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Nicht alle Vorsorgen sind medizinisch sinnvoll. Manche können sogar schaden.

Nicht alle Vorsorgen sind medizinisch sinnvoll. Manche können sogar schaden. / Fotos © ISO K° - photography - Fotolia.com

HÖRZU-Experte Dr. Martin Marianowicz

Operationen und Vorsorge: Was ist zuviel des Guten?

"Damit hatte ich einfach nicht gerechnet", sagt Peter Martens. Schließlich hatten ihm die Ärzte versprochen, er werde nach der Bandscheiben-Operation beschwerdefrei sein. "Doch der Eingriff hat nichts gebracht", klagt der 55-jährige Ingenieur aus Düsseldorf. Noch immer plagen ihn Schmerzen im Kreuz – und zwar schlimmer als zuvor, weil OP-bedingte Narben im Rückengewebe auf das sensible Nervengeflecht im Rückenmarkskanal drücken.

Für Dr. Martin Marianowicz ist das ein klassischer Fall. In seiner Praxis erlebt er immer wieder Ähnliches, wenn ihm schmerzgeplagte Patienten von ihrer Odyssee durch die Therapiemühle der Schulmedizin berichten. Bei solchen Schilderungen kocht in ihm der Ärger hoch: "80 Prozent aller Rückenoperationen sind überflüssig", wettert der Orthopäde aus Bad Wiessee. In seiner Reha-Klinik am Tegernsee betreut der Experte und Buchautor ("Aufs Kreuz gelegt", Goldmann, 17,95 Euro) permanent Rückenschmerz-Patienten, die "zu schnell unters Messer kamen".

Auch die Kassen warnen

Rund 230.000 Wirbelsäulenoperationen werden hierzulande durchgeführt, davon fast 100.000 bei Bandscheibenvorfällen. "Dabei könnten die meisten Betroffenen mit einem speziellen Fünf-Stufen-Behandlungsplan schmerzfrei werden", so Dr. Marianowicz. "Und zwar ganz ohne OP und deren Risiken." Mit seiner Kritik am bestehenden System der Maximaltherapie um jeden Preis steht Marianowicz nicht allein. Kürzlich warnte auch die Techniker Krankenkasse in einer offiziellen Erklärung, dass vier von fünf Rückenoperationen schlichtweg überflüssig seien. Willkommener Nebeneffekt: Viel Geld ließe sich einsparen. Immerhin kostet die Behandlung von Rückenbeschwerden die Kassen pro Jahr rund 40 Milliarden Euro.

Viele wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass wir uns zu schnell und zu sorglos unters Messer begeben oder belastende Diagnose- und Vorsorgeuntersuchungen über uns ergehen lassen – vom Herzkatheter bis zur Computertomografie (CT). Beispiel Diagnostik: Meist wird dafür die CT gewählt, eine wichtige Untersuchung für das Erkennen von Krankheiten und die Therapieplanung. Nur wird sie nicht immer sinnvoll eingesetzt. Die Anzahl der CT-Untersuchungen, bei denen Röntgenstrahlen Teile des Körpers durchdringen, ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert. Schon lange warnen renommierte Experten vor den Folgen dieser exzessiven Nutzung. Gleichgültig, ob wir uns den Arm stoßen, über Kopfschmerzen klagen oder Bauchprobleme haben – das CT gilt als diagnostische Allzweckwaffe.

Vor Jahren schon wies der US-Strahlenexperte Richard Monson, ehemaliger Professor der Harvard University in Boston, auf die viel zu hohen Strahlendosen hin. Für den Epidemiologen steht fest, dass zwischen Strahlenbelastung und Krebsrisiko offenbar ein weitgehend direkter Zusammenhang besteht. Monson: "Ich rate nur bei wirklicher medizinischer Notwendigkeit dazu." Wie recht er mit seinen Warnungen hatte, zeigen jetzt Untersuchungsergebnisse des Nationalen Krebsinstituts der USA (NCI): Demnach hat der übertriebene CT-Einsatz im Jahr 2007, in dem mehr als 70 Millionen solcher Untersuchungen durchgeführt wurden, dort rund 29.000 Fälle von Krebs ausgelöst und rund 15.000 Todesopfer gefordert. Dabei gäbe es wirksame Alternativen wie Magnetresonanztomografie (MRT) und Ultraschall.

Beispiel Brustkrebsvorsorge: Bisher wurden in Deutschland knapp drei Millionen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren zum kostenlosen Mammografie-Screening eingeladen, mehr als die Hälfte hat auch daran teilgenommen. Doch das Verfahren ist umstritten. Zumal die Effekte laut Studien minimal sind: Von 1000 Frauen, die zehn Jahre lang regelmäßig zur Mammografie gehen, erspart das Screening nur einer den Tod durch Brustkrebs. Das sind 0,1 Prozent. Diesem Nutzen stehen andere Risiken entgegen.

Autor: Georg Francken