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Markus Lanz mit grönländischem Jäger in Nordgrönland.
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Moderator Markus Lanz mit grönländischem Jäger in Nordgrönland. - Foto: © ZDF / Rudolf Kaneider

"Meine gefährlichste Expedition"

Markus Lanz in der Arktis

Riesige Gletscher, wilde Tiere, Extremfrost: Seit Jahren besucht Markus Lanz regelmäßig die Arktis. Seine besten Fotos hat er nun in dem Bildband "Grönland – Meine Reisen ans Ende der Welt" veröffentlicht (siehe Buch-Tipp). Wie fühlt es sich an, einem Eisbären in die Augen zu schauen? Für HÖRZU beschreibt der ZDF-Moderator exklusiv seine Begegnungen mit den wilden Bewohnern der Arktis.

Robben haben ungewöhnliche Fähigkeiten: Sie sind in der Lage, auch dann noch kleine Löcher im Eis frei zu halten, wenn es zwei Meter dick ist. Selbst in der lebensfeindlichsten Umgebung, die man sich denken kann. Kurz vor dem Nordpol, wo die Welt nur noch aus endlosem Weiß und Himmel besteht, habe ich Robben gesehen, die plötzlich durchs Eis stießen, denn sie müssen etwa alle zwölf Minuten auftauchen, um Luft zu holen. Manchmal überleben sie den Winter trotzdem nicht.

Auch Eisbären besitzen nämlich eine besondere Fähigkeit: Sie sind in der Lage, eine Ahnung davon zu entwickeln, wie dick das Eis unter ihnen ist. Dafür schlagen sie ihre Tatzen mit solcher Wucht auf die Oberfläche, dass alles erzittert. Wenn die Druckwelle durch die Eisdecke dringt, gerät das Wasser darunter in Wallung und erzeugt ein leises Plätschern. Die Bären können es hören. Und nicht nur das: Sie können es auch deuten. Je lauter das Plätschern, desto dünner das Eis. Es könnte also sein, dass bald eine Robbe hochstoßen wird.

Bis an den Rand der Welt bin ich gereist, um solche Szenen fotografieren zu können. So weit nach Norden, dass die Anreise manchmal eine Woche dauerte. Ich habe mir die Fingerkuppen an- und den Hintern abgefroren, um das größte Landraubtier der Erde in freier Wildbahn zu erleben. Die alten Grönländer haben die Eisbären verehrt. Nanoq! Der Bär! Noch heute leuchten ihre Augen, wenn die Rede auf ihn kommt. Kein Lebewesen hat sich je so perfekt an beißende Kälte, tosende Orkane, berstende Schollen und düstere Polarnacht angepasst. Wenn es sein muss, kommen Eisbären vier Monate ohne Nahrung aus, können Temperaturen von minus 50 Grad überstehen und eine Woche lang durch die sturmgepeitschte See schwimmen. Sie frieren nicht, weil ihre borstigen Haare innen mit Luft gefüllt sind, und sie sind in der Lage, jeden noch so schwachen Sonnenstrahl zu speichern, weil ihre Haut nicht weiß, sondern schwarz ist.

Manchmal denke ich, die Jäger der Inuit bewundern sie nicht nur, ganz heimlich wären sie selbst gerne ein Bär. Deshalb lauern sie manchmal viele Stunden lang in eisiger Kälte völlig regungslos über einem Robbenloch und warten, bis die Beute den verhängnisvollen Fehler macht aufzutauchen. Den Trick haben sie sich abgeschaut: von den Eisbären. So faszinierend sie sind, so gefährlich sind sie. Und mutiger als jedes andere Tier. Ich habe gesehen, wie eine der giftigsten Schlangen der Welt, die australische Braunschlange, panisch floh, als sie die Vibration meiner Schritte spürte.

Eisbären kennen diese Furcht nicht. Sie gehen, ohne zu zögern, auf jeden zu. Auf einer Reise in die Arktis wäre mir das beinahe zum Verhängnis geworden. Ich hatte gerade begonnen, Bilder einer Bärin zu machen. Der Sucher meiner Kamera war so vereist, dass ich nicht bemerkte, wie sich von der Seite ein weiterer Bär näherte. Als ich ihn endlich sah, flüchtete ich auf das Boot, in dem mein Begleiter, der Jäger Bruce, wartete. Doch der Eisbär kam unbeirrt näher. Als er vor unserem Boot stand, richtete er sich auf, warf sich mit seinen Vordertatzen gegen die Bootswand und drückte unseren kleinen Kahn zurück ins Wasser. Es war offensichtlich, dass er uns nicht in seinem Revier haben wollte. Immer wieder fauchte er furchteinflößend – doch es war nichts weiter als ein Spiel.

Plötzlich aber geschah, womit keiner gerechnet hatte: Wir leisteten uns nur einen kurzen Moment der Unachtsamkeit – und der Bär nutzte ihn prompt. Er duckte sich – und sprang. Es war ein mächtiger, kraftvoller Satz. Trotz des enormen Gewichts schnellte der schwere Körper scheinbar mühelos nach oben. Ich fuhr herum und erschrak: Vor mir stand das Tier. Anderthalb Meter entfernt? Vielleicht zwei? Wir starrten uns an, waren irritiert, dass uns nichts mehr trennte: keine dünne Bootswand, keine ausreichende Entfernung. Nichts. Mir fiel ein, was mir mein Freund Paulus, ein Jäger aus dem äußersten Norden Grönlands, eingeschärft hatte: "Die Gefahr kommt von links!" Eisbären schlagen ihre Beute stets mit der linken Pranke. Deshalb trainieren die Inuit ihre Hunde darauf, immer die rechte Tatze des Bären anzugreifen.

Noch während diese Gedanken in meinem Kopf kreisten, hörte ich einen dumpfen Schlag. Es war Bruce, der mit dem Ruder gegen die Bootswand schlug und höllischen Krach machte. Einen Moment blieb der Bär stehen – dann flüchtete er. Ja, es hätte anders ausgehen können. So ist mir der Zwischenfall in Erinnerung geblieben als das, was er war: ein seltener Moment des Glücks. Eine Begegnung mit einem Raubtier, Auge in Auge, so unmittelbar, so nah, wie es Menschen in freier Wildbahn kaum noch vergönnt ist.

Aus dem Leben der Eisbären

Lebensraum: Die Tiere sind ausschließlich in der Polarregion rund um den Nordpol verbreitet. Sie sind Einzelgänger (Mütter mit Jungen ausgenommen!) und bevorzugen Gebiete, in denen das Eis durch Wind und Meeresströmungen in Bewegung bleibt und immer wieder aufgerissen wird.
Gewicht: Eisbären wiegen zwischen 300 und 800 Kilo, werden etwa 2,60 Meter groß, in Einzelfällen bis 3,40 Meter. Weibchen sind etwas kleiner als Männchen.
Sinne: Geruchs- und Hörsinn sind im Vergleich zu anderen Raubtieren sehr gut.

Autor: Markus Lanz