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Projekt Huehnerhof ZDF

Dirk Steffens organisiert seinen eigenen Hühnerhof: Freilaufende Tiere will er nach
besten Bio-Methoden mästen. Foto: ZDF / Sandra Hoever

Wie billig darf ein Huhn sein?

Im TV: "Projekt Hühnerhof"

Kaum gehen die Stalltüren auf, strömen scharenweise Hühnchen ins Freie. Mit ihrem schneeweißen Gefieder fallen sie im Gras sofort auf, auch wenn die Halme sie überragen. Die einen gackern munter vor sich hin, andere jagen Regenwürmer, wieder andere dösen in der Sonne. In Jeans und Karohemd kommt der Landwirt und schaut nach dem Rechten.

Idyllisch, so ein Hühnerleben – leider nur, wenn der Bauer Dirk Steffens heißt. Sonst sieht ein Huhn die Sonne nicht einmal beim Transport zum Schlachthof, denn der wird nachts abgewickelt. Zudem verbringt das Tier die Fahrt mit 23 Kolleginnen in einer dunklen Schublade eingesperrt. Auch im durchschnittlichen Maststall, wo meist 41.000 Hühner leben, gibt es lediglich elektrisches Dämmerlicht. "Die industrielle Mast hat mit Bauernhof und Landwirtschaft, wie wir sie uns vorstellen, gar nichts mehr zu tun", sagt Dirk Steffens.

Experiment Hühnermast

Für die Doku "Projekt Hühnerhof" (Sa., 30.9., 20.15 Uhr, ZDF, s. auch TV-Tipps rechts) machte der Wissenschaftsjournalist ein einzigartiges Experiment: Innerhalb von rund zweieinhalb Monaten mästete er 2500 Küken. Dabei hielt er die Tiere sowohl artgerecht als auch ökologisch. „Um das Experiment auf die Spitze zu treiben, wollte ich, dass es den Hühnern extrem gut geht“, sagt Steffens. Sie bekamen Auslauf, hatten insgesamt pro Kopf gut vier Quadratmeter zur Verfügung und fraßen Getreide aus ökologischem Anbau. Am Ende des Experiments standen zwei Fragen: Was kostet ein Huhn, das nach so strengen Standards gehalten wird? Und: Sind Kunden bereit, einen so hohen Preis zu zahlen?

Geiz ist gefährlich

"Es kann nicht sein, dass wir uns teure Autos, Flachbildfernseher und Markenklamotten leisten und beim Essen wie verrückt sparen", sagt Steffens. "Trotzdem regen wir uns auf, wenn Bilder von gequälten Hühnern auftauchen, und schimpfen auf die Mäster." Geiz ist gefährlich Es ist ein Teufelskreis: Weil Kunden immer billigeres Fleisch wollen, setzen die großen Supermarktketten die Produzenten unter Druck. "Handel und Verbraucher trifft dabei die gleiche Schuld", meint Steffens. Die Folge: Hühnchenfleisch kostet heute oft weniger als Katzenfutter.

Kein Heu, keine Ablenkung

Doch die Billigangebote haben auch ihren Preis. Im herkömmlichen Maststall gibt es kein Heu, keine Stange, keine Ablenkung. Auf dem Betonboden drängen sich Abertausende von Hühnern, jedes hat ein DIN-A4-Blatt Platz. "Es sieht aus wie eine einzige weiße Fleischschicht, unter der man den Boden nicht sieht", sagt Steffens. Als Teil dieser "Fleischschicht" fristet ein Masthuhn sein trauriges Leben: Innerhalb von 42 Tagen frisst es sich vom wenige Gramm leichten Küken zum 2,5-Kilo-Fettklops. "Die Tiere wachsen schneller, als es ihr Körper verkraftet", erklärt Steffens. "Gelenke und Sehnen gehen kaputt, die Tiere fallen vornüber und können nicht laufen.“

Turbowachstum führt zu Enge im Stall

Der Grund für das schnelle Wachstum ist eine Kombination aus Zucht und Futter. Masthuhnrassen sind dazu veranlagt, schnell viel Fett anzusetzen. Ihre Nahrung ist so hochkalorisch, dass konventionelle Mäster nicht einmal eineinhalb Kilo füttern müssen, um ein Kilogramm Fleisch zu gewinnen. Oft sind genmanipulierte Pflanzen im Futtermix, der Großteil wird importiert, etwa aus dem Amazonasgebiet, wo heute vielerorts anstelle von Regenwald Gensoja für europäische Masthühner steht. Das Turbowachstum der Hühner führt nach wenigen Wochen zu einem Engpass im Stall.

Die Gesetze beschränken nicht die Zahl der Hühner pro Quadratmeter, sondern das Lebendgewicht. 33 Kilo Hühnerfleisch dürfen sich maximal auf einem Quadratmeter befinden – was nach rund 30 Tagen erreicht ist. Daher wird ein Drittel der "Ware" nach einem Monat "geerntet": mit einem Individualgewicht von ungefähr 1,5 Kilo. "Das sind dann die Hähnchen, die wir als Broiler an der Frittenbude kaufen", so Steffens. Die restlichen zwei Drittel wachsen noch zehn Tage weiter, werden ein Kilo schwerer und landen im Supermarkt.

Die Gefahren der Massenmast

Damit eine Mastrunde überhaupt bis zur Schlachtung durchhält, gibt es meist Medikamente ins Trinkwasser. "Mehr als 90 Prozent der Hühner, die wir kaufen, sind mit Antibiotika in Kontakt gekommen", sagt Steffens. Viele Tiere auf engem Raum ergeben ein hohes Krankheitsrisiko. Selbst wenn der Tierarzt nur 100 kranke Hühner findet, behandelt er im konventionellen Stall vorsorglich das gesamte Federvieh. Die Folgen sind bekannt: Multiresistente Keime entstehen, Medikamente werden wirkungslos – auch beim Menschen.

Die Lage ist so dramatisch, dass sogar Ärzte Initiativen gegen Massentierhaltung gegründet haben. "Es kann nicht Ziel sein, so billiges Fleisch zu produzieren, dass wir uns damit krank essen", sagt Steffens. Nicht nur Arzneirückstände machen Fleisch ungesund, auch die Menge, die wir verzehren: mehr als 60 Kilo jährlich pro Person. Das belastet den Körper. "Jeder Verbraucher hat jeden Tag die Wahl", sagt Steffens. Jeder hat die Möglichkeit, beim Fleischkauf zum Schnäppchen zu greifen. Aber nicht jede Möglichkeit muss man nutzen.

Autor: Susanne Schumann