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Geisterstadt in Kalifornien, Relikt des Goldrausches.
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Eine Geisterstadt in Kalifornien: Auf den abenteuerlichen Routen der ersten Siedler erkundete ZDF-Moderator Dirk Steffens die ungebändigten Weiten von Nordamerika. - Foto © picture alliance

Im TV-Programm: Terra X am 04.03., ZDF

Mythos Wilder Westen

Der Wilde Westen hat viele Gesichter: zerklüftete Canyons, Prärien, fruchtbare Ebenen. Für eine neue Folge von "Faszination Erde" hat Dirk Steffens diese großartigen Landschaften bereist. In HÖRZU erzählt ZDF-Moderator Dirk Steffens exklusiv von seinen Abenteuern auf den Spuren von Cowboys und Pionieren.

Ich bin ein Greenhorn. Aber fest entschlossen. Die Kugeln lasse ich mit leisem Klicken ins Magazin gleiten, eine nach der anderen. Sieben Stück. Dann schwinge ich den Repetierhebel meiner Winchester vor und zurück. Ein letzter, fester Blick rüber zu meinem Gegner. Anlegen. Anvisieren. Auch Ron spannt seine Springfield-Büchse, hebt sie langsam an die Schulter, schließt ein Auge und zielt. Dann eröffnen wir das Feuer. Als die Schüsse verklungen sind und der Rauch sich verzogen hat, liegen neun am Boden. Neun Dosen. Sieben von mir. Und zwei von Ron. Ich habe gewonnen! Yeah!


Auf in die Freiheit: wie der Westen erobert wurde

Der Traum vom Neuanfang lockt im 18. und 19. Jahrhundert Hunderttausende ins wilde Land jenseits des Mississippi. Die Bevölkerung in den Großstädten wächst rasch, Armut macht sich breit. Unter diesem Druck wagen immer mehr Menschen den Aufbruch. Ihre Hoffnung: ein eigenes Stück Land, ein Leben in Unabhängigkeit und Freiheit. Über den berühmten Oregon Trail verläuft eine Siedlerroute durch die Rocky Mountains. Rund 3500 Kilometer weit ziehen die Pioniere in Planwagen durch die Steppen, Wüsten und Berge. Sie siedeln sich vor allem in Kalifornien, Oregon und Utah an. Wieder andere folgen dem Goldrausch. Zum Mythos Wilder Westen gehören aber auch die Konflikte mit den Ureinwohnern, die gewaltsam aus diesen Gebieten vertrieben werden.


Das Wettschießen zwischen Ron und mir in der kalifornischen Prärie war unfair. Wenn ich an der Jahrmarktschießbude zur Waffe greife, haben noch nicht mal die Plastikrosen Angst. Ich mag Gewehre ungefähr so gern wie mongolischen Kehlkopfgesang. Ron da gegen liebt Waffen. Mit vier hat er erstmals einen Abzug gedrückt – und ein halbes Jahrhundert später immer noch Spaß daran. Und weil er ein wissbegieriger Mann ist, beherrscht er auch die Theorie: Waffentechnik, Ballistik, Militärgeschichte. Trotzdem habe ich ihn im Wettschießen weggeballert. In einem Experiment, das zeigen soll, wie die Krieger von Sitting Bull es geschafft haben, 1876 am Little Bighorn das 7. US-Kavallerieregiment unter General George A. Custer zu vernichten.

Dirk Steffens staunt über das Phänomen der wandernden Felsen

Für seine Niederlage waren natürlich mehrere Faktoren verantwortlich, aber mit entscheidend war sicherlich die Bewaffnung. Viele von Sitting Bulls Männern zogen mit Repetiergewehren in die Schlacht. Sie hatten zwar keine vernünftige Ausbildung und waren wahrscheinlich überwiegend miserable Schützen, aber das war nicht so wichtig, denn der Feind stand oft nur wenige Meter entfernt. Viel entscheidender war, wer schneller und häufiger feuern konnte. Und weil die Kavallerie nur mit Springfield-Büchsen ausgerüstet war, die nach jedem Schuss wieder geladen werden mussten, war die Feuerkraft der Indianer vielfach höher. Und genau deshalb habe ich Greenhorn auch im Dosenschießen gegen Ron gewonnen.

Am nächsten Rätsel unserer Wildwest-Expedition bin ich aber kläglich gescheitert. Kein Wunder eigentlich, schließlich suchen Wissenschaftler schon seit Jahrzehnten nach einer Erklärung für das vielleicht seltsamste Naturphänomen, dem ich je begegnet bin. Nicht mal die superschlauen Nasa-Wissenschaftler, die es vermocht haben, Menschen auf den Mond zu bringen, konnten diese steinharte Rätselnuss bisher knacken: die wandernden Felsen im Tal des Todes.

Dass es im Death Valley kaum Lebewesen gibt, liegt auf der Hand – bei dem Namen! Aber der "Race Track" ist noch eine Spur unwirtlicher als der Rest des Todestals: ein ausgetrockneter Salzsee, in dem wirklich kein einziger Grashalm wächst. Dafür liegen ab und zu Steine auf dem Boden, mal faustgroße, mal Kaventsmänner mit mehreren Hundert Kilogramm Gewicht. So weit nichts Besonderes. Aber hinter den Steinen sind ganz deutlich Schleifspuren erkennbar. Mal führen sie hundert Meter geradeaus, dann wechseln sie abrupt den Kurs, mäandern im Zickzack über den Wüstenboden und enden schließlich unter einem Felsbrocken.

Wandernde Felsen: ein echtes Naturphänomen

Neben den Steinen sind keine Spuren von Menschen, Tieren oder Maschinen erkennbar. Unter Wissenschaftlern herrscht weitgehend Einigkeit: Das hier ist keine Schummelnummer wie die berühmten Kornkreise oder das Monster von Loch Ness – es handelt sich hier um ein echtes Naturphänomen! Die Theorien reichen von unterirdischem Magnetismus über Rückenwind, Tau, Algen an der Felsunterseite, überfrierende Nässe, Erdbeben, extreme Temperaturschwankungen, Regen und Sturm sowie Sandbewegungen bis hin zu Außerirdischen.

Okay, die Außerirdischen sind raus; aber die anderen Ansätze sind zumindest diskutabel. Erschwerend für die Wissenschaftler kommt hinzu, dass sie hier im Nationalpark und Indianergebiet keine festen Kameras installieren dürfen und die Steine nur sehr selten ihrer Wanderlust frönen. Meistens liegen sie einfach nur so in der Sonne, wie es sich für einen Stein gehört. Aber diese Bremsspuren … Wir einigen uns auf folgende Lösung: Mehrere der genannten Faktoren bilden eine einzigartige Verkettung der Naturkräfte. Etwas unbefriedigend, diese Antwort. Aber als wir im Geländewagen davonbrausen und nur eine Staubwolke zurücklassen, denke ich: Wie wunderbar, dass es auf unserer Erde noch Rätsel gibt, die niemand lösen kann!

Dirk Steffens auf den Spuren der Bisons

Unerklärlich bleibt mir auch die Mordlust, mit der weiße Jäger in der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts Bisons abschlachteten. Schätzungsweise 30 Millionen grasten auf den Weiten der Prärie, als die Eroberung des Wilden Westens durch europäische Einwanderer begann. Kerle wie Buffalo Bill, der nach eigenen Angaben ganz allein 4280 Tiere erlegte, waren schon schlimm genug. Aber seine Beute diente wenigstens als Nahrung. Später ballerten Sonntagsjäger aus fahrenden Zügen und nur so zum Spaß herum, bis der Nordamerikanische Bison ausgerottet war.

Ausgerottet? Nicht ganz! Denn in einem kleinen Gebiet im heutigen Yellowstone-Nationalpark haben ein paar Dutzend Exemplare überlebt. Jedes einzelne Tier der einige Tausend Köpfe zählenden aktuellen Population stammt von diesen Yellowstone-Bisons ab. Natürlich folgen wir auch noch anderen Spuren. An einem einsamen Strand an der kalifornischen Küste treffe ich etwa ein paar echte Beach Boys: fette Seeelefanten, die sich hier paaren und ihre Jungen zur Welt bringen. Die mächtigen Bullen sind übersät mit Bisswunden – nur die Stärksten schaffen es, ihren Harem zu verteidigen. Die anderen müssen geschlagen zurück ins kalte Meer.

Im Grand Canyon wird mir, angesichts von fast zwei Milliarden Jahren Erdgeschichte, die sich in den Steilwänden verewigt haben, mal wieder klar, wie kurz und unbedeutend die Episode Mensch auf diesem Planeten doch ist. In einer alten Westernstadt lerne ich, warum während des Goldrausches nur selten Goldsucher, aber ziemlich oft Halsabschneider reich geworden sind. Und auf der gefürchteten San-Andreas-Spalte zwischen San Francisco und Los Angeles glaube ich tief unter meinen Füßen das grauenvolle Grollen der Erde zu spüren. "Go West", der Hoffnungsruf von Millionen Glückssuchern, ist noch immer eine ansteckende, schöne Idee. Denn auch wenn der Wilde Westen nicht mehr ganz so wild ist – absolut faszinierend ist er immer noch!

Autor: Dirk Steffens