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Krebs: Wohin steuert die Forschung?

Muss Krebs wirklich als "Krankheit der Gene" gesehen werden? Ein neuer Ansatz könnte
helfen, Krebs besser zu verstehen und zu behandeln. Foto: ARTE France / © Cinétévé

Fortschritte in Diagnostik und Therapie

Neue Hoffnung bei Krebs

Ein winziger Fehler mit fatalen Folgen: Krebs entsteht durch ursprünglich harmlose Schäden im Erbgut, die zur Entartung von Körperzellen führen. Früher bedeutete die Diagnose häufig das Todesurteil – heute entwickelt sich Krebs zunehmend zur chronischen Krankheit, rund die Hälfte der Betroffenen kann sogar mit dauerhafter Heilung rechnen (siehe dazu auch: "Krebs - Wohin steuert die Forschung?", Fr., 24.4., 21.45 Uhr, Arte, s. auch TV-Tipps rechts.).

Möglich wurde dies durch enorme Fortschritte in Früherkennung, Diagnostik und Therapie. Gerade die Genetik hat in den letzten Jahren wertvolle Erkenntnisse geliefert, die zur Entwicklung sogenannter zielgerichteter Arzneien führten. Sie greifen direkt in den Stoffwechsel der Tumorzelle ein, blockieren diese etwa mithilfe von Molekülen.

Einer der führenden Experten auf diesem Gebiet ist Prof. Carsten Bokemeyer vom Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf. Seine Prognose: "Es wird eine noch stärkere Verzahnung der Therapiebausteine OP, Bestrahlung, Chemo- und Immuntherapie geben. Jeder Patient erhält eine maßgeschneiderte Therapie. Dadurch werden die Heilungsraten weiter steigen." Beispiel: die molekular zielgerichtete Therapie.

Ihre Wirkweise entspricht dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Nur wenn der Tumor eine bestimmte DNA-Mutation aufweist, kann der molekulare Therapiestoff wirken. Daher ist es heute üblich, vor dem Einsatz von Medikamenten die genetischen Eigenschaften der Krebszellen zu testen. Sind sie erkannt, erarbeiten Experten verschiedener Fachrichtungen in der gemeinsamen Tumorkonferenz einen Behandlungsplan. Individuell für jeden Patienten! HÖRZU gibt hier den Überblick über vielversprechende neue Therapieansätze.

1. Operation

Moderne Verfahren: Immer schonender und präziser: Auf diese Formel lassen sich die neuen OP-Methoden bringen. So liefert etwa das robotergestützte Da-Vinci-System hochauflösende 3-D-Videobilder, die es dem Chirurgen erlauben, Tumorgewebe besser von gesundem zu unterscheiden. Ein ebenfalls innovatives Verfahren ist die intraoperative Bestrahlung. Bei ihr wird das Tumorbett schon während des Eingriffs bestrahlt. Die anschließende Strahlentherapie verkürzt sich oder kann sogar überflüssig werden. Bei Lebertumoren wiederum nutzt die neue OP-Technik ALPPS die einzigartige Regenerationsfähigkeit dieses Organs.

Zu den Pionieren gehört hier Prof. Karl J. Oldhafer, Asklepios Kliniken Hamburg. "Das Verfahren erlaubt die Entfernung bisher inoperabler Tumore." Die OP erfolgt in zwei Schritten: Zuerst trennen die Ärzte den befallenen Teil der Leber vom nicht befallenen ab. Gleichzeitig verschließen sie die Pfortader und drosseln so die Blutversorgung des kranken Lappens. Oldhafer: "Wir hungern den Tumor praktisch aus. Gleichzeitig steigert sich die Durchblutung im gesunden Teil – mit dem Resultat, dass er zu wachsen beginnt." Nach zehn bis 14 Tagen entfernen Ärzte das Stück mit dem Tumor. Der gesunde, nachgewachsene Teil übernimmt dessen Funktion.

In der Entwicklung: Als zukunftsweisend gilt das sogenannte iKnife, welches zurzeit am Imperial College in London erprobt wird. Es handelt sich dabei um einen Elektrokauter, der durch Stromstöße Gewebe zerstört. Das iKnife misst den Rauch des verbrannten Gewebes und analysiert in Sekunden, ob es sich um gesundes oder krankes Gewebe handelt.

2. Immuntherapie

Moderne Verfahren: Hierbei wird die körpereigene Abwehr gezielt auf die Krebszellen gelenkt. Und zwar mithilfe von Antikörpern oder durch die Gabe von aktiven, im Labor gezüchteten Immunzellen, die auf unterschiedliche Weise den Tumor zerstören. "Dank der Molekularbiologie weiß man bei vielen Tumoren heute sehr genau, welcher genetische Defekt zugrunde liegt", erklärt Prof. Bokemeyer, "und genau diese Schwachstelle nutzen wir aus."

So besitzen viele Krebszellen veränderte Eiweißmoleküle, die sie für das Immunsystem unsichtbar machen – Antikörper enttarnen sie und markieren sie als Feind. T-Zellen, auch Killerzellen genannt, können jetzt die Krebszellen zerstören. Andere Antikörper lösen die Blockaden des Immunsystems und machen so die Krebszelle wieder angreifbar.

In der Entwicklung: T-Zellen spielen auch in der Zukunft eine wichtige Rolle. Bokemeyer: "Wir wissen jetzt, welche Kontrollpunkte im Immunsystem die Aktivität der T-Zellen gegen Tumorzellen bremsen." Gentechnisch hergestellte Antikörper lösen die Blockade – und die entfesselten T-Zellen starten zum Generalangriff. Bokemeyer: "Wir setzen die Therapie im Rahmen klinischer Studien bei Blasen-, Lungen-, Magenund weiteren Tumorarten ein. Ein Drittel der Patienten spricht darauf sehr gut und zum Teil sehr dauerhaft an."

3. Chemotherapie

Moderne Verfahren: Die Wirkstoffe (Zytostatika) verteilen sich im ganzen Körper und bekämpfen so auch verstreute Metastasen. Weil die Zellgifte jedoch gesunde Körperzellen ebenso schädigen, kommt es häufig zu den gefürchteten Nebenwirkungen. Daher setzt die heutige Chemotherapie auf Mittel mit möglichst wenig Nebeneffekten. So werden einige der Zellgifte etwa verkapselt in Liposomen verabreicht, was sie wesentlich verträglicher macht.

In der Entwicklung: Um die Krebszellen möglichst effektiv angreifen zu können, werden in der medikamentösen Tumortherapie oft mehrere Wirkstoffe kombiniert. Prof. Bokemeyer: "Damit attackieren wir die Achillesferse des Tumors von verschiedenen Seiten." Getestet wird auch die Kombination von Chemotherapie mit Antikörpern aus der Immuntherapie. Auch hier geht der Trend zu einer noch zielgerichteteren und individuelleren Behandlung.

4. Strahlentherapie

Moderne Verfahren: Fortschritte der technischen Entwicklung werden hier besonders deutlich. Das sogenannte Cyberknife, ein OP-Roboter, attackiert Krebszellen dank Photonenstrahlen millimetergenau. Hochpräzise arbeitet auch die Strahlenkanone Gantry am Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT), die um 360 Grad drehbar ist. Vorteil: Sie kann den Tumor aus fast allen Richtungen mit kleinen geladenenen Teilchen (Schwerionen, Protonen) angreifen. Modernste Computertechnik sorgt dafür, dass die Strahlung punktgenau und gewebeschonend abgegeben wird.

In der Entwicklung:: Forscher des Fraunhofer Instituts arbeiten im Rahmen eines Kooperationsprojekts an einer intelligenten Software, die im Lauf der Sitzungen selbst kleinste körperliche Veränderungen analysiert – und so den Bestrahlungsplan für jeden Patienten individuell anpasst. Eine bislang zeitraubende Prozedur, aber eine, der die Zukunft gehört.


Krebs: Hier finden Sie Hilfe und Infos

Deutsche Krebshilfe
Eine gemeinnützige Organisation. Betroffene und Angehörige finden beim Infonetz Krebs (Tel. 0800/80 70 88 77, kostenfrei) Rat und Hilfe. Der Härtefonds unterstützt zudem Patienten in finanzieller Not.
www.krebshilfe.de

Deutsche Krebsgesellschaft
Größte onkologische Fachgesellschaft Deutschlands. Informationen zum aktuellen Stand der Diagnostik und Therapie von Krebs.
Tel. 030/32 29 32 90, www.krebsgesellschaft.de

Krebsinformationsdienst
Ein Angebot des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg. Es erteilt kostenlose telefonische Beratung zu allen Fragen rund um eine Krebserkrankung.
Tel. 0800/420 30 40 (täglich 8 bis 20 Uhr). Weitere Infos: www.krebsinformationsdienst.de

Netzwerk onkologische Spitzenzentren
Eine Initiative der Deutschen Krebshilfe. Sie gibt Überblick über die 13 deutschen Exzellenzzentren, die bei der Therapie diverser Tumorarten sowie in Forschung und Lehre derzeit führend sind.
Tel. 0800/80 70 88 77, www.ccc-netzwerk.de

Autor: Elke Polomski