu so gigantischer Größe heran." Um dem Wels auf die Spur zu kommen, tauchte der Tierfilmer in der wilden Spree und ihren Nebenarmen: "Das ist eine der schönsten naturbelassenen Regionen, die ich kennengelernt habe. Die Bilder könnten auch am Amazonas oder Orinoko aufgenommen sein."

Angriff eines Riesenwels

Bei schlechter Sicht entdeckte Kieling im torfigen Wasser dann tatsächlich ein Prachtexemplar: "Wie aus dem Nichts tauchte auf einmal dieser riesige Kopf mit den charakteristischen winzigen Augen vor mir auf. Der Fisch hatte sich in einem Baumstamm versteckt." Mit einem Angriff rechnete der erfahrene Tierfilmer nicht. Doch plötzlich schoss der Wels aus seinem Loch hervor. Die mächtigen Kiefer schnappten lautstark zu. Andreas Kieling: "Dummerweise steckte meine Hand zwischen den Kiefern. Wer kann schon von sich behaupten, dass er mal beim Tauchen von einem Wels gebissen wurde?"

Ursprüngliche Natur liegt direkt vor der Haustür – das ist die vielleicht wichtigste Erkenntnis der 3000-Kilometer-Tour für die ZDF-Reihe und das Buch "Durchs wilde Deutschland" (Malik Verlag, 352 S., 22,99 €). "Früher glaubte man, dass Tiere wie Wolf, Luchs, Steinbock, Biber oder Adler nur in entlegenen Schluchten leben können", sagt Kieling. "Doch dort waren sie nur, weil man sie vertrieben hatte. Die Tiere sind durchaus bereit, in unserer Nähe zu leben. Jetzt sollten wir es auch sein." Doch die Toleranz gegenüber wilden Nachbarn müssen wir erst wieder lernen.

Belohnung sind unvergessliche Momente. Naturfilmer Andreas Kieling: "Ich stand im Sommer in Mecklenburg auf einer Wiese und blickte auf die eiszeitliche Seenlandschaft, auf Kanäle und Wälder und Felder, auf denen Klatschmohn, Kornblumen und Wilder Senf wuchsen. Und ich dachte: Eigentlich möchtest du hier gar nicht wieder weg." Gefühle, die man auf einer Sommerwiese hat, bei einer Kanufahrt im Spreewald oder einer grandiosen Bergwanderung durch das Berchtesgadener Land. Im dortigen Nationalpark kreisen noch Steinadler über den Bergen, Murmeltiere verstecken sich beim Auftauchen der Raubvögel in ihren Fluchtröhren.

Beim Anblick der Alpen gerät Andreas Kieling wieder ins Schwärmen: "Wenn man ein paar Berghütten aus dem Bild wegretuschiert und jemandem sagt: 'Das ist in den Rocky Mountains', wird er sagen: 'Oh, kannst du mir das mal auf der Karte zeigen? Da möchte ich auch mal hin.' Dabei hat er die schönsten Landschaften direkt vor der Nase." Genau das ist die Faszination des wilden Deutschland.

Autor: Kai Riedemann