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Mistelzweig

Mit Mistelzweigen werden in der Weihnachtszeit traditionell die Türrahmen dekoriert. Foto © picture alliance / dpa

Stechpalme, Mistel und Edelweiß

Die Magie der Pflanzen

Ein Trank aus Wurzeln mit magischer Kraft. Eine Salbe aus geheimnisvollen Kräutern, die Wunden heilen lässt. Ein nach alter Überlieferung platzierter Ast, der böse Geister fernhält – Zauberpflanzen faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden. Und den Kundigen verliehen sie schon immer besondere Macht: "Von jeher waren es Frauen, die die Pflanzen sammelten. Im Mittelalter galten sie als Hexen", sagt Friederike Huber-Reiss vom Freiburger Heilpflanzengarten Achillea.

Ihr Wissen um die heilenden, aber auch giftigen Gewächse gaben Kräuterfrauen von Generation zu Generation weiter. Ebenso die Rituale, die mit ihnen verknüpft waren. So durften manche nur bei Vollmond geerntet, andere keinesfalls mit bloßen Händen berührt werden. Die Alraune zählt dazu, ohnehin ein besonders sagenumwobenes Gewächs. Das verrät bereits ihr Name, der sich aus den althochdeutschen Entsprechungen für "flüstern" und "Geheimnis" ableitet. Hinzu kommt, dass die Form ihrer Wurzel einer menschlichen Gestalt gleicht und sie, wie es in Überlieferungen heißt, bevorzugt in der Nähe eines Galgens wuchs. Im Volksmund brachte ihr das den Zweitnamen "Galgenmännlein" ein. Wer sie mit bloßen Händen pflückte, sollte auf der Stelle tot umfallen oder für alle Zeit verflucht sein. "Deshalb ließ man sie von einem Hund ausgraben", sagt Huber-Reiss.

Deutlich romantischer sind da die Mythen um die Mistelzweige, die traditionell in der Weihnachtszeit die Türrahmen dekorieren: Paare, die unter ihnen stehen, haben einfach die Pflicht, sich zu küssen. Eine uralte Tradition, die ihren Ursprung nicht, wie lange vermutet, in der angelsächsischen, sondern in der germanischen Mythologie hat. Der Sonnengott Baldur nämlich starb der Legende nach durch einen Mistelpfeil. Seine Mutter aber konnte ihn wieder zum Leben erwecken. Die Tränen, die sie dabei vergoss, verwandelten sich in die weißen Beeren der Pflanze. Und vor lauter Glück küsste sie jeden, der unter dem Baum vorbeikam.

Die alten Römer hingegen dachten bei Misteln eher ans Essen. Der lateinische Artenname "Viscum" bedeutet übersetzt Vogelleim – und tatsächlich rührten sie aus dem zähen Schleim der zerdrückten Beeren mit Honig und anderen Zutaten einen Klebstoff an, mit dem sie Äste bestrichen, auf denen ihnen dann Vögel "auf den Leim gingen". Hier also hat die populäre Redewendung ihren Ursprung. Vielen Menschen passierte schon Vergleichbares mit dem Edelweiß, das Gegenstand eines weitverbreiteten Irrtums ist. "Die Pflanze gilt zwar als Symbol der Alpen, ist aber ein Zuwanderer aus der sibirischen Steppe", erklärt Friederike Huber-Reiss.

Im Mittelalter verwendete man Edelweiß für Liebeszauber, aber auch gegen ganz profane Bauchschmerzen sollte es echte Wunder wirken. "Daher erhielt es den Beinamen 'Bauchwehbleaml'." Vor schlimmerem Übel, Blitzschlag inbegriffen, sollen die Äste der Stechpalme schützen, deshalb wurden sie oft an Häuser und Ställe gehängt. "Sie lockten gute Waldgeister an, die einen Winterunterschlupf suchten. Zum Dank beschützten diese Mensch und Tier", weiß die Expertin. Schornsteine wurden ebenfalls mit Stechpalmenzweigen gefegt, böse Geister sollten sich in den Dornen verfangen. Eine wichtige Rolle spielt die Stechpalme auch in der Bildsprache des Christentums: Ihre Zweige symbolisieren die Dornenkrone. "Die roten Beeren stehen für das Blut Jesu, das er aus Liebe zur Menschheit vergoss", sagt Huber-Reiss.

Echte Hexenmedizin schließlich ist das giftige und halluzinogene Bilsenkraut. Im antiken Griechenland wurde es als Wahrsagemittel, bei den Druiden als Orakelpflanze verehrt. "Sein Rauch wurde inhaliert, um Visionen und Wachträume hervorzurufen", sagt die Pflanzenexpertin. Heute spielen Zauberpflanzen wieder eine zunehmende Rolle in der Medizin, die Mistel kommt beispielsweise in der Krebstherapie zum Einsatz. In einer Zeit wachsenden Interesses an natürlichen Alternativen zu Antibiotika & Co. glaubt man zwar nicht mehr an Mythen und setzt auch nicht auf Magie. Dafür aber verstärkt auf die real enthaltenen Wirkstoffe und deren heilende Kräfte.

Autor: Jasmin Henning