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Landarzt Dr. Christoph Engelke wird jeden Morgen von einem Wasserbüffel begrüßt.

Landarzt Dr. Christoph Engelke wird jeden Morgen von einem Wasserbüffel begrüßt. - Fotos © Christian O. Bruch für HÖRZU

Hausbesuch bei Dr. Engelke

Landärzte: Wie sieht ihr Leben wirklich aus?

Die Sonne zeigt sich am Horizont des niedersächsischen Dorfes Fischerhude. Über den Wiesen wabert leichter Nebel, der sich wie eine dünne Schutzschicht über die Idylle legt. Die Luft duftet nach Frühling. "Heute wird ein guter Tag – das habe ich im Gefühl", sagt Dr. Engelke und hebt seine Augen von der Computertastatur Richtung Fenster. In dem Moment taucht plötzlich ein riesiges schwarzes Wesen vor ihm auf. Schnaubend, mit zotteligem Fell und Hörnern auf dem Kopf. Zwei weit aufgerissene dunkle Augen stieren ihn an. Ein Wasserbüffel! Dr. Engelke bleibt ruhig. "Ist es nicht herrlich, jeden Morgen von so einem Vieh begrüßt zu werden?" Er grinst. Fischerhude, 3243 Einwohner. Hier ist Christoph Engelke "Herr Doktor". Oder bei den Jüngeren einfach nur "der Doc". Er macht den Job, über den ganz Deutschland diskutiert: Der 45-Jährige ist Landarzt.

Im Fernsehen gibt es davon mehr als genug: Wayne Carpendale ist etwa fürs ZDF als Dr. Bergmann in Deekelsen im Einsatz – und zwar in dritter Generation seit 1986. Christine Neubauer ist in dieser Woche wieder als Landärztin Dr. Johanna Lohmann aktiv (siehe TV-Tipp). Junge Mediziner lassen sich durch die heile TV-Welt nicht ins Grüne locken: Schon heute gibt es mehr als 3600 freie Arztstellen, viele davon in der Provinz. In den nächsten zehn Jahren gehen nach Angaben der Deutschen Kassenärztlichen Vereinigung gut 58.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand. In Niedersachsen, wo Dr. Engelke praktiziert, ist die Not deutschlandweit am größten: Hier fehlen 678 Hausärzte.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) fordert: "Der Arztberuf muss attraktiver werden!" Immer weniger Honorar, immer mehr Bürokratie – viele Landärzte haben Probleme, einen Nachfolger zu finden. "Um die Folgen zu sehen, schauen Sie mal hier rein", sagt Dr. Engelke und öffnet die weiße Holztür zu seinem Wartezimmer: Acht von zehn Stühlen sind besetzt. "Seit ich mich vor elf Jahren niedergelassen habe, hat sich die Zahl der Patienten verdreifacht. Der Lohn leider nicht. Der ist nahezu gleich." Dr. Engelke rollt mit den Augen und zieht die Brauen hoch. Ein sympathischer Kerl. Einer, der mit Menschen kann. Das merkt man schnell. "Frau Schneider, kommen Sie bitte rein!", sagt er. Die Patientin lächelt vertraut. Sie hat eine Schleimbeutelentzündung in der Schulter. Es muss höllisch weh tun: Tränen laufen über ihre Wangen, als Dr. Engelke ihren Arm leicht nach oben bewegt. "Nächste Woche muss ich sie auch noch krankschreiben, ja?"

Frau Schneider ist heute eine von 40 Patienten. Ein ganz normaler Freitag. Handprellung, Grippe, Krebsdiagnose, Wirbel einrenken, Heuschnupfen, Fuß gequetscht, weil eine Kuh draufgestanden hat – das Spektrum der Verletzungen und Erkrankungen ist breit. "Die normale Sprechstundenzeit reicht oft nicht aus", sagt Dr. Engelke. "Gestern wäre es eigentlich nur bis 18.30 Uhr gegangen, aber ich habe die Praxis erst um 21 Uhr verlassen." So viel Leistung für immer weniger Geld – war das nicht schon vor Jahren absehbar? Was trieb Dr. Engelke aufs Land? Gerade ihn, den ehrgeizigen Klinikarzt, der mit seiner Frau das Stadtleben genoss: Kinobesuche, sich spontan mit Freunden im Restaurant um die Ecke treffen, einfach mittendrin sein? Es gab einen Schlüsselmoment: "Ich habe als Arzt auf der Station für innere Medizin im Klinikum Detmold gearbeitet. Als ich in einer Woche 120 Stunden im Einsatz war, habe ich für mich entschieden: So geht es nicht weiter, das ist nicht mein Leben, das will ich nicht." Er hatte sich ertappt: Die Arbeit veränderte seinen Charakter. "Ich wurde zynisch, als mir die Leute beim Reanimieren unter den Händen wegstarben", sagt der zweifache Familienvater.

Autor: Mirja Rumpf