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Am Universitätsklinikum Jena wird eine Spenderniere entnommen.

Erfolgreiche Organtransplantation: Am Universitätsklinikum Jena wird eine Spenderniere entnommen. / Foto: © dpa - Report / Foto Startseite: © picture alliance/Beyond

Wunder der Medizin

Transplantationen

Neue lebensrettende Impfungen gegen Krebs, OPs ohne Narben, im Labor gezüchtete Organe – davon träumen die Wissenschaftler. Manche dieser Visionen sind bereits Realität, andere benötigen noch viele Jahre Forschungsarbeit. Allerdings sind die Fortschritte in der Medizin ebenso faszinierend wie rasant: Alle fünf Jahre verdoppelt sich das ärztliche Wissen. Das hat Auswirkungen auf viele Bereiche.

Auch die Transplantationsmedizin hat davon profitiert. 2009 wurden dadurch allein in Deutschland 3897 Leben gerettet. Es könnten sogar noch mehr sein – wenn es genügend Spenderorgane gäbe. Zurzeit warten hierzulande 12.000 Frauen, Männer und Kinder zum Beispiel auf ein neues Herz, eine Niere oder eine Leber. Jeden Tag müssen drei von ihnen sterben, weil die Bereitschaft zur Organspende ständig sinkt.

Ideen, die Leben retten

Johannes Hempel hatte Glück. Dem 14-Jährigen pflanzte ein Berliner Ärzteteam im Juni 2010 ein neues Herz ein. Hempel hatte keine Vorerkrankung, nie Beschwerden. "Im Februar war ich sogar noch im Skiurlaub", erzählt der Schüler aus Sachsen-Anhalt. "Eine Woche später bin ich zu Hause plötzlich zusammengebrochen."

Die Ärzte stellten in der Echokardiografie entsetzt fest, dass sein Herz auf die dreifache Größe angewachsen war. "Ich hatte einen Puls von 150 und spürte kein Pochen, weil es so riesig war." Die Diagnose: Linksherzinsuffizienz, also eine dramatische Unterfunktion der linken Herzhälfte, wodurch der Körper nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Ursache könnte eine verschleppte Grippe gewesen sein. Hempel: "Obwohl ich auf der Warteliste mit höchster Dringlichkeitsstufe geführt wurde, musste ich zwei Monate auf das Herz warten."

In der Nacht nach der Transplantation konnte der Junge kaum schlafen. Fragen quälten ihn: Wer war der Mensch, dessen Herz er nun in der Brust trug? Wie sah er aus? Kam er bei einem Unfall ums Leben? Von der Stationsschwester erfuhr Johannes nur, dass es ein Mann um die 30 gewesen sei. Alles andere blieb anonym. "Aber darüber habe ich mir nur in der ersten Nacht Gedanken gemacht. Heute bin ich einfach glücklich, dass ich leben darf. Ich danke der Familie des Spenders, dass sie zugestimmt hat."

Nur sieben Wochen nach der fünfstündigen OP im Deutschen Herzzentrum Berlin konnte Johannes Hempel in die Schule zurückkehren. Heute trifft er sich nachmittags wieder mit Freunden oder lernt für die Mathematikarbeit. Seine Geschichte zeigt, was unser Körper leisten kann – und was Chirurgen und Pharmakologen heute möglich machen.

Erstaunlich ist dabei, wie viele Körperteile sich heutzutage problemlos ersetzen lassen: 100.000 Deutsche erhalten jedes Jahr einen Herzschrittmacher, 700.000 eine künstliche Augenlinse, rund 400.000 Patienten ein künstliches Gelenk. Spezialisten verbessern kontinuierlich das Material der Implantate: Verarbeitet werden Kunststoffe, Chrom, Titan und Keramik. Die Ersatzgelenke schaffen bis zu 200 Millionen Bewegungen, ihre Lebensdauer schätzen Experten auf etwa 20 Jahre. Noch vor 15 Jahren war das künstliche Kniegelenk eine Sensation, heute ist ein solcher Eingriff Routine: Etwa 150.000-mal pro Jahr werden in deutschen Operationssälen Kniegelenke ausgewechselt, mehr als 200.000-mal ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt.

Dieser Fortschritt gibt Menschen wie Gisela Voell ein ganz neues Lebensgefühl. "Ich hatte Arthrose und konnte nur noch humpeln", sagt die 58-Jährige. "Seit der Knie-OP bin ich endlich schmerzfrei." Schon sechs Tage nach dem Eingriff hat die Aachenerin die Klinik wieder verlassen – mit ihrem Ersatzgelenk im Bein.

"Die neuen Prothesen sind an die schmale Anatomie von Frauen angepasst, bis vor Kurzem gab es nur Einheitsmodelle für beide Geschlechter. Heute können Patientinnen ihr Knie besser beugen. Das erleichtert wirklich vieles: Treppensteigen, Radfahren oder Joggen", sagt Dr. Ferdinand Krappel, der Gisela Voell im Medizinischen Zentrum Würselen operiert hat. "Knie sind besonders anfällig, weil beim Gehen oder Laufen etwa das Dreifache des Körpergewichts auf das Gelenk drückt. Kommen dann noch falsche Schuhe, übertriebener Sport oder Übergewicht hinzu, wird es überlastet und geschädigt." Auch für die Implantation wendet Dr. Krappel eine neue Methode an: Statt des sonst üblichen 20 Zentimeter langen Schnitts macht er nur einen von etwa neun Zentimetern. Damit schont er das Muskelgewebe und auch die Bänder.

Das Geschenk der Forscher an die Menschheit ist Beweglichkeit in jedem Alter. Wer sich beim Fußballspielen oder Skilaufen etwa die Kreuzbänder gerissen hat, lässt sich heute aus körpereigenen Sehnen neue modellieren und einsetzen. Das dauert stationär nur ein bis zwei Tage, dann folgt noch ambulante Physiotherapie – schon ist der Patient wieder fit. In Hamburg hat ein Professor in diesem Sommer einer Frau eine sogenannte Arterienprothese eingesetzt, künstliche Adern aus Goretex, jenem Material, aus dem sonst Outdoor-Kleidung ist. Die Patientin kann nun wieder beschwerdefrei gehen.

Allerdings sind noch nicht alle medizinischen Verfahren so ausgereift. Ein Beispiel: Knorpelgewebe lässt sich zwar züchten, ist als Kunstprodukt bislang aber viel zu weich und instabil, um mit dem natürlichen Vorbild mithalten zu können. Auch die Nachbildung ganzer Organe steckt noch in den Anfängen.

Die Visionen der Ärzte

Der in Boston forschende Österreicher Dr. Harald Ott setzte vor wenigen Wochen Ratten künstliche Lungenflügel ein. Die Nager hielten das Experiment sechs Stunden lang durch, erst danach mussten sie beatmet werden, weil ihre Atemwege zusehends verstopften. Trotzdem lebten sie länger mit einer künstlichen Lunge als jedes andere Lebewesen zuvor. Ein Durchbruch? "Vor einigen Jahren gelang es sogar, Rattenherzen zu züchten, die für kurze Zeit im lebenden Tier funktionierten", berichtet der Herzchirurg Dr. Reinhard Pregla. "Aber man muss da realistisch sein: Die Erfolge sind noch minimal. In Kalifornien ist ein Zentrum geplant, dessen Ziel es ist, im Jahr 2030 Lunge, Herz, Leber und andere Organe auf Bestellung zu liefern. 2011 soll die Arbeit beginnen." Dann soll jedes dritte Organ, das weltweit benötigt wird, aus den USA kommen.

Warten auf eine Niere

Kühne Visionen. Karin Lichtenwallner aber bleibt keine Zeit, auf deren Realisierung zu warten. Die 52-Jährige braucht dringend eine neue Niere. "Ich bin seit meiner Kindheit Diabetikerin", sagt die Berlinerin. "Vor zwölf Jahren wurde ich das erste Mal transplantiert, damals habe ich zeitgleich eine neue Bauchspeicheldrüse bekommen, aber nun hat die Niere wieder versagt." Arbeiten kann die Dolmetscherin in diesem Zustand nicht. Fünfmal die Woche muss sie für bis zu drei Stunden zur Dialyse. "Ich nutze die Wartezeit jetzt für meine Doktorarbeit." Sie weiß, dass es bei Spendernieren im Durchschnitt auch acht Jahre dauern kann, bis der rettende Anruf kommt: "Wir haben ein passendes Organ für Sie!"

Dann muss alles ganz schnell gehen. Der Patient wird für den Eingriff vorbereitet, während ein Ärzteteam meist mit Flugzeug oder Hubschrauber startet, um das Spenderorgan zu entnehmen und gut gesichert in einer Kühlbox zur OP zu transportieren. Etwa vier Stunden haben Herzchirurgen Zeit, ein Herz zu verpflanzen. Dann muss es wieder schlagen.

Die Stiftung Eurotransplant koordiniert die Vergabe der Organe für Deutschland, die Benelux-Länder, Österreich, Kroatien und Slowenien. Die Empfänger werden nach Größe, Gewicht und Blutgruppe ausgesucht. Der Ablauf ist heute Routine. Alle Möglichkeiten sind vorhanden und technisch maximal optimiert – nur: Es gibt in Deutschland zu wenig Bereitschaft zur Organspende.

"Deshalb wollen wir Menschen motivieren, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, sich eine Meinung zu bilden und ihre Entscheidung auf einem Organspendeausweis zu dokumentieren", sagt Prof. Dr. Norbert Klüsen, Vorstandsvorsitzender der Techniker Krankenkasse, die "Pro Organspende" unterstützt. Die Firma Möbel Höffner ist dort ebenfalls engagiert. Geschäftsführer Thomas Dankert erklärt, warum es seinem Unternehmen ein wichtiges Anliegen ist: "Eine plötzliche Krankheit, ein tragischer Unfall – schon ist alles anders. Plötzlich hängt das Leben am seidenen Faden. Oder an einem Spenderorgan. Es kann jeden treffen. Und jeder kann helfen!" Haben Sie schon mal bewusst darüber nachgedacht?

Interview mit dem Berliner Herzchirurg Dr. Reinhard Pregla, Leiter der Initiative "Pro Organspende"

HÖRZU: Herr Dr. Pregla, Sie haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Zahl der Organspender in Deutschland zu vervierfachen. Wie wollen Sie die Menschen überzeugen?

Dr. Reinhard Pregla: Man muss sich mal klarmachen, dass nicht jeder, der einen Organspendeausweis ausfüllt, auch zum Spender wird. Von 100.000 Menschen kommen höchstens ein oder zwei im Laufe ihres Lebens als Organspender infrage. Aber jeder von uns kann plötzlich in Not geraten und auf ein neues Organ angewiesen sein, etwa nach einer verschleppten Grippe auf ein neues Herz. Grausame Wahrheit ist, dass Sie heute im Prinzip auf der Todesliste stehen, wenn Sie ein Organ brauchen. Viele warten Jahre und sind am Ende so krank, dass sie eigentlich zu schwach für die Transplantations-OP sind.

HÖRZU: 70 Prozent der Bundesbürger befürworten die Organspende, aber nur 14 Prozent haben einen Ausweis. Woran liegt das?

Dr. Reinhard Pregla: Es gibt viele Menschen, die sich damit noch nie richtig auseinandergesetzt haben, weil sie bisher nicht ausreichend informiert wurden. Und aus Unwissenheit resultiert oft Angst. Fast jeder Deutsche würde im Fall eines Falles ein Spenderorgan akzeptieren. Umgekehrt sind jedoch nur 14 Prozent bereit, nach ihrem Tod Organspender zu sein.

HÖRZU: Haben viele nicht auch Angst, als Organspender im Fall eines Unglücks früher für tot erklärt zu werden?

Dr. Reinhard Pregla: Die Sorge ist unbegründet. Man muss sich doch nur die Abläufe vor Augen führen. Bei einem Verletzten wird nie nach einem Organspendeausweis geschaut. Die persönlichen Dinge werden im Krankenhaus sofort weggeschlossen, dann den Angehörigen überreicht. Da kämpfen Ärzte um das Leben des Patienten.

HÖRZU: Gibt es die Gefahr, dass Organe entnommen werden, wenn man noch lebt?

Dr. Reinhard Pregla: Nein, eine Entnahme ist nur nach dem Tod erlaubt. Zwei unabhängige Ärzte werden ins Krankenhaus gerufen und müssen den unwiderruflich und vollständig abgestorben sein. Erst dann wird das Thema Organspende überhaupt bei den Angehörigen angesprochen. Dabei entsteht keine Hektik. Erst wenn das geschehen ist, wird Eurotransplant informiert.

HÖRZU: Warum sind die Wartezeiten in den meisten europäischen Nachbarländern, etwa in Österreich, kürzer?

Dr. Reinhard Pregla: In Österreich, Spanien oder auch den Niederlanden gilt die sogenannte Widerspruchslösung. Dort ist jeder von Geburt an Organspender. Wer gegen eine Entnahme von Gewebe und Organen ist, muss dies ausdrücklich erklären. Allerdings wird auch in diesen Ländern noch mal mit Angehörigen gesprochen, ob es Einwände gegen die Spende gibt.

HÖRZU: Wäre das eine Idee für Deutschland?

Dr. Reinhard Pregla: Ein Zwang zur Organspende wäre bei uns nicht das Richtige. Aber man sollte im Personalausweis angeben, ob man dazu bereit ist. So ist garantiert, dass sich jeder damit befasst. Das könnte einen positiven Effekt für die Gesellschaft haben: Wenn wir füreinander einstehen, rücken wir enger zusammen.

Autor: Mirja Rumpf