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Quelle der Behaglichkeit: ein Gartenreich mit Seerosen

Quelle der Behaglichkeit: ein Gartenreich mit Seerosen / Foto © www.piqs.de / Geli , CC (Some rights are reserved.)

Mit Landschaftsarchitektin Gabriella Pape

Das Geheimnis schöner Gärten

Wer einen hat, liebt ihn. Wer keinen hat, ersehnt ihn: den eigenen Garten. Zwischen Flensburg und dem Bodensee wächst eine neue, grüne Leidenschaft, die wir in dieser Form bisher nur aus England kannten. Dort gehört "gardening" zum Volksgut wie Teetrinken. Doch nun gedeiht das zarte Pflänzchen auch bei uns: In den Städten bewaffnen sich vereinzelte "Garten-Piraten" sogar mit Spaten, Hacke und Schaufel und bepflanzen nachts heimlich Verkehrsinseln.

Eine englische Studie belegt, was unser Bauchgefühl uns längst sagte: Nur fünf Minuten körperliche Betätigung im Grünen hebt unsere Stimmung und unser Selbstwertgefühl. Apfelpflücken ist Aufputschmittel. Blumengießen Balsam für die Seele. Die Berliner Landschaftsarchitektin Gabriella Pape beschreibt es so: "Was ist Glück? Barfuß über den Rasen zu laufen, die Tasse Kaffee in der Hand." Schon als junges Mädchen zog sie lieber mit der Gießkanne los als mit den Nachbarskindern. Damals stand sie eher allein auf weiter Flur. In den 70er-Jahren galt Jäten und Graben als Last, nicht als Lust. Gefragt waren Tannen, Thujen (Lebensbäume), Rhododendren, englischer Rasen, kurz "TTRE". Überschaubar, praktisch, immergrün.

Doch heute ist selbst in Kleingärten, sonst für Ordnungsliebe bekannt, die Rasenkante nicht mehr das Maß aller Dinge. Hier heißt es: Mehr Blumen! Her mit dem alten Gemüse! Denn auch selten gewordene heimische Sorten wie Mairübchen, Moltebeeren oder der rapsähnliche Färberwaid gedeihen auf liebevoll gehegten Parzellen. Der Bundesverband der Gartenfreunde zählte 2094 Pflanzenarten in den 1,24 Millionen Schrebergärten. Ähnlich sieht es bei den Hausbesitzern aus. Im Juni öffnen viele ihr privates Paradies für Besucher. Die ursprünglich englische Initiative "Offene Gartenpforte" lockt jährlich Zehntausende an, Tendenz steigend. Sogar neben Stadthäusern verwandelt sich Ödnis in Oase: In Hinterhöfen blühen Waldreben, auf Dachterrassen ragt Pampasgras gen Himmel.

Serengeti vor der Haustür

"Die Artenvielfalt in privaten Gärten kann höher sein als in der ausgeräumten Landschaft", sagt Rüdiger Wohlers aus Oldenburg, Gartenexperte beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), der bundesweit rund 20 naturnahe Schaugärten unterhält. "Die Menschen wollen ihre Serengeti vor der Haustür gestalten und denken dabei auch an die Tierwelt: Wir werden überrannt mit Anfragen, wie man es Vögeln, Fledertieren, Igeln und Fröschen behaglich macht." Kröte, Molch und Fledermaus haben ihr Igitt-Image abgeschüttelt, die Insektenjäger sind beliebt. Der Frosch darf gern wieder König sein in seinem Reich am Teich. Ebenfalls begehrt: Blumen, die bestäubende Insekten anziehen. "In einen Öko-Garten, der die Tierwelt unterstützt, gehören vor allem Blumen, Büsche und Bäume aus unseren Breiten", so Wohlers. "Viele exotische Pflanzen werden von Insekten und Vögeln gemieden, weil sie ihnen keine Nahrung bieten."

Doch was ist das Geheimnis eines schönen Gartens? Ein britischer Experte, der als Berater in dem berühmten hundertjährigen Garten von Hidcote Manor in Gloucestershire nordwestlich von London arbeitet, betont den Reiz des Rätselhaften: "Ein schöner Garten birgt viele Geheimnisse." Deshalb sind typisch englische Anlagen in "Räume" gegliedert. Überall verschwiegene Ecken, jeder Winkel voller Überraschungen. "Zu einem schönen Garten gehören für mich auch Stauden und Rosen. Und Bäume: Sie sind Zeitzeugen, die man für Generationen pflanzt", ergänzt Pape ("Meine Philosophie lebendiger Gärten", Irisiana, 16,95 €). Weitere Herzstücke: Teiche und Sitzgelegenheiten. "Ein Stuhl ist eine Einladung für das Auge", so Pape. "Auch wenn dort keiner Platz nimmt."

Ein solcher Wohlfühlgarten braucht Zeit, das liegt in seiner Natur. Er folgt keiner Stechuhr, sondern Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Und er gibt viel zurück. "Ein Garten schenkt uns Zuversicht. Nichts können wir in Zeiten wie diesen mehr gebrauchen", meint Pape. "Und er trägt die Seele durch das Jahr." Im März vertreibt das Knallgelb der Osterglocken winterliche Trübsal. Im Sommer lädt das zarte Rosaweiß der Stauden zu Tagträumen ein. Der Herbst beruhigt mit Lavendeltönen und Senf-Schattierungen.

Und wie sieht nun der Traumgarten der Deutschen aus? "Eindeutig Cottage-Stil", weiß Pape, die am Londoner Kew-Gardens-Institut Gartenkultur studierte und 2008 die Königliche Gartenakademie in Berlin-Dahlem gründete. Zu diesem bäuerlichen Landhausparadies gehören viele Stauden wie Rittersporn, Phlox und Fingerhut. Obendrein Rosen, Rankpflanzen, Gemüse und Obstbäume. Und es gibt noch viele Varianten zu entdecken. Pape: "In Deutschland wurden jahrzehntelang die gleichen Sorten gekauft, dabei haben wir viele robuste, wunderbare Neuzüchtungen übersehen. Die gilt es jetzt zu entdecken." So schmecken etwa die Blätter des langlebigen Strauchbasilikums genauso aromatisch wie die seines Verwandten aus dem Supermarkt, der nach einem Tag einknickt.

Erotik aus England

Auch bei unserer Herzensdame, der Rose, gäbe es mehr Auswahl: "Viele alte Parkrosen wie Teehybriden sind längst überholt", so Pape. "Es gibt moderne Rosen, die plüschig, sexy und beständig sind." Eine ihrer Lieblingsblüten: die üppig gefüllte "Darcey Bussel", eine englische Züchtung von David Austin, eine fruchtig duftende Ballerina in Karmesinrot. Puristen bevorzugen dagegen gerade Linien und Buchsbaumkugeln. Der reine Formgarten ist zwar selten, aber ein guter Partner für moderne Häuser. "Er lässt der Architektur Raum", erklärt Pape.

Häufig verschmelzen die Stile: Landhausbeete werden in Hecken eingefasst, ein verschwiegener Kiesweg führt zu einem Buddha am Teich. "Die Leute reisen mehr und lassen sich von anderen Kulturen inspirieren", so Pape. Selbst im Gemüsebeet weht ein frischer Wind. Früher säte man Bohnen, Salat und Möhren schnurgerade aufgereiht wie Soldaten. Nun wird das Naschbeet aufgerüscht mit Blumen und duftenden Kräutern. "Und wenn mal eine Pflanze eingeht, sollten wir uns auf eine englische Tugend besinnen", sagt Pape. "Ein britischer Gärtner freut sich, weil er um eine Erfahrung reicher ist und Platz für Neues hat. Beim Gärtnern ist es schließlich wie im Leben: Wir lernen am meisten aus unseren Fehlern."

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Autor: Dagmar Weychardt