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Baikalsee

Im Winter wird es am Baikal bis zu 50 Grad kalt. - Foto © picture-alliance/ ZB

Heute im TV

See der Geheimnisse: der Baikal in Sibirien

Kann Sand singen? Er kann. Aber will man ihn hören, muss man weit reisen, bis ins östliche Sibirien an den Baikalsee. Im Norden dieses geheimnisvollen Gewässers gibt es am Fuß des Kap Turali eine Sanddüne. Da hört man den Sand ganz deutlich – aber jeder hört etwas anderes. Für die Einheimischen sind es Sirenen, die mit ihrem Gesang den Besucher in die Tiefe locken wollen. Andere hören ein Quietschen und Knistern, manchen klingt es nach feierlichem Orgelbrausen, wiederum andere berichten von rhythmischem Schluchzen, das von leisem Hundeknurren unterlegt ist.

Ferkelgrunzen, Adlerschreie, alles wurde schon vernommen. Es gibt sie wirklich, die geheimnisvollen Klänge. Sie werden angeblich erzeugt durch elektromagnetische Wechselwirkungen zwischen Fels, Luft, Wasser und Sand. Sagen die Wissenschaftler. Große Geheimnisse, großer See – der Baikal ist so riesig, dass unser Bodensee 470-mal hineinpassen würde. Selbst alles Wasser der Großen Seen in Nordamerika, also des Erie-, Huron-, Michigan- und Ontariosees sowie des Oberen Sees, würde der Baikal fassen.

Zwar hat der nur einen Umfang von 2125 Kilometern, was im Vergleich etwa zu den Großen Seen wenig ist, dafür ist der Baikal aber 1642 Meter tief. Weltrekord. Etwa 20 Prozent aller verfügbaren Trinkwasservorräte der Erde lagern hier. "Der See ist klar wie die Tränen eines Säuglings", sagt die russische Autorin Tatjana Kuschtewskaja. "23.000 Kubikkilometer Säuglingstränen!“ Gespeist wird dieses "kleine Meer" von 336 Flüssen und unzähligen Bächen, die aus den umliegenden Wäldern und Hochgebirgen kommen und klares, sauerstoffreiches Wasser mitbringen. Entwässert wird es nur von einem einzigen Fluss, der Angara. Sie ist entsprechend mächtig und schon beim Ausfluss aus dem See 863 Meter breit. Selbst wenn alle Zuflüsse stoppten, könnte sie 400 Jahre gleichmäßig weiterströmen, bis der See leer ist. Zahlen zum ehrfürchtigen Schaudern.

Und noch was für die Gänsehaut: Im Winter wird es am Baikal bis zu 50 Grad kalt, und im Hochsommer erreicht das Wasser gerade mal 16 Grad. Nur ein düsteres, freudloses sibirisches Kälteloch also? Von wegen. Die russische Jugend macht sich einen Riesenjux daraus, in strahlender Wintersonne mit Autos übers blanke Eis zu schlittern, zu schleudern, sich wie im Tanz zu drehen – regelrechte Straßen führen winters über Eis, Lastwagenpisten, die dann die einzige Verbindung zu entlegenen Orten oder Inseln sind. Marathonläufer rennen über den See und benutzen Spikes dort, wo der Schnee verweht und das Eis spiegelglatt ist. Segler jagen auf Kufen darüber, Angler bohren Löcher hinein und holen dicke Fische heraus.

Der Baikalsee ist umgeben von riesigen Naturschutzgebieten aus Wald und Gebirge, in denen es die besonders reiche Fauna Sibiriens gibt: Bären, Hirsche und Wölfe, aber auch Zobel, Wildschweine, Elche, Adler und sogar die seltenen Schneeleoparden. Ein Phänomen ist auch die Baikalrobbe, die einzige Robbenart weltweit, die dauerhaft außerhalb der Ozeane lebt. Vermutlich sind die Tiere während der letzten Eiszeit den Jenissei hochgewandert, passten sich an das neue Medium Süßwasser an und etablierten sich im Baikalsee. Im Winter sieht man die Robben sogar durchs glasklare Eis im See schwimmen. Das wissen auch die Robbenjäger. Sie suchen nur nach dem nächsten Atemloch – schon haben sie ihre Beute.

Ebenfalls im Winter kommen die Forscher. Denn leichter als vom schwankenden Schiffsdeck arbeitet es sich vom stabilen Eis aus. Mit den Forschern kam diesmal auch das ZDF (siehe TV-Tipp rechts), um ihnen über die Schulter zu schauen. Die Forscher haben viel zu tun, denn der Baikal ist nicht nur der tiefste, sondern auch der älteste See der Erde. Das bedingt, dass bis zu zwei Drittel der etwa 1500 Tier- und 1000 Pflanzenarten endemisch sind, also Pflanzen, die ausschließlich hier vorkommen. Etwa ein Schwamm, der filigrane Strukturen aus Glas aufbaut, die dennoch flexibel und robust sind.

Der Mainzer Biomediziner Werner Müller erforscht diese Strukturen vor Ort und hat zum Ziel, sie bei Transplantationen und Knochenbrüchen einzusetzen. "Dies ist eines der wichtigsten Biomaterialien der Zukunft, die wir kennen", sagt Professor Müller. Von makaberem Interesse ist der Makrohektopus, ein kleiner Krebs, der alles Organische auffrisst, das sonst den See verschmutzen könnte. Tote Fische, ertrunkene Insekten, sogar große Tiere. Das ideale Szenario für den perfekten Mord: Würde ein Opfer ins Wasser geworfen, hätten die Gerichtsmediziner nur sieben Tage Zeit, es zu finden, denn danach wäre es verschwunden. Restlos vertilgt vom Krebs Makrohektopus.

Ende August war das russische Forschungs-U-Boot "Mir" im See unterwegs, um seinen Grund zu vermessen. Als es langsam wieder aufstieg, sah Bair Zyrenow, Mitglied der dreiköpfigen Besatzung, "im Scheinwerferlicht plötzlich Stahlträger, die einer Eisenbahnbrücke ähneln, und dann Barren mit dem charakteristischen goldenen Glanz". Ein Goldschatz im Baikal? Experten und Medien wussten es gleich: Das kann nur der Goldschatz von Zar Nikolaus II. sein, der in den Wirren der Russischen Revolution vor rund 90 Jahren verschwand. Historiker aber blieben eher kühl. Vermutlich sei der verschwundene Schatz gar nicht versunken, sondern von den Truppen des Zaren außer Landes geschafft und auf Banken in Großbritannien und Japan versteckt worden.

Wer schon meint, dass singender Sand und ein verschwundener Schatz mysteriös sind, wird nun vollends verwirrt: Regelmäßig sind im Winter von Satelliten aus riesige Kreise im Eis des Sees zu erkennen. Außerirdische? Oder doch nur Gruppen von frechen Schlittschuhläufern, die heimlich eine Riesenrunde nach der anderen drehen, um die Menschheit ins Grübeln zu bringen? Alles Unfug! Russische Forscher fanden nun die Erklärung: Auf dem Seeboden finden gigantische Gaseruptionen statt, die das Wasser in Drehung versetzen. Am äußersten Rand der Riesenstrudel, wo das Wasser am schnellsten dreht, wird das Eis dünner. So entstehen die Kreise. Zumindest ein Geheimnis des Baikalsees ist damit gelüftet.

Autor: Walter Karpf