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Lebensmittelproduktion

Lebensmittelproduktion am Fließband. - Foto: © picture alliance / Keystone

Preis für Qualität

Sind unsere Lebensmittel zu billig?

Warum ist Essen in Deutschland so preiswert? Kann billige Nahrung überhaupt gut sein? Die Qualität unserer Nahrungsmittel ist derzeit heiß diskutiert. Wir wollen Gutes einkaufen, zudem mit gutem Gewissen, doch es soll auch so günstig wie möglich sein.

Die Bundesbürger geben im Schnitt nur einen kleinen Teil ihres Haushaltsbudgets für Essen aus. Lediglich 14 Prozent des Haushaltsbudgets flossen bei Bundesbürgern 2014 im Schnitt in den Bereich Ernährung. Noch Anfang der 60er-Jahre mussten sie über ein Drittel der Ausgaben für Lebensmittel aufwenden, 1970 waren es noch 25 Prozent, 1980 nur noch 20 Prozent.

Zwei Dokus zum Thema billige Lebensmittel

In dieser Woche widmet sich das Fernsehen dem brisanten Thema mit zwei außergewöhnlichen Produktionen: Das Erste zeigt in der Doku "Verheizt für billige Milch" (Mo., 20.7., 21.50 Uhr) wie in Deutschland Kühe für die Massenproduktion leiden.

Das ZDF startet die vierteilige Doku "Schöne harte Welt" (ab Mi., 22.7., 23.15 Uhr, s. auch TV-Tipps rechts) in der Starkoch und Moderator Christian Rach mit anderen Prominenten wie den Schauspielern Gesine Cukrowski und Ingo Naujoks als Praktikanten in die Welt der Nahrungsmittelproduktion eintauchen und so am eigenen Leib erfahren, woher unsere billigen Lebensmittel kommen und unter welchen Bedingungen sie hergestellt werden.

Schoene harte Welt
Ingo Naujoks, Anna Kraft, Gesine Cukrowski, Christian Rach (v.l.) zu Beginn der Dreharbeiten zu "Schöne harte Welt" auf einer Teeplantage in Darjeeling, Indien. Foto: © ZDF / Nils Laschin

Rach und sein Team arbeiteten als Pflücker auf einer indischen Teeplantage in Darjeeling und fingen Thunfisch vor Indonesien, wo sie ihn in einer Fabrik weiterverarbeiteten. Sie wissen nun genau, was der Hinweis "Made in India" oder "Made in Indonesia" wirklich bedeutet.

Hack günstiger als Katzenfutter

Bleiben wir aber zunächst in Deutschland, betrachten wir zuerst unser Fleisch. So billig und in solcher Masse wurde es nie zuvor produziert. Jeder Deutsche vertilgt im Schnitt 90 bis 100 Kilo im Jahr - doppelt so viel wie von Gesundheitsexperten empfohlen. Fleisch ist der wichtigste Sektor der Ernährungswirtschaft. Im vergangenen Jahr wurden bei uns 638 Millionen Hühner geschlachtet, 59 Millionen Schweine, 37 Millionen Puten und 3,6 Millionen Rinder. Seit 1950 hat sich der Verzehr von Rind, Schwein und Huhn verdreifacht, die Preise dagegen sind gesunken. Mit dem Ergebnis, dass Discounter-Hackfleisch heute günstiger ist als Katzenfutter.

"Verrückt, aber das zeigt, dass bei uns etwas nicht stimmen kann", sagt Ernährungsberater Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Fleisch ist eindeutig zu billig. 98 Prozent in unseren Läden stammen aus der Massenzucht." Masse statt Klasse. Das hat Konsequenzen: Mehr als 900 Tonnen Antibiotika werden jährlich in deutschen Ställen verabreicht, damit Millionen Rinder, Hühner, Schweine und Puten, die hier auf engstem Raum vegetieren, sich nicht gegenseitig krank machen.

Um zu verhindern, dass Hühner aufeinander einhacken, stutzt man ihnen ihr sensibelstes Sinnesorgan, den Schnabel. Schweinen schneidet man den Ringelschwanz ab - bevor die Artgenossen ihn im Stall abbeißen. Die Turbomast ist eine Riesenindustrie. Hochgezüchtete Hühner setzen Muskeln vor allem an Schenkeln und Brust an, da sich dieses Fleisch am besten verkauft. Bittere Folge: Die Tiere können sich kaum noch auf den Beinen halten.

Fehlender Überblick und Informationen

"Die Mehrheit der Verbraucher ist klar gegen Massentierhaltung, kauft aber weiter billig ein", weiß Valet. Wie kommt das? "In Deutschland fehlen der Überblick und die Information", sagt der Ernährungsexperte. Bei uns ist das Fleisch kaum gekennzeichnet. Als Qualitätsmerkmal für Geschmack, Gesundheit, Tierschutz und Nachhaltigkeit gibt es nur "Bio" oder "nicht Bio". Nur "teuer" oder "billig". Anders ist es bei unseren französischen Nachbarn, wo der Kunde zwischen sieben Preis- und Qualitätsklassen wählen kann.

Keine Frage: Das teure Fleisch muss man sich leisten können. "Bioqualität kostet das Dreifache, bei Hühnchen sogar oft das Achtfache", sagt Valet. "Deshalb ist mein Rat: lieber einmal die Woche Fleisch oder in kleineren Portionen und in guter Qualität zu essen und sich öfter für Gemüse zu entscheiden." Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt pro Woche nur 300 bis 600 Gramm Fleisch und Wurst. Also deutlich weniger, als wir im Schnitt verzehren. Eine gute Alternative: Hülsenfrüchte. "Erbsen, Bohnen und Linsen sind preiswert und zudem sehr gesund", empfiehlt auch Ernährungsexperte Valet.

Kennzeichnung der Produkte hilft

Was eine bessere Kennzeichnung der Produkte bewirken kann, wurde am Beispiel der Eier sichtbar: In diesem Segment hat sich die Tierhaltung in Deutschland von Grund auf geändert. Noch im Jahr 2000 kamen 86,5 Prozent der Eier aus Käfighaltung. Seit 2004 müssen sie klassifiziert werden, was dazu führte, dass keiner mehr kaufen wollte, was unwürdig zusammengepferchte Hennen gelegt hatten. Die Discounter nahmen die Ware aus dem Programm, seit 2009 ist Käfighaltung in Deutschland verboten.

Fakt ist leider auch: Während man die Massenställe bei uns abbaute, wurden sie in Osteuropa wieder aufgebaut. Diese Eier landen bei uns nun in Fertigprodukten, Nudeln und Gebäck. Auf der Packung gibt es dazu bis heute keine Hinweise. Zudem ist in der Ware oft eine Reihe von unnötigen Zusatzstoffen verarbeitet: Geschmacksverstärker, Farb- oder Konservierungsstoffe. "Je kürzer die Zutatenliste, umso unverfälschter ist das Produkt", sagt Valet. Das gilt auch für Molkereiprodukte.

Milch von Turbokühen

Die gute Nachricht vorweg: Um die Qualität der deutschen Milch steht es gut. Eine aktuelle Untersuchung von "Öko-Test" ergab: Zwei Drittel der Ware wurden mit "sehr gut" oder "gut" ausgezeichnet. "Der Milchpreis ist zurzeit so niedrig, weil das Angebot der Bauern sehr groß ist", erklärt Sascha Weber, Experte für Milchwirtschaft am Thünen-Institut für Marktpreisanalyse. "Wir erwarten, dass er zum Jahresende wieder steigt. Wenn die Milch wieder teurer wird, wird sie dadurch aber nicht besser. Der Preis hat in dem Fall keine Auswirkungen auf Qualität. Der Liter vom Discounter ist nicht schlechter. Das Markenprodukt ist meist nur teurer, weil die Kosten für Marketing und Werbung höher sind."

In der ARD-Doku "Verheizt für billige Milch" widmen sich die Filmemacher Edgar Verheyen und Monika Anthes einem ganz anderen Aspekt der Milchwirtschaft: dem Wohl der Tiere. Weniger als 20 Prozent unserer Kühe stehen auf der Weide. Der Rest wird in Ställen gehalten und dort meist auf Hochleistung getrimmt. Sogenannte Turbokühe geben bis zu 12.000 Liter Milch im Jahr - 1960 waren es noch 4000 Liter. "Je mehr Leistung die Tiere bringen, umso früher sterben sie", sagt Dokufilmer Verheyen. "Eine solche Kuh wird heute etwa vier Jahre alt, unter guten Umständen könnte sie aber bis zu 18 Jahre leben."

Hauptursache für den frühen Tod ist das Kraftfutter aus Soja und Mais in der Turbomast. Es wirkt wie Doping, soll die Tiere zu Spitzenleistungen treiben. Da ihre Mägen es nicht richtig verarbeiten können, macht es aber auch krank. Kühe sind Grasfresser und Wiederkäuer, das Futter scheint also nicht artgerecht - ist vom Gesetzgeber allerdings erlaubt. Experten behaupten, die Turboproduktion gehe nicht immer und unbedingt zulasten der Tiergesundheit, und Erkrankungen würden sich vor allem in schlecht geführten Betrieben häufen.

Für welche Tüte im Milchregal sollte man sich also entscheiden? "Die Qualität der herkömmlichen Milch ist gut, aber wenn das Geld keine Rolle spielt, empfehle ich Weidemilch", sagt Ernährungsberater Valet. "Durch das Leben auf der Wiese enthält sie mehr der gesunden Omega-3-Fettsäuren, die der Mensch gut verwerten kann. Doch Vorsicht beim Einkauf: Weidemilch ist noch kein geschützter Begriff, man muss genau hinschauen." Gewinner im aktuellen "Öko-Test"-Bericht ist die Edeka-Eigenmarke "Unsere Heimat Bio-Vollmilch Heumilch".

Augen auf beim Obstkauf!

Wie bei der Milch drücken die Discounter auch bei Obst und Gemüse kräftig die Preise. Trotzdem setzen sie auf den Biotrend. "Grundsätzlich empfehle ich immer, zu Bio zu greifen. Die Produkte sind in der Regel gesünder und weisen weniger oder gar keine Rückstände von Pestiziden auf", sagt Valet. "Wichtig zu wissen: Bio vom Discounter ist nicht schlecht." Auch da würden die festgelegten Regeln eingehalten, die allerdings seien nicht so streng wie bei Demeter oder Bioland. Wer bei Aldi eine Biogurke aus Rumänien kauft, bekommt den guten Preis vor allem deshalb, weil die Lohnkosten dort deutlich niedriger sind als bei uns.

Eine Untersuchung von Greenpeace ergab: 80 Prozent des konventionell erzeugten frischen Obsts im Supermarkt enthalten Pestizide. Bei Gemüse sind es über 55 Prozent. Untersucht wurden deutsche und importierte Früchte. Experten rechnen vor, dass diese Produkte tatsächlich zu billig angeboten werden. Ihr Preis sei in Wirklichkeit deutlich höher. Die Kunden würden nicht im Supermarkt, sondern an anderer Stelle dafür zahlen: mit ihren Steuern. Denn es kostet Milliarden, Nitrat und Pestizide aus dem Trinkwasser zu filtern.

Nachhaltigkeit spielt auch beim Fisch eine große Rolle. Das erlebte Moderator Christian Rach beim Dreh in Indonesien: "Wir waren mit einem Fischerboot unterwegs. Meine Erkenntnis: Das Meer ist leer gefischt! Es ist erschreckend. Außerdem habe ich erlebt, welch aufwendige Handarbeit in jeder Dose Thunfisch steckt."

Warum sind unsere Lebensmittel so günstig?

Wie kann es demnach sein, dass viele Esswaren bei uns so günstig angeboten werden? Die Antwort: Zum einen zahlen wir nur sieben Prozent Mehrwertsteuer für Lebensmittel - deutlich weniger als etwa die Dänen, die 25 Prozent berappen müssen. Zum anderen bestimmen bei uns die Discounter den Preis, da sie 40 Prozent Marktanteil am Lebensmittelhandel halten. Zum Vergleich: In Frankreich sind es gerade mal elf Prozent. Erst die Masse macht die Niedrigpreise möglich - manchmal leider zulasten der Qualität und des Tierwohls.

Und wie behält man nun beim Einkauf die Orientierung im verwirrenden Dschungel der Nahrungsindustrie? Etwa mit dem HÖRZU-Einkaufsratgeber. Faustregel: Bio ist in jedem Fall besser - auch wenn es vom Discounter kommt. Ansonsten hat jeder die Wahl, einen Preis für Nachhaltigkeit zu zahlen - außer beim Fleisch. Da gilt: Billig hat keine Zukunft. Sonst vergeht uns allen bald der Appetit.

Autor: Mirja Halbig