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An der Charité in Berlin werden Zellkulturen untersucht.

An der Charité in Berlin werden Zellkulturen für personalisierte Krebsforschung untersucht. / Foto: © dpa

Diese neuen Methoden machen Hoffnung

Krebsforschung: Chemotherapie und Immuntherapie

Etwa 1,4 Millionen Deutsche leben derzeit mit der Diagnose Krebs. Viele von ihnen werden noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte damit verbringen – bei hoher Lebensqualität. Denn Krebs bedeutet heutzutage kein sicheres, baldiges Todesurteil mehr, er entwickelt sich zunehmend zu einer chronischen Krankheit.

Davon zeugen auch die Überlebensraten: Bei vielen Krebsarten ist der Anteil der Patienten, die fünf Jahre nach der Diagnose noch leben, seit den 1980er-Jahren deutlich angestiegen. Statistisch gesehen gelten diese Menschen als "geheilt", da nach einer Zeitspanne von fünf Jahren ein Rückfall wenig wahrscheinlich ist. Zu verdanken ist der Fortschritt verbesserter Früherkennung.

Zugleich aber sorgen neue Medikamente für bessere Behandlungsmöglichkeiten – sowohl in der Chemotherapie als auch in der noch jungen, aber vielversprechenden Immuntherapie. Im zweiten Teil unserer Medizinreihe stellen wir beide Bereiche vor.

➡ Chemotherapie

Viele Menschen denken bei Krebs als Erstes an Haarausfall, Übelkeit und furchtbare Leiden durch Chemotherapie. Die Realität sieht anders aus: Zum einen braucht längst nicht jeder Krebspatient eine Chemo, zum anderen ist die Behandlung inzwischen verträglicher und zugleich effektiver. "Uns stehen heute Medikamente zur Verfügung, die zielgerichteter wirken und weniger Nebenwirkungen haben", sagt Prof. Dirk Arnold von der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg im Breisgau.

Prof. Dirk Arnold

Professor Dirk Arnold (Foto: © dpa)

Eingesetzt werden sogenannte Zytostatika, die das unkontrollierte Zellwachstum des Tumors stoppen sollen. Diese Zellgifte haben unterschiedliche Wirkmechanismen, greifen aber meist alle Körperzellen an, die sich rasch teilen – was zu den typischen Nebenwirkungen führen kann. "Bei Brust-, Lungen- oder Darmkrebs ist eine Chemotherapie fast immer unverzichtbar, um tatsächlich möglichst viele Krebszellen im Körper zu vernichten", sagt Arnold.

Dennoch können die Mittel heute gezielter verabreicht werden als früher: Eine Untersuchung des Tumors gibt Hinweise, welche Substanzen den größten Erfolg versprechen. Oft werden mehrere Zytostatika kombiniert, damit sich die verschiedenen Wirkmechanismen optimal ergänzen. Da die Nebenwirkungen geringer und besser zu unterdrücken sind, erfolgt die Behandlung meist ambulant. Gewebe- und Gentests zeigen zudem, welche zusätzlichen Medikamente die Krebszellen gezielt angreifen können.

Aufgrund anderer Wirkmechanismen fallen diese Präparate nicht unter den Begriff Chemotherapeutika. Zu ihnen gehören Antihormone, die bei bestimmten Arten von Brust- oder Prostatakrebs eingesetzt werden. Sie blockieren Geschlechtshormone, die das Tumorwachstum fördern.

Relativ neu sind Präparate mit Antikörpern aus der Immuntherapie, die gezielt Tumorzellen bekämpfen. "Mit diesen molekularen Medikamenten hat die Chemotherapie einen intelligenten Bruder bekommen", so Arnold. Zu den Mitteln gehören etwa Angiogenese-Blocker. Sie unterdrücken die Bildung von Blutgefäßen, die in Tumoren verstärkt ist, und versuchen, den Krebs "auszuhungern".

Sogenannte Signalhemmer wiederum blockieren einzelne Wachstumssignale der Krebszellen und verringern so die Aggressivität der Erkrankung. Neue Möglichkeiten für die Chemotherapie bietet die Kombination von Antikörpern und Zytostatika. "Insgesamt geht die Entwicklung zu noch präziseren Medikamenten, die stärker auf den einzelnen Patienten ausgerichtet sind", so Prof. Arnold. "Auch wenn der Krebs nicht immer heilbar ist, wird er damit zunehmend beherrschbar – wie eine chronische Krankheit."

➡ Immuntherapie

Seit Jahren arbeiten Forscher daran, die körpereigene Abwehr gezielt auf die Krebszellen zu lenken. Grundproblem: Das Immunsystem muss in der Lage sein, die bösartig mutierten Körperzellen eindeutig von den gesunden zu unterscheiden. Auf der Suche nach Merkmalen entdeckten Molekularbiologen auf der Oberfläche vieler Krebszellen veränderte Eiweißmoleküle, sogenannte Tumorantigene.

Mehr als 2000 von ihnen sind unterdessen bekannt. Viele treten tatsächlich nur bei bestimmten Krebsarten auf, manche nur in speziellen Fällen. Die meisten findet man zwar gehäuft auf Tumorzellen, ebenso häufig allerdings auch auf gesunden. "Die Definition möglichst tumorspezifischer Antigene bildet die Basis für fast alle Immuntherapien", sagt Prof. Peter Krammer vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Eine Krebszelle

Eine Gebärmutterhalskrebszelle bei der Zellteilung (Foto: © picture-alliance / OKAPIA KG, Germany © ISM/OKAPIA)

Impfung gegen Tumorzellen

Ein Behandlungsansatz liegt in der Tumorimpfung: Dazu werden Immunzellen eines Krebskranken im Labor mit Tumorantigenen konfrontiert und dem Patienten dann wieder injiziert. Als Reaktion bildet sein Immunsystem Antikörper, die diese Antigene als feindlich erkennen, sodass die entsprechenden Zellen bekämpft werden. US-Forscher entwickelten nach diesem Prinzip einen Impfstoff für Patienten mit Prostatakrebs, der auch in Deutschland kurz vor der Zulassung steht.

Eine andere Strategie verfolgt die T-Zell-Therapie: Bei ihr werden tumorbekämpfende T-Killerzellen des Patienten im Labor mithilfe molekularbiologischer Verfahren vermehrt und dem Patienten zurückgegeben. "Damit macht man aus wenigen Soldaten praktisch eine ganze Armee", erklärt der Immunologe Prof. Krammer. Eine Variante dieser noch experimentellen Methode rettete im letzten Jahr der an Leukämie erkrankten Emily Whitehead aus den USA das Leben. Ein Virus diente dabei als Fähre, um neue Gene mit einer tumorspezifischen Information in die T-Killerzellen des Mädchens einzuschleusen.

"Der wichtigste Ansatz in der Krebsimmuntherapie ist derzeit aber die Behandlung mit Antikörpern", so Prof. Krammer. Ihre Fähigkeit, sich wie ein Schlüssel im Schloss an das jeweilige Tumorantigen zu heften, ermöglicht die Entwicklung gezielt wirkender molekularer Medikamente. Dafür werden gentechnisch hergestellte Antikörper so präpariert, dass sie giftige Substanzen zur Krebszelle transportieren oder deren Stoffwechsel stören. Bei einem anderen Verfahren werden Antikörper eingesetzt, um die Bremsen des Immunsystems zu lösen.

Wunder darf man allerdings auch von den Immuntherapien nicht erwarten. Dafür sind die molekularen Veränderungen bei den meisten Krebsarten zu komplex und zu individuell. "Außerdem gibt es das Problem der Resistenzentwicklung", sagt Prof. Krammer. "Greift das Immunsystem an, reagieren Tumorzellen oft mit einer Veränderung ihrer Struktur." Im Gegenzug rüstet die Forschung immer weiter nach. Ihr Ziel: immer individuellere Therapien.

Autor: Judith Heisig