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"Mythos Kongo" - Foto © NDR/Doclights GmbH/Blue Planet Film

"Fluss der Extreme", am Montag (26.05.14) um 20:15 Uhr im Ersten. Im Nordosten Sambias
liegt Bangweulu, eines der größten Sumpfgebiete Afrikas.
- Foto © NDR/Doclights GmbH/Blue Planet Film

Fluss der Extreme

Mythos Kongo

Da wollt ihr drehen? Ist das nicht viel zu riskant? Das war die übliche Reaktion, wenn der Hamburger Naturfilmer Thomas Behrend und sein Team von ihrem Projekt erzählten – ihrem Film über eines der geheimnisvollsten Flusssysteme der Welt: den Kongo.

Entstanden sind zwei beeindruckende Dokus und ein Making-of-Bericht. Der gewaltige, schwer zugängliche Strom fließt im Herzen Afrikas durch einsame Sümpfe und den zweitgrößten Regenwald der Erde. "Der Fluss ist exotisch, wunderschön, extrem wandelbar", sagt Behrend. "Er entspringt als kristallklares Rinnsal und schwillt an zu einer brodelnden Hölle mit gewaltigen Stromschnellen und meterhohen Wellen."

Kulturschock Kongo

Der größte Unsicherheitsfaktor aber ist der Mensch. "Die Region ist extrem instabil. Irgendwo brennt es immer", so Behrend. "Hinzu kommen die fehlende Infrastruktur und die Armut der Bevölkerung.“ Doch bei umsichtiger Planung schien das Risiko kalkulierbar. Die Crew hatte die Sicherheitslage stets im Blick und organisierte zahllose Genehmigungen für die Koproduktion von NDR Naturfilm, National Geographic Channel, ORF, Arte und WDR.

Eine Fahrt ins Schutzgebiet der seltenen Okapi-Huftiere sagten die Filmer im letzten Moment ab: Kurz zuvor hatten Wilderer zwei Menschen getötet. Doch die Naturfilmer sahen auch eine andere Seite der Region: Bei ihrer fünftägigen Flussfahrt von Kinshasa aus erlebten sie herzliche Dorfbewohner, die ihr Boot heranwinkten. Sie zelteten in Siedlungen ohne Strom und sauberes Wasser, sprachen mit einem Lehrer, der in einer Schule ohne Dach, Möbel und Bücher unterrichtete. "Es war ein echter Kulturschock", berichtet Heike Grebe, Autorin des spannenden Making-of-Berichts "Abenteuer Kongo" (NDR, 28. Mai, 20.15 Uhr).

"Aber wir haben auch Vorurteile revidiert. Die Bevölkerung war freundlicher und lebensfreudiger, als wir es in dem von Krieggezeichneten Land erwartet hatten. "Bei der Flussfahrt wurde schnell klar: Der Kongo ist Waschküche, Lebensraum, Transportweg, Badestelle und Nahrungsquelle. Um die faszinierende Tierwelt ins Bild zusetzen, reiste das Team auch in entlegenere Gebiete. In Sambia, der Quellregion des Kongo, filmte Behrend eine wirklich große Flatter: Alljährlich treffen sich dort im Kasanka-Wald für ein paar Wochen acht Millionen Palmenflughunde. Es ist die größte Versammlung von Säugetieren auf so engem Raum.


Mythos Kongo
Für die Nilpferde besteht der Fluss Garamba in der DR Kongo aus vielen, einzelnen Territorien: Jedes Revier wird von einem dominierenden Männchen verteidigt. - Foto © NDR/Doclights GmbH/Blue Planet Film

"Der Wald vibriert unter ihren Flügelschlägen. Niemand weiß, warum sich die Flughunde dort drängen", so Behrend. Mit einer Kameradrohne, einem "fliegenden Auge", kam das Filmteam ganz nah an die Fledertiere in den Baumkronen heran. Ebenfalls in Sambia begab sich Behrend, der Gründer der Firma Blue Planet Film, auf die Suche nach einem komischen Vogel, dem Schuhschnabel. Nur noch 1000 Exemplare leben in den Bangweulu-Sümpfen, einer verzauberten Auenlandschaft mit leuchtenden Seerosen und Papyrusinseln. Der mächtige Schnabel dieses Sumpfbewohners gleicht einem Holzschuh und hat eine dornartige Spitze, die auch glitschige Beutefische festhält. Beim Trinken dient er zudem als Becher.

Behrend hatte Glück: Ein neugieriger Schuhschnabel setzte sich auf sein Boot. Die gefiederte graue Eminenz starrte den Besucher einige Minuten an –und der starrte mit seiner Kamera zurück.

Überraschung im Dschungel

Das Kongobecken ist auch die Heimat unserer wilden Cousins im Dschungel. Der zweite Teil der Doku, "Mythos Kongo: Im Reich der Menschenaffen", beleuchtet das Sozialleben von Schimpansen, Bonobos und Gorillas. Schon bei der 14-stündigen Anfahrt per Jeep zum Dzanga-Sangha-Nationalpark in der Zentralafrikanischen Republik erlebten Behrend und ein Kollege eine böse Überraschung. Plötzlich, mitten im Wald, versperrte ein improvisierter Schlagbaum den Weg. Sechs Männer mit Maschinengewehren umringten das Auto. Ein Milizionär mit Sonnenbrille verlangte ruppig: "Passeport!" Behrend: "Es war wie in einem Kriegsfilm – die gefährlichste Situation des gesamten Drehs."

Nach zähen Verhandlungen durfte er schließlich, einige Dollar ärmer, passieren. Das Ziel der Fahrt erwies sich als erstaunlich friedlich – obwohl dort 200 Kilo geballte Muskelkraft warteten: Gorillamann Makumba, ein imposanter Silberrücken mit klarem Blick, beeindruckte das Team durch seinen sanften Führungsstil. Als sich zwei Weibchen um Futter zankten, brachte der Patriarch die rangniedrigere Dame mit Gebrüll und Armschwenken zur Räson.

Übermütige Jungtiere suchten Schutz bei ihrem Big Daddy. Wenn es geht, meidet Makumba Streit: So wartet er in einer Szene am Rand einer Lichtung ab, bis eine Gruppe Waldelefanten abgezogen ist. Erst dann führt er die Sippe auf die Lichtung am Fluss, wo das begehrte salzhaltige Gras wächst. Anders erlebte Behrend unsere engstenVerwandten im Tierreich: Im Kibale-Nationalpark filmte er eine Schimpansenmutter, die von einigen Männchen ihrer Sippe drangsaliert wurde und nur knapp überlebte. "Schimpansen sind die aggressivsten Primaten. Manchmal töten sie sogar Mitglieder ihrer eigenen Sippe", so Behrend.

Weiblicher Führungsstil

Dabei hat der Fluss die Evolution der Primaten entscheidend geprägt. Er trennte vor Jahrmillionen die gemeinsamen Vorfahren von Bonobos und Schimpansen. Danach entwickelten sich die Gruppen ganz unterschiedlich. Bei den etwas kleineren Bonobosim Salonga-Nationalpark haben die Weibchen das Sagen. Ihre Verhandlungstaktik ist ungewöhnlich. Bonobos tragen ihren Spitznamen "Make love, not war"-Affen zu Recht. Sie lösen Konflikte mit Sex und gelten als die sozialsten Menschenaffen. Die mächtigen Wasserbewohner des weit verzweigten Flusssystems besuchte Behrend im Garamba-Nationalpark im Norden der Demokratischen Republik Kongo: die Flusspferde.

In den letzten Jahren wurden hier 90 Ranger von Wilderern getötet, die es meist auf Nashörner abgesehen hatten. Behrend –mutig, aber nicht lebensmüde – ging abseits der Wildererzone auf die Pirsch. Der Wasserstand war niedrig, was die Pflanzenfresser nicht mögen. Im seichten Wasser konkurrieren Bullen um den besten Platz – mit Gebrüll und Wutgähnen, weit geöffnetem Maul. Eine herrliche Superzeitlupe zeigt einen Bullenkampf. Nach zehn Tagen war der Krawall vorbei. Mit dem Monsunregen kehrte Ruhe ein im Pool der Riesen – die Filmer reisten ab. Wann bei den Menschen am Kongo wieder Frieden einkehren wird, ist nicht abzusehen.

Autor: Dagmar Weychard