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Das Dörfchen Bullerbü (Filmset aus dem Jahre 2006)

Das beschauliche Dörfchen Bullerbü (Filmset aus dem Jahre 2006) gilt als der perfekte Gegenentwurf zu einem stressigen Leben. / Foto: © picture alliance / akg

Raus aus der Leistungsspirale

Burn-out: Therapie gegen den Dauerstress

Oh, wie schön ist Bullerbü. In dem kleinen Dorf aus den Geschichten der schwedischen Autorin Astrid Lindgren gibt es keinen Stress – nur drei Höfe, sieben Kinder, deren Eltern, ein wenig Gesinde, ein Paar Kühe, Schweine und Hühner. Kein Wunder, dass Martin Straube, Arzt und Burn-out-Experte aus Fischerhude bei Bremen, Bullerbü gern als idealen Gegenentwurf zu unserer Zeit wählt: "Hier geht es entspannt zu: Es gibt keine großen Abweichungen von der sicheren Routine. Bei uns dagegen fängt bereits in der frühen Kindheit die Reizüberflutung an."

Es herrscht Leistungsdruck und eine hohe Arbeitsverdichtung. Fast überall begegnet uns Stress. Das hat Folgen. Laut BKK sind die Krankheitstage aufgrund von Burn-out zwischen 2004 und 2011 um das 18-Fache gestiegen. Noch nie haben so viele Arbeitnehmer wegen psychischer Probleme im Job gefehlt. Zudem wurden laut Techniker Krankenkasse von 2007 bis 2011 rund 50 Prozent mehr Antidepressiva verschrieben. Eine dramatische Entwicklung.

Wie kommt es zum Burn-out?

Die Gründe sind aus medizinischer Sicht klar. "Dauerstress führt zu Erschöpfungszuständen", so Prof. Ulrich Trenckmann, Ärztlicher Direktor der Hans-Prinzhorn-Klinik im westfälischen Hemer. "Bis vor wenigen Jahren haben wir bei einem Burn-out allerdings noch von einer Erschöpfungsdepression gesprochen." Unser Körper setzt unter Stress Hormone frei, Blutdruck und Pulsschlag erhöhen sich. Wir sind bereit zu maximaler Leistung.

Danach aber brauchen wir Erholung. In der Natur funktioniert das auch so: Wenn etwa eine Antilope vor einem Löwen davonläuft, wird der Tierkörper mit Stresshormonen geflutet. Durch die Bewegung bei der Flucht werden die jedoch wieder abgebaut. Ist das Tier in Sicherheit, folgt die Erholungsphase. "Wir Menschen pushen uns hoch, bleiben bei Stress aber meist am Schreibtisch sitzen: Unser Körper kann den Hormonüberschuss nicht sofort abbauen", so Prof. Trenckmann.

Antilope auf der Flucht

Eine fliehende Antilope steht nur kurzzeitig unter Stress. / Foto: © picture alliance/WILDLIFE

Auch wenn die Leidensgeschichten sehr individuell sind, folgen sie ähnlichen Mustern: Konkurrenz- oder Termindruck, Zeit- oder Geldmangel, Unter- oder Überqualifikation, fehlende Selbstbestimmung im persönlichen Leben oder am Arbeitsplatz.

Die Spirale der Erschöpfung

"Es kommen zwei Dinge zusammen: die Belastung, die man auszuhalten hat, und die eigene Belastbarkeit", so Martin Straube. Wer hier die Balance hält, wird eher verschont bleiben. "Es gibt etwa Menschen, die halten wesentlich mehr aus, wenn sie ein befriedigendes Privatleben haben", so Straube. Gelingt dies nicht, steigt das Risiko für ein Burn-out.

Mindestens 130 körperliche und seelische Symptome werden mit ihm in Verbindung gebracht: von Kopf- und Rückenschmerzen über chronische Müdigkeit, Schlafstörungen und Magen-Darm-Probleme bis hin zum Verlust der eigenen Gefühlswelt. Das macht es für viele Betroffene und Ärzte so schwierig, rechtzeitig gegenzusteuern. "Beim Burnout kommen Erschöpfung, Perfektionismus und eine große, persönliche Verwundbarkeit zusammen", sagt Straube.

Das verändert die Wahrnehmung. Der Betroffene merkt zwar, dass ihn eine Aufgabe überfordert und extrem erschöpft. Aber anstatt dies zu akzeptieren und sich Hilfe zu holen, gibt er noch mehr Einsatz, versucht alles noch perfekter zu machen – was selten gelingt. Er brennt weiter aus, wird empfindlicher, verletzlicher und macht am Ende die Situation dafür verantwortlich: Der Chef oder die Kollegen sind schuld, vielleicht auch der Ehepartner und die Kinder. "Man verschiebt die Schuld. Die Ideale, alles selbst zu schaffen und zu können, werden jedoch nicht infrage gestellt", so Straube. Es entsteht eine Spirale aus mehr Aktivität und mehr Verausgabung, bei der man bis zu zwölf Phasen durchlaufen kann: vom "Zwang, sich zu beweisen" bis zur "völligen Erschöpfung".

Die Wahrnehmung verbessern

"In Bullerbü würde das niemand tun", sagt Straube. "Dort würde man einfach mal kürzertreten." Das versucht Straube nun auch mit seinen Burn-out-Patienten zu üben. "Es geht dabei um Achtsamkeit, darum, die Wahrnehmung für sich und seine Umwelt zu verändern." Als Erstes lernt man, die eigenen Bedürfnisse klarer zu erkennen und das eigene Körpergefühl zu verbessern, etwa durch Yoga, autogenes Training oder Atemübungen.

Als Zweites kann man sein Sehen schärfen, also das "Verdauen" der Sinneseindrücke, die täglich auf uns einprasseln, auf der Straße und im Büro, aus dem Fernseher und dem Computer. Eine Übung von Straube: "Gehen Sie in ein Museum, und schauen Sie sich ein paar Bilder an. Sie als Betrachter entscheiden dabei: Was will ich wirklich sehen? Was lasse ich zu?" Eine Haltung, die auch im Alltag vieles erleichtern kann.

Musik hoeren gegen Stress

Musik hören kann dabei helfen, den Stress auf Distanz zu halten. / Foto: © picture alliance / dpa Themendienst

Als dritten Wahrnehmungsbereich nennt Straube das Hören: "Musik, Geräusche, Klänge – das sind für mich drei Bereiche, in denen man Achtsamkeit üben kann. Man lernt dabei: Wie verarbeite ich einen Eindruck so, dass er mich nicht überrollt oder manipuliert. Wie entwickle ich einen inneren ‚Verdauungsprozess‘ und halte mir so die Welt auf Distanz?"

Runter vom Gaspedal!

Unsere aktuelle Situation lässt sich in der Regel nur geringfügig beeinflussen. "Wir Menschen können nicht wirklich dem Stress davonlaufen", weiß Prof. Trenckmann. "Entscheidend ist es, auch unter Druck die richtige Dosis zu finden." Der Mediziner ist überzeugt: Jeder kann seinen eigenen Gegenentwurf zum anstrengenden Alltag schaffen, sein entspanntes Idyll – mit Achtsamkeitstraining, dem Umstellen der Lebensweise oder einer bewussten Entscheidung gegen Stress. Trenckmanns Faustregel: "Wenn wir merken, dass es uns zu viel wird, sollten wir einfach kein Gas mehr geben."


Sendehinweis: ''W wie Wissen''

Thema: Fremdgesteuert. Wie wir im Alltag manipuliert und gelenkt werden
SO, 21.4., Das Erste, 17.00 Uhr


Burn-out

Bevor es zum totalen Erschöpfungszustand kommt, sendet der Körper viele Warnsignale. / Foto: © picture alliance/Beyond

Die zwölf Phasen eines Burn-outs:

Nicht jede Erschöpfungsdrepression entwickelt sich auf die gleiche Weise, dennoch lassen sich in fast allen Fällen bestimmte Phasen unterscheiden:

1 Der Zwang, sich zu beweisen Große Arbeitsbegeisterung, man überschätzt und vernachlässigt sich jedoch dabei.

2 Verstärkter Einsatz Es wird mehr Energie in die Arbeit gesteckt. Das Gefühl, unentbehrlich zu sein, wächst.

3 Vernachlässigen eigener Bedürfnisse Der Wunsch nach mehr Ruhe, Schlaf, Regeneration wird ignoriert.

4 Verdrängen von Konflikten und Bedürfnissen Unpünktlichkeit, Vergesslichkeit und Fehlleistungen nehmen zu.

5 Umdeuten von Werten Der Betroffene empfindet die Partnerschaft, Freundschaften und berufliche Beziehungen plötzlich nur noch als belastend.

6 Verleugnen von Problemen Es kommt zu deutlichen Leistungsschwächen und körperlichen Beschwerden.

7 Sozialer Rückzug Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit treten auf. Ersatzbefriedigung bieten Alkohol, Essen, Sex.

8 Verhaltensänderung Das Denken und Verhalten wird unflexibel. Der Betroffene zieht sich immer weiter zurück.

9 Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit Empfinden von Abgestorbensein und Selbstfremdheit.

10 Innere Leere Mutlosigkeit und Angst werden stark. Man bekämpft sie durch exzessives Kaufen, Essen oder Sex.

11 Depression Dauerhafte Verzweiflung. Erste Selbstmordgedanken kommen auf.

12 Völlige Erschöpfung Geistige, körperliche und emotionale Müdigkeit lähmen. Die Suizidgefahr ist extrem groß

Autor: Jan Bockholt