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Christian Rach ist Infotainer beim ZDF

Früher Koch, heute "Infotainer" beim ZDF: Christian Rach Foto © picture alliance / ZB

So isst Deutschland

Christian Rach im Interview

Der Norden mag Matjes, der Süden Braten. Welches Gericht aber ist deutschlandweit am beliebtesten? Diese und andere Ernährungsfragen klärt Christian Rach in der neuen Sendung "Rach tischt auf!" (siehe TV-Tipp). Im HÖRZU-Gespräch erklärt er, weshalb er die Titel "TV-Koch" und "Restauranttester" damit ablegt und ab jetzt Infotainer ist.


HÖRZU: In Ihrer neuen Sendung "Rach tischt auf!" wollen Sie unterhaltsam wichtige Fakten über die Ernährung der Deutschen präsentieren. Welche Fragen waren besonders spannend?

Christian Rach: Zu jeder Frage gibt es interessante Geschichten zu erzählen – egal wie einfach sie gestellt ist. Ein Beispiel: Deutschland wird im Ausland immer noch als Land der Kartoffelesser dargestellt. Da ist es spannend zu sehen, wie viele Kartoffeln wir heute tatsächlich noch essen, und welches Produkt die Kartoffel abgelöst hat. Wir fragen auch: Wann wurde die Nudel zur Pasta – und was steckt dahinter? Reines Marketing? Oder: Warum ist den meisten Restaurantbesuchern das Wasser "Pellegrino" bekannt? Kein Land in Europa hat so viele Quellen wie Deutschland. Aber was trinken wir? Italienisches Wasser.

HÖRZU: Das Thema Ernährung ist ein Trend, auch im TV. Warum ist heute mehr Aufklärung nötig?

Christian Rach: Umfragen zeigen: Das Renommee der Lebensmittelindustrie liegt gleichauf mit dem der Banken – weil die Verbraucher tiefgreifendes Misstrauen entwickelt haben. Woher das kommt, habe ich gerade selbst in Frankfurt erlebt: Im Verkauf wurden Nordseegarnelen angeboten, darunter stand: "Produziert in Aquakultur in Bangladesch". Da wissen Sie, dass es nach wie vor Verbrauchertäuschung gibt. Das machen die Leute nicht mehr mit.

HÖRZU: Haben also die Konzerne über Jahre hinweg systematisch Schlupflöcher ausgenutzt und das Vertrauen der Konsumenten verspielt?

Christian Rach: Wir wollen nicht über die kriminelle Energie diskutieren, die es in jedem Sektor gibt. Jemand, der betrügen möchte, kann immer betrügen. Davon abgesehen haben wir natürlich viele gesetzliche Bestimmungen, bei denen mal überprüft werden müsste, ob die noch modern genug sind.

HÖRZU: Bei welchen Produkten greifen Sie selbst im Supermarkt zu?

Christian Rach: Berufsmäßig gucke ich mir vor allem Produkte an, die ich nicht kenne. Und dann muss ich erst mal meine Brille rausnehmen, weil die Dinge darauf meistens viel zu klein geschrieben sind. Das Verbraucherministerium will die Schriftgrößen zwar bald ändern – aber durch Lobby-Einfluss ist der ehemalige Beschluss doch wieder gelockert worden. Ich sage: Kaufen Sie bitte kein Produkt, dessen Etikett Sie nicht lesen können. Und wenn Sie es lesen können, kaufen Sie es nicht, wenn Sie nicht verstehen, was dort steht. Eine großartige Regel! Wenn Sie aber ein Produkt haben, auf dem Sie alles lesen und verstehen und sicher sein können, dass es ohne Chemie, ohne künstliche Aromastoffe, ohne Farb- und Konservierungsstoffe gemacht wurde, können Sie es auch essen, wenn es Ihnen schmeckt. Dann haben Sie etwas Wunderbares.

HÖRZU: Keinerlei Vorbehalte gegen abgepackte Produkte?

Christian Rach: Ich persönlich bin nicht gegen Fertigprodukte oder sogenannte Convenience- Produkte, die das Leben angenehmer machen sollen. Nur die wenigsten haben Lust, nach acht oder zehn oder zwölf Stunden Arbeit abends noch eine Mohrrübe zu waschen, zu schälen und zuzubereiten. Das ist zwar schade, aber genau dafür gibt es Alternativen – allerdings auch schlechte. Die Kunst besteht darin, die gute Alternative zu finden.

HÖRZU: Ist Essen heute eigentlich mehr Kopfoder eher Bauchsache?

Christian Rach: Grundsätzlich sitzt im Bauch nur das Hungergefühl, alles andere ist im Kopf. Wenn man in Südfrankreich auf einem Hügel sitzt und tafelt, während die Sonne untergeht und es nach Rosmarin und Lavendel duftet, dann ist das Geschmackserlebnis sensationell, obwohl die Dorade auf dem Teller vielleicht viel zu dunkel ist und der Wein viel zu warm. Nimmt man den Wein aber mit nach Hause und kocht das gleiche Gericht – was ist dann? Das Empfinden ist komplett anders! Der Geschmack wird im Kopf manipuliert, nicht im Bauch.

Christian Rach

Christian Rach ist ab dem 20.Februar im ZDF "Rach tischt auf" zu sehen - Foto © ZDF/Thomas Pritschet


HÖRZU: Was sind unsere häufigsten Ernährungsfehler?

Christian Rach: Wir essen zu viel weißes Mehl, zu viel Zucker, zu viel Fett. Das ist unbestritten. Zucker wird überall zugesetzt und ist verlockend, weil wir lieber süß als bitter essen. Dabei brauchen wir Bitterstoffe, um zu entschlacken. Sie rufen im Körper größere Sensibilität hervor und schärfen unseren Geschmack, weil wir in Habachtstellung gehen. Denn in der Regel ist Bitteres in der Natur nicht bekömmlich für uns. Also schmecken wir bitter intensiver. Aber es ist eben auch anstrengender.

HÖRZU: Gibt es unterdessen Produkte, die Sie aufgrund Ihres Wissens meiden?

Christian Rach: Ja. Aber ich werde nicht sagen, welche. Als Privatmensch erwähne ich kein Produkt negativ, ich lasse es einfach weg. Ein Beispiel: Würden wir etwa über Vanilleeis sprechen und dabei die zwei bekanntesten Produkte nicht erwähnen, wäre das Urteil genug – ohne dass ich mich ins juristische Feuer begebe. Ich will nicht mit Schadensersatzprozessen in Millionenhöhe überzogen werden.

HÖRZU: Aber im Discounter würden Sie Ihre Lebensmittel nicht kaufen?

Christian Rach: Nein, das kann man so nicht sagen. Aber als Koch macht mir Kochen nach wie vor Spaß, und es geht mir auch schnell von der Hand. Daher werde ich nie fertige Brühe im Kühlschrank haben. Aber es gibt gute, fertige Brühen, die man nutzen kann, ohne sich zu vergiften. Ich brauche das nicht. Ich nehme mir Zeit, Dinge vernünftig frisch einzukaufen, also auf Märkten.

HÖRZU: Welche fünf Lebensmittel sollte man immer zu Hause haben?

Christian Rach: Ein Paket Butter, eine Flasche Olivenöl, ein paar Zitronen, Zwiebeln und Knoblauch. Und falls möglich, immer ein frisches Kraut, am simpelsten wäre Petersilie. Man kann mit Knoblauch, Olivenöl, einem Spritzer Zitronensaft und Petersilie eine wunderbare Sauce machen zu allem, was man brät. Oder aus Butter, angebratenen Zwiebeln und ein bisschen Zitronensaft eine Buttersauce für gekochte Nudeln, Fleisch, Fisch oder vegetarische Gerichte.

HÖRZU: Was ist schwieriger: gut einzukaufen oder gut zu kochen?

Christian Rach: Gut einzukaufen. Warum? Weil gutes Einkaufen ein größeres Wissen voraussetzt als gutes Kochen. Gut kochen können Sie auch nach Gefühl, gut einkaufen ist rein gefühlsmäßig nicht möglich.

HÖRZU: Was ist beim Einkauf am wichtigsten?

Christian Rach: In Zeiten moderner Kommunikation sage ich: Sie brauchen einen Einkaufszettel! Er zwingt Sie, sich schon zu Hause Gedanken über die Mahlzeiten der nächsten Tage zu machen. Sie kontrollieren Ihre Vorräte, kaufen nicht zu viel, schmeißen weniger weg. Sie sparen Geld und sind weniger anfällig für Einkaufsfallen wie etwa Sonderangebote – denn was nicht auf dem Zettel steht, brauchen Sie nicht. Auch der typische Griff nach hinten im Frischeregal, um länger haltbare Produkte zu greifen, ist hinfällig, weil Sie genau wissen, dass Sie Ihren Einkauf bald verarbeiten werden. Das erfordert Disziplin, Wissen und Struktur. Und das hat von zehn Menschen vermutlich nur einer.

HÖRZU: Was sehen Sie, neben Sonderangeboten, noch als Einkaufsfalle?

Christian Rach: Kinderprodukte zum Beispiel. Da steht „Kinder“ drauf, ein Held ist abgebildet, alles schön bunt verpackt – also denken Mama, Papa und Kind: Das ist ein Kinderprodukt Wenn Sie auf die Zutatenliste gucken, unterscheidet es sich aber nicht vom Erwachsenenprodukt. Darum würde ich sagen: Es gibt gar keine Kinderprodukte! Es gibt nur Werbeprodukte für Kinder.

HÖRZU: Reicht da überhaupt noch Aufklärung – oder bräuchten wir auch Verbote?

Christian Rach: Nein, die brauchen wir nicht. Wir Deutschen wollen alles so gerne reguliert haben. Wenn irgendwo ein Ei schlecht war, schreit man sofort nach der Hygiene-Ampel. Und was wäre, wenn wir die hätten? Dann bekäme ein Koch, der im Umkleideraum mal seine Schuhe nicht in, sondern auf den Spind stellt, statt des grünen einen gelben Smiley, weil er gegen Hygienevorschriften verstoßen hat – denn wenn man nach oben greift, könnte einem ja was auf den Kopf fallen. Ich kenne keinen Fall, bei dem in der Gastronomie jemand aufgrund von Hygienemängeln gestorben ist – im Gegensatz zu Krankenhäusern. Interessant wäre vielmehr, Produzenten oder Erzeuger, bei denen etwa mal Dioxineier aufgetaucht sind, im Nachklang besser zu kontrollieren.

HÖRZU: Bei RTL haben Sie lange als "Rach, der Restauranttester" Gaststätten unter die Lupe genommen. In welcher Rolle sehen Sie sich nun beim ZDF?

Christian Rach: Als jemand, der wichtige Informationen unterhaltsam darbringt. Wir werden Infotainment machen und hoffentlich am Ende des Tages eine Haltung präsentieren. Aber ich bin nicht Thomas Gottschalk, Markus Lanz oder Johannes B. Kerner, die schnellen Schrittes die Showtreppe hinunter zu den Zuschauern eilen. Meine Stärke ist, glaube ich, der Umgang mit den Leuten, die direkte, klare Ansprache. Ich will mittendrin sein, nicht in einem Pappmachéstudio, sondern in echtem Ambiente – unsere Kulisse wird darum die Hamburger Fischauktionshalle sein.

HÖRZU: Gibt es noch andere Themen, die Sie beim ZDF aufgreifen wollen?

Christian Rach: Ja, Politik. Wir haben erkannt, dass Essen und Trinken mehr sind als bloße Nahrungsaufnahme: Es sind Kulturgüter, die Millionen von Menschen, ja uns alle, bewegen. Also gehört dieses Thema auch in die Politik. Da wäre es doch spannend, mal "Meinungen zum Kochen" zu bringen.

Autor: Melanie Schirmann