HÖRZU Android Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU iOS Logo
HÖRZU
TV-Programm
kostenlose App
Get it on Google Play
HÖRZU Logo
Unterhaltung Filter
Kategorie einstellen
Adventszeit

Adventsschmuck macht die Wohnung zum heimeligen Ort. - Foto: © picture alliance /
blickwinkel/P. Frischknecht

Alle Jahre wieder

Der Zauber des Advents

Die Adventszeit ist etwas ganz Besonderes: Sie geht uns zu Herzen. Ihr Geheimnis: Erinnerungen und alte Rituale.

Da sind sie wieder. Die Wochen, die nach Zimt riechen und nach Vanille. Die nach leisen Glöckchen klingen und nach alten Liedern aus der Kindheit. Wochen, die eigentlich kalt sind und dunkel. Und sich doch wärmer anfühlen und heller scheinen als so viele andere Wochen im Jahr. Ein kleines Wunder, dieser Advent. Wie anders er die Welt malt, wie weich, wie lächelnd. Wie leicht er unsere Stimmung verzaubert, die Hektik der Vorweihnachtszeit immer wieder vergessen macht. Wie die Zeit für Momente stillzustehen scheint beim Blick in Kinderaugen, in denen sich Kerzenlicht spiegelt. Beim herzhaften Biss in einen Lebkuchen. Mitten in dem stillen kleinen Glück, durch den frisch gefallenen ersten Schnee zu laufen.

Der Advent war immer etwas Besonderes, und doch hat er sich im Lauf der Zeit verändert. Das lateinische "advenire" heißt "ankommen", die Verheißung wohnte also auch seinem Namen schon inne, aber die ließ im frühen Mittelalter länger auf sich warten. Über ganze sechs Sonntage zog sich die Adventszeit – und mit Freude, Keksen und Lichtern hatte die Zeit so gar nichts zu tun. Im Advent büßte und fastete man dem großen Fest von Christi Geburt entgegen, Musik galt in diesen Wochen als verpönt. Erst seit dem Konzil von 524 dauert die Adventszeit nur noch vier Wochen – und trägt inzwischen längst helle, leuchtende Farben und ein strahlendes Lächeln der Vorfreude. Jeden Morgen springen Tausende Kinder hierzulande fröhlich und neugierig aus dem Bett, um nachzuschauen, was wohl hinter dem nächsten Türchen ihres Adventskalenders steckt.


Die schönsten Adventsbräuche

ADVENTSKRANZ

Der erste war ein hölzerner Leuchter mit 24 Kerzen, den der Hamburger Theologe Johann Hinrich Wichern im Waisenhaus "Rauhes Haus" unter die Decke hängte.

CHRISTSTOLLEN

Der Naumburger Bischof erwähnte 1329 erstmals den brotähnlichen Kuchen, der mit dickem Puderzuckerüberzug an ein gewickeltes Christkind erinnern sollte.

ADVENTSKALENDER

Im Mittelalter zählte man die Tage bis Weihnachten mit Strichen an der Tür. Kinder durften jeden Tag einen weiteren Kreidestrich wegwischen.

NIKOLAUSTAG

Geht auf Bischof Nikolaus von Myra aus dem damaligen Byzantinischen Reich zurück. An seinem Gedenktag gab es früher auch Geschenke. Erst seit der Reformation beschenken wir uns am Heiligabend.


Rituale verbinden uns

Dabei birgt die Zeit ansonsten eher wenig Überraschungen. Aber genau das ist auch ihr größtes Geheimnis: die Rituale, die der Advent mit sich bringt. Die duftende Weihnachtsbäckerei, der gemütliche Kerzenschein, das gemeinsame Strohsternebasteln, und jeder summt dabei "Leise rieselt der Schnee" und "O du Fröhliche" vor sich hin. Für 83 Prozent der Deutschen gehören Weihnachtsbäume zur Adventszeit, für 79 Prozent Plätzchen und Kränze, für 72 Prozent geht es nicht ohne Christkindlmarkt und Weihnachtslieder. Durch Rituale "haben Familien Anteil an der Glaubenskraft und Lebenskraft ihrer Vorfahren, die mit diesen Ritualen ihr Leben gemeistert haben, auch in schwierigen Zeiten", erklärt Benediktinerpater Anselm Grün. "Sie geben uns Anteil an den Wurzeln unserer Vorfahren." Rituale verbinden uns mit der Vergangenheit, mit jedem einzelnen Advent, den wir je erlebten. Sie geben uns Sicherheit, stehen für Gefühle und Erinnerungen. Eine Kerze zu entzünden wird immer das Zeichen bleiben: Jetzt wird es festlich, friedlich und harmonisch. Und: Jetzt nehmen wir uns Zeit und halten inne. Rituale sind perfekt dafür. Die geliebten Gewohnheiten laufen so automatisch ab, dass wir kaum noch darüber nachdenken müssen. Das wiederum schafft die Basis, dass wir abschalten und uns fallen lassen können. Und dass wir uns dem Zauber einer Stimmung hingeben, Besinnlichkeit erleben. Es ist der richtige Zeitpunkt dafür, in jeder Beziehung. Das Jahr geht zu Ende, man blickt mehr zurück als nach vorn, zieht Bilanz aus dem Vergangenen. Man geht innerlich zurück, entspannt sich, hängt den Gedanken nach – und nimmt dabei automatisch Fahrt aus dem Leben.

Sehnsucht macht das Herz weit

Etliche Adventsrituale sind wie gemacht dafür, unsere Seele wieder ein bisschen zu ordnen: "Wenn wir still vor einer Kerze sitzen, wenn wir die Weihnachtslieder leise vor uns hin singen, dann steigt in uns eine Sehnsucht auf, die diese Welt übersteigt", sagt Benediktinerpater Anselm Grün. Eine Sehnsucht, die das Herz weit macht. Und die, wenn wir sie zulassen und uns nicht gleich wieder in Weihnachtseinkäufe stürzen, manchmal zu erstaunlichen Erkenntnissen führt: Was uns fehlt in unserem Leben, was wir wirklich tun wollen. Oft zeigt sich jetzt auch eine Sehnsucht nach Gemeinsamkeit, Familie und Freunden, "nach Verstandenwerden und Harmonie", weiß die Psychologin Hildegard Belardi aus Bergisch-Gladbach.

Ein wunderbar verbindendes Adventsritual ist das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern. "Vor allem, wenn es den Menschen gelingt, sich dabei tatsächlich einander zu widmen und etwas Zeit jenseits des hektischen Alltags zu schenken", erklärt Psychologin Hildegard Belardi. "Evolutionsforscher gehen davon aus, dass gemeinsamer Musikgenuss die sozialen Bindungen stärkt", erklärt Musikprofessor Gunter Kreutz, der an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg vor allem die Wirkungen von Musik erforscht. "Und Weihnachten, das Fest der Liebe, ist ein besonders schöner Anlass, sich miteinander von Musik beglücken zu lassen."

Religion gibt Halt im Leben

Es ist ein größeres, ein durchdringendes Gefühl, das uns jetzt zur Adventszeit rührt. Mit bloßer Erinnerung an die schönen Weihnachten in der Kindheit ist es nicht erklärt: "Wenn der Vater das Weihnachtsevangelium vorliest oder die Familie 'Stille Nacht' singt, ist das nicht Nostalgie", ist Anselm Grün überzeugt. "Sie kommen in Berührung mit Ihren Wurzeln. Und an Weihnachten spüren Sie, dass es Wurzeln des Glaubens sind, die unser Leben auch heute noch tragen. Die Religion als sinnstiftendes Moment, sie bietet Zuflucht und Überschaubarkeit in der hektischen Zeit.

Für kleine Wunder offen bleiben

Kerzen, selbst gebackene Kekse und ein bisschen Musik. Rituale, die uns zur Besinnung bringen. So einfach ist es, in Stimmung zu kommen – in Adventsstimmung. So einfach ist das kleine Glück dieser großartigen Zeit. Vorausgesetzt, wir schaffen es innezuhalten und kleben mit dem Blick nicht nur an dem, was vermeintlich noch zu erledigen und zu kaufen ist vor dem großen Fest. Zu Weihnachten soll es Geschenke geben, natürlich. Aber ein paar wunderbare Gaben bekommen wir schon jetzt – der Advent bringt sie uns.

Keinen Vorweihnachtsstress! So bleiben Sie gelassen

1. EIGENE ERWARTUNGEN RUNTERSCHRAUBEN

Vor allem Frauen, rät Psychologin Hildegard Belardi, sollten ihren Perfektionismus aufgeben: "Ein jegliches Weniger ist eine Erleichterung."

2. RESTURLAUB?

Vor Weihnachten nehmen. "Dann können Sie entspannt in die Feiertage starten", sagt Belardi.

3. DIE ZEIT GENIESSEN

Harmonie entsteht nicht beim Fünf-Gänge-Menü oder in einem blitzblank geputzten Wohnzimmer. Sondern mit Menschen, die sich füreinander Zeit nehmen.

4. SICH VOM KINDERGLÜCK ANSTECKEN LASSEN

Es erinnert an die eigene Kindheit, stimmt weich, bringt zum Lächeln – und sorgt schon dadurch für mehr Gelassenheit.

Autor: Silke Pfersdorf