HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Menschenkenntnis

Wer den Charakter anderer richtig einschätzt, verfügt über gute Menschenkenntnisse. - Foto: © picture alliance/Zoonar

Der geheime Charakter-Code

Menschenkenntnis

5 Tipps, die helfen, andere besser einzuschätzen. Wie gut ist Ihre Menschenkenntnis? Machen Sie den Test.

Kein Zweifel: Der Vordrängler an der Supermarktkasse ist ein rücksichtsloser Egoist. Die Frau, die bei Kritik in Tränen ausbricht, ist eine überempfindliche Heulsuse. Und der Typ mit der Sonnenbrille und dem aufgeknöpften Hemd? Garantiert ein Macho. Wenn es um andere Menschen geht, urteilen wir oft in Sekundenschnelle. Ohne Scheu drücken wir ihnen einen Stempel auf, obwohl wir gar keinen Blick in ihre Seele werfen konnten.

Der erste Eindruck

Der erste Eindruck wird nur von Äußerlichkeiten bestimmt. Wir sehen, wie sich jemand kleidet, deuten seine Gesichtszüge, nehmen Körperhaltung und Stimme wahr. Eigentlich nicht viele Merkmale, um so etwas Komplexes wie einen Charakter zu entschlüsseln, aber es gibt genug Menschen, die sich dieses Kunststück ohne Zögern zutrauen. Sie setzen einfach auf ihre Menschenkenntnis. Oder auf das, was sie dafür halten.

So kritisch wir nämlich über andere urteilen, so nachlässig sind wir bei uns selbst. "Wir überschätzen uns automatisch fast immer in unserer Fähigkeit, andere Menschen einschätzen zu können", sagt Diplom-Psychologe Michael Thiel. "Manche halten sich für gute Menschenkenner und schätzen einen tätowierten Glatzkopf gleich als bösen Buben ein, obwohl der vielleicht ganz anders tickt."

Wir interpretieren Äußerlichkeiten, weil es so schön einfach ist und wir nun mal das Bedürfnis haben, möglichst schnell vorherzusehen, wie ein Mensch reagieren wird, und wir sein Verhalten verstehen wollen. "Ich glaube, es ist ein evolutionäres Bedürfnis, rechtzeitig zu erkennen, ob man jemandem trauen kann", so der Psychologe. "Damit schützt man sich vor Feinden."

Wir machen Bestätigungsfehler

Doch so leicht lässt sich dieser Wunsch nicht erfüllen, denn Körpersprache ist selten eindeutig. Wer die Arme verschränkt, gilt zum Beispiel als abweisend – aber nimmt man nicht eine ganz ähnliche Haltung ein, wenn einem kalt ist? Und ist Schweigsamkeit wirklich ein Zeichen von Arroganz, oder kann es sich auch um Schüchternheit handeln, um Verunsicherung oder Müdigkeit? Vielleicht steckt sogar noch etwas ganz anderes dahinter.

Darum zeichnet sich ein echter Menschenkenner nicht nur dadurch aus, dass er empathisch ist, sich also in andere hineinfühlen kann, sondern auch dadurch, dass er Fragen stellt – und bereit ist, seinen ersten, intuitiven Eindruck infrage zu stellen. Das tun wir von Natur aus ungern.

"Menschen neigen dazu, andere schnell in Schubladen zu stecken, damit die Welt für sie überschaubarer und sicherer wird", sagt Michael Thiel. "Und selbst wenn man sich noch so dreht und wendet, ist es ganz schwer, jemanden dazu zu bewegen, diese Schublade wieder aufzumachen und die Person noch einmal neu zu beurteilen. Dann müssten wir uns ja eingestehen, vorher einen Fehler gemacht zu haben." Stattdessen sehen wir nur die Dinge, die in unser Bild passen und unsere Erwartungen erfüllen. Bestätigungsfehler heißt das in der Psychologie.

Wer darauf nicht hereinfallen will, sollte bewusst nach Merkmalen suchen, die den eigenen Eindruck widerlegen könnten. "Vielleicht sieht man dann plötzlich, wie der tätowierte Mann mit der Glatze ganz liebevoll mit seinem Sohn umgeht oder einer alten Dame über die Straße hilft."

Wir machen Attributionsfehler

Der Bestätigungsfehler ist nicht das einzige Hindernis bei der richtigen Beurteilung anderer Menschen. Da gibt es etwa noch den sogenannten Attributionsfehler, ein Fachwort für unseren Reflex, das Verhalten einer Person ausschließlich auf ihren Charakter zurückzuführen und die Umstände ihres Handelns zu ignorieren. Dabei könnte es doch sein, dass die abweisende Kollegin gar keine Zicke ist, sondern zu Hause Ärger hat, der sie belastet und reizbar macht.

Ein guter Menschenkenner wird das in Erwägung ziehen und sie in einem stillen Moment fragen, was mit ihr los ist. Ihn interessiert nicht nur, wie jemand ist, sondern auch, warum.

Größte Vorsicht gilt, wenn uns jemand an eine andere Person erinnert. Der Verkäufer beispielsweise sieht aus wie Philipp Rösler? Gut möglich, dass wir ihn besonders skeptisch betrachten. Dafür hält man die Nachbarin mit dem umwerfenden Julia-Roberts-Lächeln vielleicht sofort für "Pretty Woman".

Der Halo-Effekt

Ähnlich wirkt der sogenannte Halo-Effekt: Ist uns jemand insgesamt sympathisch, dichten wir ihm viele gute Eigenschaften an, während man Menschen mit unsympathischer Ausstrahlung schnell einen negativen Charakter zuschreibt. Sympathie oder Antipathie überstrahlen also alles – wie die atmosphärischen Lichteffekte, die man Halo nennt.

In Anbetracht dieser zahlreichen Fehlerquellen ist klar, dass sich der Charakter-Code von Fremden nicht nach einem ersten Eindruck entschlüsseln lässt. Zwar gibt es verschiedene Typologisierungs-Modelle, die helfen sollen, Menschen schnell als beispielsweise extrovertiert, melancholisch oder autoritär zu identifizieren, doch in Wirklichkeit öffnet man damit wieder nur Schubladen.

Der Psychologe warnt: "Damit tut man anderen schnell Unrecht." Menschenkenner spielen deshalb nicht den Hobbypsychologen, sondern bleiben bescheiden. "Sie stellen sich nicht auf ein Podest, weil sie sich für Superkenner halten, sondern fällen ihre Urteile mit Bedacht." Manchmal urteilen sie auch gar nicht und geben zu, sich mit ihrer Einschätzung noch nicht sicher zu sein. Thiel weiter: "Zur Menschenkenntnis gehört auch, andere wie ein Endlos-Puzzle zu betrachten, bei dem immer wieder neue, überraschende Teilchen hinzukommen können."

Etwa dass der Gatte sich auf einmal für Yoga interessiert oder die sonst so taffe Freundin bei Liebesfilmen feuchte Augen bekommt. Wie gut Ihre Menschenkenntnis ist, können Sie mit dem Test auf der nächsten Seite herausfinden. Michael Thiel gibt allerdings zu bedenken: "Es gibt nur ganz, ganz wenige echte Menschenkenner."

5 Tipps, die helfen, andere besser einzuschätzen

Wichtiger als erster Eindruck und Bauchgefühl ist der bewusste Umgang mit anderen.

1. Neugierig sein

Knüpfen Sie immer wieder neue Kontakte, lassen Sie sich, etwa wenn Sie irgendwo eingeladen sind, auch neuen Leuten vorstellen.

2. Gute Fragen stellen

Machen Sie nicht nur Small Talk, fragen Sie intensiver nach, etwa danach, was dem anderen an seinem Job gefällt. Versuchen Sie, verschiedene Facetten der Person zu entdecken.

3. Kein abschließendes Urteil fassen

Auch das Bild von Personen, die man lange kennt, lässt sich ein Leben lang erweitern. Wir alle sind so individuell, dass immer wieder Überraschungen passieren.

4. Sich selbst hinterfragen

Überlegen Sie, wie objektiv Ihre Einschätzung von jemandem ist. Falls Sie einmal im Nachhinein feststellen, dass Sie ein falsches Bild hatten, fragen Sie sich, wie es zu diesem Irrtum kommen konnte.

5. Schubladendenken meiden

Das kann Vorurteile verhindern. Gehen Sie lieber immer wieder auf Menschen zu, und lassen Sie jeden neu auf sich wirken.

Wie gut ist Ihre Menschenkenntnis? Machen Sie den Test auf der nächsten Seite!

Autor: Melanie Schirmann